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Vor 20 Jahren veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung erstmals eine sogenannte Hightech-Strategie. In ihrer Regierungserklärung rückte die zu diesem Zeitpunkt zuständige Ministerin, Annette Schavan, die Wirksamkeit der staatlichen Forschungsförderung in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Mit der neuen Strategie könne nun endlich „der lange eingeforderte bessere Technologietransfer in neue Produkte, Dienstleistungen und Verfahren erreicht“ werden. „Jetzt ist es unser Ziel, dass sich Forschungsideen auch auf den Märkten durchsetzen.“
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In den vergangenen 20 Jahren hat jede neue Bundesregierung nicht nur immer wieder eine neue Hightech-Strategie vorgestellt, sondern auch versucht, die Forschungseffizienz spürbar zu erhöhen. Auch das heute mit neuem Namen ausgestattete Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) legte im Juli 2025 eine neue Hightech-Agenda vor und setzte sich zum Ziel, „die anhaltende Transferschwäche Deutschlands von der Forschung in die Anwendung und wirtschaftliche Nutzung zu überwinden“. Und die neue Ministerin, Dorothee Bär, sprach bei der Vorstellung der Agenda sogar von einem „maximal konsequenten Transfer in die Praxis, auf Neudeutsch From Lab to Life, direkt hinein in die Wertschöpfungsketten“.
Seit zwanzig Jahren die gleichen Versprechen
Beide Ministerinnen beschreiben den gleichen Zustand und setzen die gleichen Ziele. Allerdings sind zwischenzeitlich 20 Jahre vergangen. Die Klage über die ungenügende wirtschaftliche Verwertung von Forschungsergebnissen reicht sogar noch viel länger zurück. Zwangsläufig stellt sich die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung. Warum haben die über Jahrzehnte unternommenen Anstrengungen nicht gefruchtet? Und welcher Maßstab wird an die beklagte Transferschwäche und die geringe Forschungseffizienz angelegt bzw. wie wird ein Fort- oder Rückschritt in dieser Sache gemessen? Der Staat gibt jedes Jahr mehrere Milliarden Euro zur Finanzierung von Forschungsprojekten aus. Der Bürger hat ein Recht zu erfahren, warum die angestrebten Ergebnisse auf Dauer nicht eintreten.
In den letzten 25 Jahren war ich als sogenannter Intermediär, als Mittler zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, zwischen Unternehmen und Forschungsinstituten, tätig. Die Aufgabe von mir und meinen Kollegen bestand darin, kleinen und mittleren Unternehmen zu helfen, neue marktfähige Produkte und Technologien zu entwickeln und dafür die staatliche Forschungsförderung in Anspruch zu nehmen. Mit der Erfahrung von Hunderten konzipierten Projekten der angewandten Forschung muss ich feststellen: Die Effizienz der staatlichen Forschungsförderung ist miserabel, alle beteiligten Akteure wissen das und die Mittel zur Verbesserung der Lage taugen wenig.
Dorothee Bär (Mitte, CSU), Hendrik Wüst (CDU) und Mona Neubaur (Grüne) beim Richtfest der Fraunhofer-Forschungsfertigung Batteriezelle in Münster
© Rüdiger Wölk/imago
Um es auf einen quantifizierbaren Punkt zu bringen: Nach meiner Einschätzung führen nur maximal 20 Prozent, eher sogar nur 10 Prozent der staatlich geförderten Forschungsprojekte zu einer wirtschaftlichen Verwertung. Da die Grundlagenforschung nur auf einen allgemeinen Erkenntnisgewinn ohne Verwertungsabsicht zielt, beziehen sich diese Zahlen sogar nur auf den Bereich der angewandten Forschung. Natürlich handelt es sich dabei um eine rein subjektive Schätzung. Aber ich habe diese Zahlen häufig in provozierender Absicht gegenüber Mitarbeitern von Forschungseinrichtungen und von Institutionen der Forschungsförderung geäußert. Es hat mir nie jemand ernsthaft widersprochen.
