Franziska Groszer heißt eigentlich Franziska Großer. Das "Künstler-sz" hat sie sich in Anlehnung an ihre Schwiegermutter Lucie Groszer zugelegt, die im Sommer 1945 den ersten Kinderbuchverlag im Nachkriegsdeutschland gründete und das bei der Schreibweise in Versalien entstehende SS unbedingt vermeiden wollte.Etwas Exzentrisches hat die Schriftstellerin an sich; Franziska Groszer teilt mit, wo andere erzählen. Sie schreibt Geschichten, will selbst aber keine sein, jedenfalls nicht unverschlüsselt. In ihren Büchern finden sich wohl Spuren eigenen Lebens. "Aber wen interessiert das?", sagt sie.Es geht ihr nicht so schlecht wie anderen Schriftstellern - "Nenne mich bitte nicht Kinderbuchautorin!" - aber es geht ihr auch nicht gut. Der Glücksfall sei im letzten Jahr ein Stipendium in Ahrenshoop gewesen, "nichts als Schreiben, Malen, Strandlaufen. Sorglosigkeit, Luxus." Seitdem wechselt sie zwischen Selbstständigkeit und Arbeitslosigkeit. Zweimal in der Woche fährt sie mit dem Fahrrad zu "Forsa", telefoniert stundenlang mit fremden Leuten.Wenn sie mal in eine Kneipe geht, dann in die "Weinerei", Ecke Veteranen- / Fehrbelliner Straße. Auf den Tischen stehen Aschenbecher, aber es ist nicht so verraucht. Das alte Sofa hat auch schon bessere Zeiten gesehen, ist aber nicht versifft. Jede Bestellung kostet einen Euro, egal ob Wein, Eintopf oder Kuchen. Die Weinerei ist so etwas wie eine gehobene "Volxküche" an der Grenze zum Prenzlauer Berg. Franziska Groszer lehnt sich in den Sessel zurück, nippt vom milchgeschäumten Karo-Kaffee im Glas. "Nur kein Koffein!", sagt sie. Und einen Wimpernaufschlag später: "Ich bin keine fünfzig mehr." Sie weiß sehr wohl, dass sie jünger aussieht; sie kokettiert damit.Ende der sechziger Jahre gründete Franziska Groszer mit ihrem damaligen Mann Gert die Kommune 1 in einer Altbauwohnung in Berlin-Friedrichshain - die Kommune 1 Ost. "Mensch, was waren wir froh. Drei Zimmer, eine Kammer, wo ein Bett rein passte, und eine große Küche." Ein kleines Wunder sei das gewesen, bei der Wohnungsnot damals. Bei der polizeilichen Anmeldung gaben sie an, gemeinsam mit Erika Berthold und Frank Havemann, dem ältesten Sohn Robert Havemanns, so etwas wie eine "Großfamilie" gründen zu wollen, alias "K1 Ost". Doch verglichen mit dem Westberliner Vorbild war das Private vielleicht auch politisch, aber nie öffentlich. Und eigentlich war das Private nicht einmal privat. Von Beginn an war das MfS dabei.Erstmals erfasst wurde die Gruppe, zu der ursprünglich auch Thomas Brasch und Bettina Wegner gehörten, im Operativen Vorgang "Diskussionsklub". 1968 war das; da gab es die WG noch nicht. In Franziska Groszers Erinnerung ist da ein einziges Reden, Reden, Reden - über Kindheit, antiautoritäre Erziehung, Beziehung, Liebe, die DDR und wie man das autoritäre Korsett aufbrechen könne. Es sei viel gelacht worden, jedenfalls in den ersten Monaten in der Kommune, auch mit den Kindern, "zwei von mir - Nele, meine Jüngste, ist erst 1982 geboren - und ein kleines von Eri und Frank."Den Stasiakten zufolge habe die "Großfamilie" anfangs völlig unter dem Einfluss Robert Havemanns und Wolf Biermanns gestanden. Robert Havemann ist Gott, Biermann der Messias und die Mitglieder der "K1 Ost" sind seine Jünger, die ihn in der Stunde der Not verraten und verleugnen werden. Dazu aber später.Von Beginn an habe es