25 Jahre nach dem Fund

Der Ötzi, Großvater der Mumien

Seine Geschichte beschäftigt Forscher – auch als ältester Kriminalfall Europas.

Torsten Harmsen
12 Min

Ein neugieriger, zugleich etwas misstrauisch-schmerzlicher Blick aus der Vergangenheit. Er überbrückt 5300 Jahre. Der bärtige Mann trägt Beinlinge aus vernähten Fellstücken, einen Ledergürtel mit Feuersteindolch. In der Hand hält er einen unfertigen Bogen. Er lebte Jahrhunderte vor dem Bau der ersten Pyramide in Ägypten und zwei Jahrtausende, bevor die Pharaonen Ramses II. und Tutenchamun regierten. Und dennoch wissen wir heute eine ganze Menge über ihn.

Er ist einer unserer europäischen Urahnen. Der älteste, den wir kennen. Er war etwa 1,60 Meter groß und wog 60 Kilogramm, hatte die Blutgruppe 0 und braune Augen. Offenbar war er kein unbedeutender Mann, denn er besaß unter anderem ein wertvolles Kupferbeil. Auch scheint er viel unterwegs gewesen zu sein in seiner gebirgigen Gegend. Sein Körper ist für sein Alter – zwischen 40 und 50 Jahre – gut in Form, ja durchaus athletisch. Zugleich aber litt er unter einer beträchtlichen Anzahl von Beschwerden, etwa an Magen, Darm, Zähnen und Gelenken.

Obwohl man recht viel von ihm weiß, bleiben wichtige Fragen offen, vor allem: Warum kam er in den Bergen zu Tode? Welche Stellung hatte er und wie hieß er wirklich? Man nennt ihn „Mann aus dem Eis“, „Mann vom Hauslabjoch“ „Mumie von Similaun“, „Iceman“ oder „Frozen Fritz“. Die meisten kennen ihn jedoch als Ötzi. Den Namen hat ihm ein österreichischer Journalist gegeben, in Anlehnung an die Ötztaler Alpen, in denen Ötzi vor genau 25 Jahren gefunden wurde.

Es ist eine Leiche!

Es geschah am Sonntag, dem 18. September 1991. Erika und Helmut Simon, Eheleute aus Nürnberg, wanderten durch das Südtiroler Hochgebirge. Beim Abstieg stießen sie gegen Mittag am etwa 3200 Meter hohen Hauslabjoch auf ein seltsames braunledernes Gebilde, das aus dem Eis ragte. Entsetzt erkannten sie: Es ist eine Leiche! Wahrscheinlich handelte es sich um einen vor längerer Zeit verunglückten Bergwanderer, der im warmen Sommer 1991 „ausgeapert“, also durch die Schmelze von Eis und Schnee freigegeben wurde. In der Hütte angekommen, meldeten sie den Fund. Die Polizei wurde benachrichtigt. Ein Trupp machte sich auf den Weg, um die Leiche zu bergen.

Doch in 3200 Metern Höhe war das alles andere als einfach. Eispickel, Skistöcke und sogar eine Art Presslufthammer mussten eingesetzt werden, um die Gletscherleiche aus dem Eis zu lösen. Dabei zerstörte man Teile des Gewebes. Mit dem Hubschrauber wurde der Fund abtransportiert. Der Bestatter Anton Klocker nahm die Leiche im Bergsteigerort Vent im Ötztal in Empfang. Er wollte sie zur Gerichtsmedizin nach Innsbruck bringen. Doch mit ihrem seltsam abgewinkelten Arm passte sie nicht in den Sarg. Also machte sich Klocker daran, den Arm zu biegen – und brach ihn dabei. Niemand der Beteiligten ahnte, dass er es mit einem sensationellen Fund zu tun hat. „Mit Sicherheit kann ich nur sagen, dass er schon länger tot ist“, sagte der Gerichtsmediziner Rainer Henn nach erstem Blick darauf, „ganz schön wäre natürlich ein Reisepass oder ein gravierter Ehering.“

So etwas hatte der Tote leider nicht bei sich. Stattdessen seltsame Gegenstände, die am Fundort eingesammelt worden waren. Als diese nun in der Gerichtsmedizin lagen, war das Erstaunen groß. Neben einem fast zwei Meter großen Bogen, der leider auch bei der Bergung zerbrochen wurde, gab es unter anderem ein Messer mit Feuersteinklinge und ein Kupferbeil. Später barg man noch Reste einer Trage, einen Köcher mit Pfeilen sowie Fell- und Lederteile. Ötzi, der fast als unbekannter Toter 619/91 anonym begraben worden wäre, wurde nun interessant. Man sah sich genötigt, einen Wissenschaftler hinzuzuziehen.

