Vor den Seychellen hängt ein Pottwalbulle im Wasser, 15 Meter lang, und klopft. Ein Klick. Sekunden Stille. Noch ein Klick.
Der langweiligste Schlagzeuger der Weltgeschichte, könnte man meinen. Tatsächlich stößt das Tier gerade den lautesten Ruf aus, der je bei einem Säugetier gemessen wurde.
Ein Forschungsteam um die Biologin Simone Videsen von der Universität Aarhus hat diese sogenannten Slow Clicks jetzt vermessen. Über 200 Dezibel an der Quelle. Hörbar noch in 70 Kilometern Entfernung.
Wozu die Wale das tun, weiß bis heute niemand.
Pottwal-Laute: 200 Dezibel unter Wasser, umgerechnet 138 in der Luft
Dezibel unter Wasser sind nicht dasselbe wie Dezibel in der Luft. Wer die Werte vergleichbar machen will, muss rund 61 Dezibel abziehen. Aus den 200 Dezibel des Pottwals werden dann etwa 138.
Das ist ungefähr die Größenordnung eines startenden Düsenjets, direkt daneben stehend. Die Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs liegt bei etwa 130.
Die 70 Kilometer sind ein Modellwert, kein Messwert. Das Team hat die gemessenen Quellpegel in ein Schallausbreitungsmodell gefüttert. Nimmt der Lärm durch Schiffsverkehr zu, schrumpft die Reichweite entsprechend.
Aufgenommen wurde an vier Orten: vor den Seychellen, vor Sri Lanka, vor Norwegen und in schottischen Gewässern. Mal über Hydrofone vom Schiff aus, mal über Sensoren, die den Tieren mit Saugnäpfen auf den Rücken geklebt wurden.
Warum nur männliche Pottwale die Slow Clicks erzeugen
Slow Clicks sind bislang ausschließlich von Bullen bekannt. Die leben in kälteren Gewässern als die Weibchen und kehren zur Paarungszeit in wärmere Breiten zurück.
Der Verdacht der Forscher: Der Klick ist eine Visitenkarte. Ein großer Wal hat eine große Nase, eine große Nase erzeugt tiefere Frequenzen. Wer tief klickt, gibt damit seine Körpergröße preis, ob er will oder nicht.
Studienleiter Peter Teglberg Madsen spricht von einem ehrlichen Signal, das sich kaum fälschen lässt. Ob es Rivalen abschreckt oder Weibchen anlockt, ist offen.
Pottwale nahe der Oberfläche: Weibchen und Jungtiere leben in festen Gruppen in wärmeren Gewässern. Die Bullen kommen nur zur Paarungszeit zurück. (Symbolbild)
© Imago
Die Pottwal-Nase: fünf Tonnen Klangapparat
Möglich macht das ein Organ, das in der Tierwelt seinesgleichen sucht. Der Nasenkomplex eines ausgewachsenen Bullen nimmt rund ein Drittel der Körperlänge ein und wiegt mehr als fünf Tonnen.
Darin sitzen die Phonic Lips, ein Klappenpaar, das der Wal aufeinanderschlagen lässt. Der Rest der Nase ist mit Walrat-Öl und Luftsäcken gefüllt und wirkt als Verstärker.
Vier Lauttypen sind bekannt. Die Klicks zur Echoortung erreichen bis zu 240 Dezibel, das lauteste Geräusch im gesamten Tierreich. Sie dienen allerdings nicht der Verständigung, sondern arbeiten als Sonar, mit dem der Wal Tintenfische in mehreren hundert Metern Tiefe aufspürt.
Kurz vor dem Zugriff schaltet er auf ein schnelles Schnarren um. Und dann gibt es die Codas, rhythmische Klickfolgen, mit denen sich vor allem weibliche Gruppen verständigen. Deren Reichweite liegt bei unter vier Kilometern.
Der langsamste Rhythmus, den die Biologie kennt
Verblüffender als die Lautstärke ist die Präzision. Die Bullen halten Takt bei 0,1 bis 0,3 Hertz, also mit Pausen von fünf bis zehn Sekunden zwischen den Schlägen.
Das ist rund zehnmal langsamer als alles, was bisher an rhythmischer Kommunikation bei Säugetieren und Vögeln dokumentiert wurde. Menschliche Musiker halten so lange Intervalle ohne Metronom kaum sauber durch.
Wie schafft das ein Wal? Die Forscher vermuten, dass er sich am eigenen Echo orientiert. Der Klick prallt vom Meeresboden zurück, das zurückkehrende Signal gibt den Einsatz für den nächsten Schlag. Der Ozean als Taktgeber.
Bewiesen ist das nicht. Bei Pottwalen ist vieles nicht bewiesen. Warum die Tiere einander mit dem Kopf rammen, weiß bis heute niemand. Dass sie senkrecht im Wasser stehend schlafen, wurde erst vor Kurzem erklärt.
Was der Bulle vor den Seychellen also mitteilen wollte, bleibt vorerst sein Geheimnis. Die Studie ist in den Annals of the New York Academy of Sciences erschienen.
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