den Akten nach ein Programm zur politischen Arbeit gegeben. Zirkelabende, "mit denen sie ihren politischen Einflusskreis unter Jugendlichen der Hauptstadt ständig zu erweitern trachteten".Beinahe hätte es sogar ein Treffen der Kommunen gegeben, sozusagen einen Ost-West-Gipfel. Die Begegnung fand statt - nur war das Westberliner Projekt bereits gescheitert und das Ostberliner noch nicht gegründet - in Rahnsdorf, im politisch-literarischen Salon der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger. Wie aus dem Operativen Vorgang "Putschist" hervorgeht, kam es in deren Wohnung am 27. Januar 1968, "zu einer Zusammenkunft von ca. 30-35 Personen", darunter neben einigen Künstlern etliche spätere Bewohner und Begleiter der Kommune 1 Ost. An diesem Sonnabend hatte sich prominenter Besuch angekündigt: drei Vertreter der Westberliner "linkssektiererischen und anarchistischen Studentengruppierung 'Kommune'", namentlich Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und Rainer Langhans.Mielkes Kundschafter meldeten: "Sie wollen in WB einen politischen Umsturz herbeiführen und glauben, auch in der DDR ähnliche Zustände schaffen zu können."Merkwürdigerweise ging es in dem Gespräch um die besondere Rolle der marxistischen Theorie. Dabei zeigten sich die Westberliner Studenten, unter ihnen auch Rudi Dutschke, enttäuscht von der Passivität und Ideenlosigkeit der DDR-Freunde. "Sie betonen die Bedeutung von Aktionen, auch wenn ihnen keine theoretische Konzeption und weitergehende Zielstellung zu Grunde liegt."Noch langweiliger als diese Niederschrift soll das Treffen selbst gewesen sein, erzählt Florian Havemann, dem die Wohngemeinschaft seines Bruders später "zu staatstragend" war. Als der Westbesuch endlich gegangen war, sei man noch in die Kneipe gezogen, wo Heiner Müller ad hoc einen Vortrag zur Rolle der Frau im sowjetischen Roman der 20er Jahre gehalten habe. "Das war schon interessanter."Franziska Groszer war an diesem Tag nicht dabei, lernte Ingeborg Hunzinger erst später kennen. An das Jahr '68 aber hat sie manche Erinnerung. Überall auf der Welt hätten Jugendliche den gleichen Traum gehabt, die gleiche Musik geliebt, die gleichen Helden verehrt. Eine Jugendrevolte wie im Westen gab es in der DDR nicht. Aber Streitereien in der "kommunistischen Familie" - bis hinein in die eigene Verwandtschaft. Thomas Brasch, der mit dem in der Bundesrepublik verlegten Prosaband "Vor den Vätern sterben die Söhne" schon bald für Furore sorgte, war der Sohn des stellvertretenden Kulturministers. Erika Bertholds Vater war Direktor des Ostberliner Instituts für Marxismus-Leninismus und Franziska Groszers Schwiegermutter stand dem renommierten und umsatzstarken Altberliner Verlag vor. Viele der Ost-68er entstammten der Nomenklatur. Selbst Florian und Frank Havemann waren Sprösslinge aus altem SED-Adel. War doch ihr Vater als Nationalpreisträger bis zu seiner Abkehr von der SED immerhin Mitglied der Volkskammer gewesen. Der DDR-Opposition hat Robert Havemann, der als Kommunist noch vom NS-Volksgerichtshof unter Freisler zum Tode verurteilt worden war, sicher viele wichtige Impulse gegeben - in der DDR im Gefängnis gesessen haben aber seine Söhne. Robert Havemann hatte Jahre später Hausarrest.Drei Monate dauerte die Untersuchungshaft der Havemann-Söhne. Der Tatvorwurf der "schriftlichen Hetze" bezog sich