Trotz heftiger Regenschauer sind am Sonnabend 17 000 Opernfreunde zum Ensemble der Staatsoper Unter den Linden in die Waldbühne gepilgert. Bei Wein und Buletten genossen sie Mozarts "Zauberflöte" unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim."Man muß die Berliner einfach gernhaben. Die stört das schlechte Wetter überhaupt nicht." Mukkus Reinecke aus Kiel war beeindruckt. Denn obwohl sich Wolkenbrüche und Nieselregen abwechselten, ging es in der nahezu ausverkauften Waldbühne zu wie auf einem Volksfest.Bereits zwei Stunden vor Beginn der Aufführung hatten es sich die meisten Besucher unter einem Meer von Schirmen gemütlich gemacht. Gegen die Nässe von unten schützten Kissen, Plastikplanen und Kartondeckel. Gegen die Kälte von innen halfen nur heiße Buletten und Hochprozentiges. Die Verkäufer an den Würstchen- und Bierständen hatten jedoch nicht viel zu tun, denn bei Klassik-Konzerten dürfen die Zuschauer in der Waldbühne ausnahmsweise picknicken. Und diese Möglichkeit ließen sich die Zuschauer nicht entgehen.Markus Klingbeil aus Reinickendorf hatte seine Kühltasche mit zwei Flaschen Weißwein, Lachshäppchen und Knoblauch-Baguettes gefüllt. "Dabei vergißt man den Regen", meinte er. Hyoun-A Joo, Soo-Jury Park und Young Suh aus Korea aßen aufgeweichte Sushis: "Die Atmosphäre ist so toll hier."Nur aus Schwarzbrotstullen bestand der Proviant von Liselotte und Hans Meyer aus Treptow. Doch ums Essen ging es dem Rentner-Paar auch nicht. "Wir waren das letzte Mal 1961 kurz vor dem Mauerbau hier. Seit Jahren haben wir schon einen Besuch geplant." So ganz glücklich fiel das Wiedersehen nicht aus: "Wir befürchten, daß uns die Staatsoper eine moderne ,Zauberflöte vorflötet. Und Nilpferde wollen wir nicht sehen." Aber Nilpferde traten auch nicht auf, dafür jede Menge anderer wilder Tiere in Form von Statisten, die in Löwen- und Affenkostümen auf allen vieren über die Bühne krochen.Dort war es reichlich eng, denn Dirigent Daniel Barenboim und seine Musiker waren aus dem pitschnassen Orchestergraben auf das überdachte Podium geflüchtet. Nur Vogelfänger Papageno hüpfte mit einem Regenschirm durch das Gras, und vom "klatschfreudigen" Publikum gab·s den ersten Szenen-Applaus.Manchen Zuschauern war August Everdings Inszenierung allerdings zu volkstümlich. "Das ist ja wie im Zirkus. Mit Oper hat das nichts mehr zu tun", entrüstete sich Dorothee Lachner. Auch andere Gäste fühlten sich gestört. Aufgespannte Regenschirme versperrten ihnen die Sicht. Es kam zu Rangeleien. Und die Polizei mußte sogar zwei Anzeigen wegen Körperverletzung aufnehmen.Thorkit Treichel
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