In Boliviens Anden liegt so viel Schnee, dass Lastwagen darin stecken bleiben und der Flughafen von Uyuni schließen musste. Die bolivianische Tageszeitung Los Tiempos berichtet, dass die Region Potosí den klimatischen Notstand ausgerufen hat. Der Zivilschutz zählt inzwischen 26.220 betroffene Familien in 323 Gemeinden, und winterlich bleibt es dort bis in den September.
Auf dem Pass La Cumbre, 4.200 Meter über dem Meer, stiegen Passagiere am Mittwoch aus ihren Bussen und gingen zu Fuß weiter. Vor ihnen standen Lastwagen zwischen Schneewänden, hinter ihnen ebenso.
26.220 Familien und 323 Gemeinden betroffen
Am härtesten trifft es den Südwesten des Landes, und damit ausgerechnet die Gegend, die Bolivien reich machen soll. Rund um Uyuni liegt der größte Salzsee der Welt, darunter die größte Lithiumreserve des Landes – Rohstoff für die Batterien, die auch in deutschen Elektroautos stecken.
Der weißeste Ort Südamerikas ist jetzt aus dem falschen Grund weiß. Der Vizeminister für Zivilschutz, Roberto Rivero, meldet allein für Uyuni 8.364 betroffene Familien, 2.350 von ihnen haben ihr Zuhause verloren.
In der Bergbaugemeinde Atocha sind 7.433 Familien betroffen, in Llallagua 73 Ortschaften. Das berichtet die Nachrichtenseite Infobae unter Berufung auf offizielle Angaben.
Die Regionalregierung von Potosí hat per Dekret 202 den klimatischen Notstand erklärt. Damit kommt sie an Nothilfemittel, die sonst monatelang durch Gremien wandern. Angefordert sind Futter, Decken, Tiermedizin, Grundnahrungsmittel und schweres Räumgerät.
Wer eine Bolivien-Reise gebucht hat, sollte vor Abfahrt die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts prüfen. Welche Pässe befahrbar sind, entscheidet sich derzeit stündlich.
La Cumbre auf 4.200 Metern: Passagiere gehen zu Fuß
Mehr als 360 Menschen wurden in den vergangenen Tagen aus festgefahrenen Fahrzeugen geholt, darunter rund 60 italienische Touristen auf der Rückfahrt vom Salzsee. Roms Außenministerium schaltete seine Krisenstelle ein und kümmerte sich um etwa hundert Landsleute.
Drei US-Amerikaner saßen über 30 Stunden an der Laguna Colorada fest, zwei Franzosen holte das Militär aus Quetena heraus.
Bei Confital auf der Strecke Cochabamba–Oruro harrten Lkw-Fahrer in ihren Kabinen aus, während der Schnee die Fahrzeuge zudeckte. Die Kälte halte niemand mehr aus, zitiert die Zeitung El Deber die Festsitzenden.
Der Flughafen Joya Andina in Uyuni stellte den Betrieb ein, drei Grenzübergänge nach Chile wurden geschlossen, die Schulen in Oruro wechselten auf Distanzunterricht.
Dort ereignete sich auch der schwerste Zwischenfall: Im Stadtzentrum brach ein dicker Ast unter der Schneelast ab und traf eine ältere Frau tödlich. Die Regierung untersucht den Fall. Auf der Strecke Unduavi–Chulumani in den Südyungas brach nach Angaben der Straßenbehörde ABC ein Stück Fahrbahn weg.
Am Mittwochnachmittag rollte der Verkehr über La Cumbre wieder. Die ersten Familien aus La Paz fuhren hoch, um im Schnee zu spielen.
„Wir hatten es gut da unten“: Ehepaar (89 und 94) zieht bei 42 Grad in den Keller
160.000 Lamas und Schafe ohne Weide
Zweihundert Kilometer weiter südlich spielt niemand. Im Hochland von Sud Lípez leben die Menschen von Lamas, Alpakas und Schafen, und die stehen seit Tagen auf zugedecktem Boden.
Die Regionalregierung von Potosí beziffert die Zahl gefährdeter Tiere auf mehr als 160.000. Rund um Uyuni sind 78.755 Kamelartige betroffen, 750 sind verendet. Bei Villazón an der argentinischen Grenze liegen 55.000 Hektar Weide unter Schnee.
Das Gras ist da, die Tiere kommen nur nicht daran. Futter muss herangefahren werden, über Pisten, die selbst verschneit sind.
Zwei Millionen Bolivianos hat die Region freigegeben, nach offiziellem Kurs rund 250.000 Euro. Die eigene Katastrophenschutzstelle nennt die Summe unzureichend und will drei Millionen nachlegen, allein für Futter.
Der Bürgermeister von San Pablo de Lípez, Filemón Flores, fuhr selbst zu den Ställen hinaus. „Es schneit in diesem Moment weiter“, sagte er nach seiner Rundfahrt, wie Los Tiempos berichtet.
Oben auf dem Pass ist der Schnee ein Ausflugsziel. In Sud Lípez ist er eine Existenzfrage.
Warum es im August in den Anden schneit
Südlich des Äquators ist August tiefster Winter. Kalte Luftmassen ziehen von der Antarktis nordwärts, und trifft eine solche Front auf das Altiplano, fällt Schnee – mitten in der Trockenzeit.
Dazu kommt die Höhe. La Paz liegt auf 3.650 Metern, Uyuni auf 3.656, die Bergstadt Potosí auf 4.090.
Extrem sind die Werte trotzdem. Im Juli maß der Wetterdienst Senamhi in Jesús de Machaca minus 14,2 Grad, im Südosten Potosís waren es in diesem Jahr schon minus 18.
Ungewöhnlich ist vor allem die Häufung. Schon vom 9. bis 12. August galt in denselben fünf Departements orangefarbene Warnstufe, keine Woche später kam die nächste Front. Sechs Departements meldeten zuletzt Schnee, von La Paz bis Tarija.
Bis Mitte September bleibt es winterlich
Für das Altiplano erwartet der Senamhi keine großen Schneefälle mehr, eine trockene Luftmasse zieht ein. Oberhalb von 4.500 Metern bleiben Flocken möglich, morgens Frost.
Ein weiteres Kaltluftpaket hält die Temperaturen unten. Meteorologe Jaime Llanque stellte klar, dass an ein Ende der Saison nicht zu denken sei.
Der Winter im bolivianischen Hochland endet erst in der zweiten Septemberhälfte. Bis dahin sind es gut vier Wochen.
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