auf ein paar Dutzend Flugblätter, von denen kaum welche verteilt worden waren, und einige mit dem Namen "Dubcek" bemalte Häuserwände. Ein spontaner Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrags 1968 in Prag.Auch Franziska Groszer schrieb Flugblätter. Eine Freundin warf die Zettel dann aus der fahrenden S-Bahn. "Ich weiß gar nicht mehr, ob ich dabei war", sagt sie. Auf jeden Fall hatte sie Glück, blieb unbehelligt. Nicht so Thomas Brasch und Bettina Wegner, beide wurden gemeinsam mit Erika Berthold, Frank und Florian Havemann zu längeren Freiheitsstrafen verurteilt, dann aber mit den anderen vorzeitig entlassen, auf Bewährung.Die Gründung der "K1 Ost" Ende 1969 in der Samariterstraße in Berlin-Friedrichshain fällt demnach in die Bewährungszeit dieser Gruppe, war also nicht nur Ausdruck von Sturm und Drang, sondern auch ein Rückzug ins Privatleben, ein Rückzugsgefecht. Dem Scheitern folgte Frustration. Wer konnte schon ahnen, dass es für die DDR beinahe schon mehr Vergangenheit als Zukunft geben würde? Und wohin hatte das ganze Pathos denn geführt? Was waren sie mehr als die Koffer- und Werbeträger ihrer Überväter Havemann und Biermann?Wir können nicht immer nur dagegen sein, hieß es jetzt. Wir wollen für etwas sein."Alles Spießer", erinnert sich Gert Poppe. Der Ex-Bürgerrechtler war oft Gast in der "K1 Ost", die schon bald durch einen Ringtausch in eine noch größere Wohnung zog. "Poppow", wie er damals genannt wurde, und Franziska Groszer wurden irgendwann ein Paar. Allein deshalb habe er das Kapitel "K1 Ost" nicht ganz aus dem Gedächtnis gestrichen. Das unter dem Namen "Havemann-Kommune" bekannte Projekt sei doch "nur belanglos und peinlich" gewesen. Was Groszer und die anderen unter Revolution verstanden, habe mit der Utopie eines Che Guevara nichts mehr gemein gehabt. "Das war nur noch Mao. Oder der lange Marsch zu Ulbricht."In der Wohnung gab es schon bald mehr Pflichten als Rechte. Nicht nur der Haushalt wurde planmäßig organisiert, mit Abwaschen, Saubermachen und so weiter. Ein gewählter "Kassenbuchführer" (KbF) verwaltete jetzt die 2 278 Mark, welche jeden Monat aus Arbeitslöhnen und Stipendien eingesammelt wurden. Und das Sein bestimmte das Bewusstsein, mit anderen Worten: "Saufen über drei Mark" ging nur noch im Einvernehmen mit dem KbF.Einem anderen Mitbewohner oblag die tägliche Presseschau. Das "Neue Deutschland" wurde von ihm besonders gründlich gelesen, "zwischen den Zeilen" und schließlich an den Wandzeitungsverantwortlichen weitergereicht. Dieser war wiederum zuständig für die Aktualisierung der Infowand im Flur, denn Wissen ist Macht. Den Schlüssel zur Macht aber, zum Giftschrank mit den 71 Westbüchern, verwaltete Frank Havemann, dass auch ja kein unbefugter Besucher der gefährlichen Lektüre teilhaftig werde.In der von ihm verfassten Bücherordnung heißt es: "Nichtkollektivmitglieder, die ein Buch außerhalb der Räume des Kollektivs benutzen wollen, lassen sich vom Beauftragten für Bücher das Buch, falls es noch nicht in der Karteikarte steht, in diese und ihren Namen dahinter eintragen. Nötigenfalls kann auf Antrag mit Beschlussfassung durchs Kollektiv ein Buch unter Verschluss genommen werden. Der Beschluss muss begründet werden. Der Schlüssel für den Giftschrank wird vom Beauftragten verwaltet. Will ein Nichtkollektivmitglied ein Buch aus dem Giftschrank