Welche Maßnahmen wurden nun seitens der Politik unternommen, um die wirtschaftliche Wirkung der Forschung zu erhöhen? An Aktivitäten mangelte es in der Vergangenheit wahrlich nicht.
Dazu zählen unter anderem:
- die Einrichtung von Transferstellen an den rund 400 Hochschulen
- die Gründung einer „Transferwissenschaft“
- die Schaffung einer neuen Behörde, der Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (Dati) und die Berufung eines Staatssekretärs zum Beauftragten für Transfer und Ausgründung. Beide Aktionen wurden durch die neue Regierung 2025 wieder eingestellt.
- die Ausschreibung zahlreicher Förderprogramme. Dazu zählen unter anderem Transferraum für die Zukunft von Regionen, Innovationsorientierung der Forschung (Innofo), Innovative Hochschule – Bund-Länder-Initiative zur Förderung des forschungsbasierten Ideen-, Wissens- und Technologietransfers, Aktionsplan zum Transfer aus der Erforschung von Universum und Materie oder die mit VIP+ abgekürzte Validierungsförderung.
Am 6. August 2023 meldete das Bundesforschungsministerium: „VIP+ knackt die 250-Millionen-Euro-Marke an Fördermitteln“. Das Programm zielt aber lediglich darauf ab, „das Innovationspotenzial von Forschungsergebnissen zu prüfen“ und Wissenschaftler einzuladen, „aus der Welt der Forschung heraus den ersten Schritt in Richtung wirtschaftlicher Wertschöpfung zu gehen“.
Das eigentliche Problem bleibt unangetastet
Aus meiner praktischen Erfahrung treffen die genannten Maßnahmen bei weitem nicht ins Schwarze. Der allererste und allerwichtigste Schritt, um das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis in der Forschungsförderung zu verbessern, besteht doch erst einmal darin, die Wirklichkeit ungeschminkt zur Kenntnis zu nehmen. Es existieren bisher keinerlei Untersuchungen über die Verwertungsquote von Forschungsprojekten. Es wäre ein einfaches Unterfangen, eine repräsentative Anzahl von Forschungseinrichtungen darüber zu befragen. Man könnte die vor fünf Jahren abgeschlossenen Forschungsvorhaben betrachten und die Frage stellen: Wurde das jeweilige Forschungsergebnis nur in einem Bericht festgehalten oder führte es in der Zwischenzeit zu einer echten Innovation.
Diesen Vorschlag habe ich einmal vor Jahren einer mit Führungsverantwortung im Bundesforschungsministerium tätigen Person unterbreitet. Das wäre eine sehr spannende Angelegenheit, antwortete sie, aber die Resultate dieser Analyse müsste man sofort in einem Panzerschrank wegschließen.
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Das süße Gift: Wie staatlich gelenkte Forschung die Wirtschaft impotent macht
Eine solche Analyse würde nicht nur das Ausmaß der nicht in eine wirtschaftliche Anwendung mündenden Forschungsergebnisse, sondern auch die Ursachen dafür offenlegen. Jedes Forschungsprojekt beginnt mit einer Idee über ein zu lösendes Problem. Im Grunde gibt es dafür nur zwei Quellen: Einerseits entwickeln Unternehmen zur Verbesserung ihrer Marktchancen neue Produkte und Technologien und arbeiten dabei mit Forschungseinrichtungen zusammen; andererseits kann ein Wissenschaftler eines Instituts offene Fragen seines Fachgebietes benennen und daraus Projektideen ableiten.