benutzen, entscheidet der Beauftragte über die Ausgabe, im Streitfall die Vollversammlung."Der "lange Marsch durch die Institutionen", wie ihn Dutschke im Westen proklamiert, für die Aktivisten der "K1 Ost" beginnt er mit kleinen Schritten. Etwa, wenn Frank Havemann in seinem Betrieb um Aufnahme in die Kampfgruppen bittet. Ein andermal tritt er als Mitorganisator für einen Subbotnik in Erscheinung. Dem MfS-Bericht zufolge versucht er "mit 18 Anhängern der Kommune" am lohnfreien Arbeitseinsatz teilzunehmen.Schließlich der Höhepunkt der Aktivitäten, jedenfalls, wie er sich in den MfS-Akten darstellt: "An der aus Anlass der USA-Aggression in Vietnam durchgeführten Kundgebung auf dem August-Bebel-Platz am 27. Nov. 1969 beabsichtigte die 'Kommune I-Ost' als selbstständige Gruppe teilzunehmen. Dazu hatte man ein Transparent mit der Aufschrift 'Waffen für das revolutionäre Vietnam' vorbereitet, außerdem traf man Verabredungen zum gemeinsamen Auftreten mit sympathisierenden Jugendlichen. Diese Personen wurden an der Teilnahme der Kundgebung gehindert und zur Befragung zugeführt ."Mit großer Verspätung registriert das MfS einen "politischen Klärungsprozess, der einen konsequenten Abbruch der Beziehungen zu Robert Havemann und Wolf Biermann" zur Folge hat.Die Initiative zum Hausverbot geht von Frank Havemann aus. Der ist entsetzt von einem "Spiegel"-Interview seines Vaters, das dieser auch noch in den Räumen der "K1 Ost" gegeben hat. An diesem Vater-Sohn-Konflikt entzündet sich eine Kehrtwendung der Kommunarden. Frank Havemann mag sich dazu nicht äußern. Der heutige wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität möchte seiner Exfrau nicht vorgreifen. Erika Berthold schreibe bereits "an einem längeren Beitrag zu diesem Thema."Eine literarische Kostprobe hat sie bereits gegeben, vor einigen Jahren in der bei Rowohlt-Berlin erschienenen Anthologie "Die 68erinnen". Über ihre Liebe zu Frank schreibt sie: "Das war ja eine Geschichte, wie die von Romeo und Julia", der Sohn des Dissidenten liebt die Tochter eines hochrangigen SED-Funktionärs.In der Kommunezeit, so berichtet sie, seien manchmal Presseleute gekommen, man habe sich aber nicht fotografieren lassen. "Wir wollten unser schönes Kommuneleben nicht aufs Spiel setzen, bloß damit irgendeiner in 'Konkret' einen Artikel schreibt." Das berühmte Nacktfoto aus der Westberliner K1 hätten sie nicht gekannt, später aber hätte sie die Aufnahme ganz witzig gefunden. "Getraut hätten wir uns allemal, uns nackt fotografieren zu lassen. Aber uns war es wichtiger, Kämpfe in anderen Bereichen auszufechten, als sich nackig hinzustellen."Zum Kapitel "K1 Ost" will Franziska Groszer heute nichts mehr sagen. In jenen Tagen ist sie jedenfalls die einzige in der Kommune, die den Kontakt zu Robert Havemann aufrecht hält. Und auch zu Biermann, der sie weiterhin besucht, mit Gitarre - eine Provokation: die anderen sitzen in der Küche und müssen seine Lieder hören.Und wissen nicht, was tun.Noch immer hat die Stasi nichts begriffen. Die Tschekisten sind erstaunt, als Gert Großer das Wehrkreiskommando darum ersucht, seinen Antrag auf Wehrersatzdienst zurückzuziehen. Auf einmal will "der Großer" in die NVA. Als Begründung gibt er einen Wandel seiner politischen Anschauungen an, "durch das Studium der Werke des Marxismus-Leninismus".Das Leben in der Kommune ist