Im ersten Fall resultiert die Idee aus einer echten Nachfrage, im zweiten Fall unterbreitet die Wissenschaft ein Angebot. Die übergroße Mehrheit der staatlich geförderten Forschungsvorhaben gehört in die letztgenannte Gruppe. Die hierbei erzielten Forschungsergebnisse treffen in der Regel nicht auf einen Bedarf in der Wirtschaft, und deshalb stellt sich seit vielen Jahrzehnten die unerfüllt gebliebene und im Grunde auch nicht erfüllbare Aufgabe des Transfers. Überspitzt formuliert gilt für solche Projekte das Motto: „Habe Lösung, suche Problem!“
Wenn Forschung am Bedarf vorbeigeht
In Deutschland arbeiten rund 300.000 Wissenschaftler an öffentlich geförderten Forschungsvorhaben. Hauptsächlich sind das Mitarbeiter der 122 Universitäten und 243 Hochschulen für Angewandte Wissenschaft oder der großen, nach Leibniz, Helmholtz, Fraunhofer und Max Planck benannten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder der über 150 privaten, gemeinnützigen Institute. Diese privaten Forschungsstätten erhalten keine institutionellen Kostenzuschüsse und finanzieren sich damit fast vollständig über die Förderung von Forschungsprojekten. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter muss daher, wenn sich sein laufendes Vorhaben dem Ende zuneigt, rechtzeitig ein neues, zeitlich daran anschließendes Projekt beantragen.
Die Existenz der meisten Forschungsinstitute basiert folglich auf der systematischen Nutzung staatlicher Förderprogramme. Die wirtschaftliche Anwendung ist im Grunde sekundär und wird in den Förderrichtlinien auch nicht zwingend gefordert. Der Bundesrechnungshof analysierte die im Zeitraum September 2018 bis August 2019 verabschiedeten Richtlinien und kam zu dem Ergebnis, dass „die benannten Förderziele sich nicht als Grundlage für Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen und Erfolgskontrollen eignen“. In einigen Förderrichtlinien wurde sogar „bereits die bloße Durchführung der Maßnahme als Erfolg definiert“. (Bundesrechnungshof, Bericht zum Einzelplan 30, 2021)
Die Fraunhofer-Gesellschaft zählt zu den führenden Einrichtungen für anwendungsorientierte Forschung in Deutschland.
© Revierfoto/imago
Nach Jahrzehnten der falschen Ansätze und vergeblichen Bemühungen ist aktuell dennoch ein kleiner Hoffnungsschimmer in Sicht. Das BMFTR hat im März dieses Jahres das Konzept für die nationale Transferinitiative F.A.S.T. (Forschung, Ausgründungen, Skalierung, Transfer) vorgestellt. Im Mittelpunkt steht die Zusammenführung „der Nachfrageperspektive der Wirtschaft mit der Angebotsseite der Wissenschaft“. Dafür ist hauptsächlich der Aufbau eines Transfermarktplatzes geplant, der wiederum von sechs über einen Zeitraum von zehn Jahren aufzubauenden Transferhubs betrieben werden soll. Die Stoßrichtung dieses Konzepts muss zweifellos begrüßt werden.
Aber wird die Nachfrageperspektive nicht sofort wieder eingeschränkt, wenn nur Forschungsthemen toleriert werden, die zu den Schlüsseltechnologien der Hightech-Agenda gehören? Und wenn die mit staatlicher Förderung zu errichtenden Transferhubs den Durchbruch bringen sollen, warum ist das dann bisher den vielen Hunderten Transferstellen nicht gelungen? Eine prosperierende Wirtschaft gründet sich weder auf Forschung an sich noch auf Transferstellen, sondern auf Innovationen. Das sind die tatsächlich in der Praxis durchgesetzten technischen und organisatorischen Neuerungen, und diese Aufgabe obliegt primär dem Unternehmer.
Für den Begründer der Innovationstheorie, den österreichischen Nationalökonomen Josef Schumpeter, war der Unternehmer der Innovator. Deshalb schrieb er in seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, dass „die Erfindungen niemals praktisch werden, wenn nicht die Persönlichkeit des Unternehmers schon an ihrem Platze steht, um von jeder neuen Erfindung Gebrauch zu machen“.
Franz Rudolph, geboren 1943, in der DDR Professor an der Hochschule für Ökonomie in einem Institut zur Weiterbildung von Führungskräften, nach 1990 Innovationsmanager, Geschäftsführer und Textilbeauftragter des Freistaates Sachsen.
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