für Franziska Groszer unerträglich geworden. Rosa Luxemburgs "Freiheit der Andersdenkenden" zählt längst nicht mehr.Eines Abends werden auf dem WG-Plenum die Bücher von Havemann und Biermann im Ofen verbrannt. "Hiermit überantworte ich dem Feuer die Schriften von.", zitiert ein verblüffter IM eine Kommunardin.Gerd Poppe erinnert sich noch gut, dass er an dem Abend im Nebenzimmer saß, bei Franziska Groszer, und jemand hereingestürmt kam: "Die verbrennen Bücher!"Franziska Groszer ist auf hektischer Wohnungssuche und kriecht mal hier, mal da mit den Kindern bei Freunden unter, als die Stasi das Kommunardennest kurzerhand aushebt: "Durch die Abteilung Inneres des Rates des Stadtbezirks Berlin-Mitte wurde die Räumung der im August 1970 bezogenen Wohnung angewiesen, weil der Tausch damals ohne Zustimmung der Abt. Wohnungswesen erfolgte." Den Bewohnern wird Wohnraum zugeteilt, "getrennte Wohnungen", so dass Frank Havemann die Befürchtung ausspricht, "man wolle mit dieser Maßnahme ihre Großfamilie auseinanderreißen".Zu Recht."Gott sei Dank", sagt Franziska Groszer. "Das war das einzige Mal, dass die Stasi was für mich getan hat, wenn auch aus Versehen."Ihr Mann Gert und ein anderer Kommunarde werden schon bald Inoffizielle Mitarbeiter des MfS und vor Ort für Frieden und Sozialismus kämpfen. Doch zuvor erscheinen Gert Großer und Erika Berthold im Büro der Berliner Oberrichterin Klabuhn, wie aus den Stasiakten hervorgeht, um diese vom ideologischen Wandlungsprozess der Kommune zu überzeugen, etwa von "unsere(r) Absage an Biermann und Havemann." Ohne Erfolg.Franziska Groszer arbeitet als Sekretärin und Lektorin, später als Setzerin, Puppenmacherin, Fabrikarbeiterin. Und die Schriftstellerin?In der DDR, sagt Franziska Groszer, habe sie nur eine einzige öffentliche Lesung gehabt, Mitte der siebziger Jahre in Bettina Wegners "Kramladen", einer Veranstaltungsreihe im Jugendklub Weißensee in der Langhans- straße.Ein IM schrieb damals: "Die besondere Gefahr, die von der G. ausgeht, ist darin zu sehen, dass es ihr durch solides handwerkliches Können gelingt, hinter vordergründigen Lacheffekten dekadente Ideologie zu verkaufen."Seit dieser Lesung ist für Franziska Groszer klar, dass sie Schriftstellerin ist.Ein Text von ihr erscheint in der DDR nicht, auch keine Zeitungsreportage. Aber einmal gibt sie sich als Reporterin der Berliner Zeitung aus. Es geht um ein Gewinnspiel, dessen erster Preis ein Schwein war.Im Operativen Vorgang "Atelier" erzählt eine Inoffizielle Mitarbeiterin eine etwas verworrene Geschichte, in der Franziska Groszers Freundin Monika Palm zum Geburtstag ein lebendes Ferkel geschenkt bekommen habe, das sie, weil sie vorübergehend bei Franziska Groszer wohnte, mit in deren Wohnung brachte. Die "Großer" habe das Schwein sofort Erich getauft und später gesagt, "das Schwein gehöre zu den Schweinen". Konkret: ins Hochhaus am Leninplatz, in dem Parteifunktionäre und Stasileute wohnen sollten.In weiteren MfS-Berichten gewinnt die Geschichte Kontur. So habe eine Gruppe von vier jungen Leuten den Leninplatz aufgesucht, nach Verlassen des Fahrstuhls die "Rufanlage" blockiert und wahllos an einer Wohnungstür geklingelt. Nachdem eine unbekannte weibliche Person geöffnet hatte, hätte "die Großer" gebrüllt: "Sie haben gewonnen! Sie haben gewonnen!", ihr die Blumen in den Arm gestopft. Dann habe sie der Frau ein Begleitschreiben übergeben und ihr eine Plakette mit Schweinskopfprägung umgehängt ("Das Beste für die Besten") samt schwarz-rot-goldener Kordel. Mit den Worten "Hier unser kleines Präsent!" habe "die Großer" dann das Ferkel über die Türschwelle geschoben, auf dass es in Richtung Wohnzimmer verschwinde."Erich wird sich schnell an Sie gewöhnen", war in dem Zehn-Punkte-Schreiben zu lesen. "Bitte tun Sie, was in Ihren Kräften steht, Erich fühlen zu lassen, dass er als ein echter Freund in Ihrer Familie willkommen ist."Im OV "Atelier" heißt es weiter: "Anschließend begaben sich die an diesem Vorkommnis beteiligten Personen zu dem 'Cafe Burger' in der Wilhelm-Pieck-Straße, bei dem es sich um das Stammlokal von Franziska Großer und ihres umfangreichen Bekanntenkreises handelt."Diese eklatante Störung des sozialistischen Zusammenlebens hätte, einer juristischen Studie des MfS zufolge, mit einer Ordnungsstrafe von dreihundert Mark geahndet werden können. Die Stasi verzichtete schließlich darauf.Im Sommer '76 wird der "Kramladen" geschlossen, angeblich wegen technischer Probleme. Der Publikumsbeirat aber, ein in der Ostberliner Kulturlandschaft einmaliges Gremium, trifft sich weiterhin, mit dabei Franziska Groszer. Wieder und wieder schickt die Gruppe Eingaben an Partei und Behörden. Längst geht es nicht mehr nur um den "Kramladen". Die Funktionäre wissen das und auch der Beirat.Eine dieser Eingaben richtet sich gegen die Diffamierung des Pfarrers Oskar Brüsewitz im "Neuen Deutschland". Bis zur Beerdigung des Pastors, der an den Folgen seiner Selbstverbrennung gestorben war, hatte das Zentralorgan gewartet, um ihn danach als geisteskrank, anormal und sogar als BND-Spion zu verleumden.In dem Protestbrief an Honecker heißt es dazu: "Wir kennen die religiösen und politischen Auffassungen des Pfarrers Brüsewitz nicht." Dass aber ein Mensch sich so ohnmächtig fühle, dass er für seine Ziele kein anderes politisches Mittel sieht, als sich selbst öffentlich zu verbrennen, bedeute eine ernste Mahnung. "Wir sind keine Christen, sondern Sozialisten und bekennen uns zum Marxismus; gerade deshalb wenden wir uns gegen eine Praxis, die darin besteht, die persönliche Würde eines Andersdenkenden zu verletzen, um der politischen Auseinandersetzung mit ihm auszuweichen."Es ist einer der wenigen Texte, die Franziska Groszer zwar unterschrieben, aber nicht verfasst hat. Zwei der Autoren werden zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, ein dritter erkrankt noch in der U-Haft an einer Psychose und wird sich später das Leben nehmen, nachdem er in den Westen gegangen ist.Gehen wird auch Franziska Groszer 1977 mit ihren Kindern, im Jahr nach der Biermann-Ausbürgerung. Erst im Westen erscheinen ihre Bücher. Für "Rotz und Wasser" erhält sie 1987 den "Erich Kästner Kinder- und Jugendbuchpreis".Ihr großer autobiografischer Roman aber steht noch aus.------------------------------Foto (4) :"Wir wollten dem Eheknast entkommen." Franziska Groszer (rechts), und Erika Berthold gründeten mit ihren Männern die Kommune 1 Ost. Erika Berthold hier 1972 bei der Begrüßung der amerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis in Ostberlin.Franziska Groszer (rechts) arbeitet heute als Schriftstellerin, Erika Berthold als freie Journalistin.
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