Feuchtigkeit im Gewebe

Es kam der Urgeschichtler Konrad Spindler aus Innsbruck. Der warf einen Blick auf die 15 Kilogramm schwere und 1,54 Meter große Mumie und schätzte ihr Alter auf 4000 Jahre. Mit der Radiokarbonmethode korrigierte man die Zeit später noch weiter zurück: bis auf etwa 5300 Jahre. „Ötzi ist ein seltener Glücksfund, die älteste bekannte Mumie Europas“, fasst Albert Zink zusammen. Der Mumienforscher leitet das Institut für Mumien und den Iceman, das 2007 im italienischen Bozen gegründet wurde, um die Ötzi-Forschung zu koordinieren. Zum 25. Jahrestag der Entdeckung der Mumie hat Zink ein Buch darüber geschrieben. Es heißt „Ötzi. 100 Seiten“ und ist bei Reclam erschienen.

Der Großvater aller europäischen Mumien liegt seit 1998 im Südtiroler Archäologiemuseum im italienischen Bozen in einer speziell für ihn gebauten Kammer – kühl und feucht. Damit will man verhindern, dass Bakterien den Körper zerstören. Denn Ötzi ist nicht einfach eine gefriergetrocknete Leiche, sondern zugleich eine sogenannte Feuchtmumie. Ihr Gewebe enthält eine gewisse Menge Feuchtigkeit, die den Körper elastisch macht. Der Mumienforscher Albert Zink hält es für „am wahrscheinlichsten, dass der Mann aus dem Eis sehr bald nach dem Tod von einer schützenden Schneedecke überzogen war, diese aber zugleich einen stetigen Luftaustausch ermöglichte“.

Ein Vierteljahrhundert lang sind Wissenschaftler bereits mit Ötzi beschäftigt. Der Eismann ist die wohl am meisten erforschte Mumie der Welt. Ob Haut, Gewebe, Mageninhalt, Darm, Blut, Mikroorganismen oder DNA – alles wurde gründlich analysiert. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse reichen weit über das Leben Ötzis hinaus. Zum Beispiel konnten durch die Nutzung neuester Verfahren 85 Prozent von Ötzis DNA entschlüsselt werden. Dabei ergab sich unter anderem, dass Ötzi laktoseintolerant war, also keine Milch vertrug – wie übrigens ein Großteil der Europäer bis weit ins Mittelalter hinein.

Keine Verwandtschaft im engeren Sinne

Untersucht wurde auch, ob Ötzi europäische Nachfahren hat. Dabei ergab sich im Vergleich mit Probanden aus Südtirol und anderen alpinen Regionen, dass seine mütterliche Linie ausgestorben ist. Bei der Rekonstruktion der männlichen Verwandtschaftslinie – anhand des Y-Chromosoms – zeigte sich dann, dass Ötzi einer genetischen Gruppe angehörte, die in Europa noch immer zu finden ist, vor allem auf Sardinien und Korsika.

„Daraus lässt sich schließen“, so Albert Zink, „dass der Mann aus dem Eis und die Bevölkerung Sardiniens und Korsikas ursprünglich gemeinsame Vorfahren hatten, die in der Jungsteinzeit, also vor 6000 bis 8000 Jahren, mit dem Beginn und der Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht in Europa eingewandert sind.“ Im Laufe der Zeit seien die Vertreter dieser Gruppe offenbar verdrängt worden. Sie hätten sich in größerer Zahl nur in abgelegenen Gebieten wie auf den Mittelmeerinseln erhalten können. Einige fänden sich auch noch immer in der Region Tirol. Aber von einer „Verwandtschaft im engeren oder gar juristischen Sinne“ könne man nicht sprechen, sagt Zink vor dem Hintergrund, dass Leute bereits behaupteten, Ötzi sei ihr direkter Vorfahr.

Die Forscher machten noch andere spannende Entdeckungen. Sie konnten zum Beispiel an chemischen Elementen wie Strontium, Blei und Sauerstoff in Zähnen und Knochen nachweisen, dass Ötzi seine frühe Kindheit im oberen Eisacktal oder im unteren Pustertal verbrachte. Vor seinem Tod lebte er mindestens zehn Jahre im Vinschgau. Ötzi ist also ein waschechter Südtiroler und wäre heute ein Italiener. Er liegt ganz zu Recht in Bozen.

Moderne Zivilisationskrankheiten

Ötzi neigte zu Herz-Kreislauf-Krankheiten. Dies ist ein weiteres Ergebnis der Gen-Analyse. Ebenso fanden sich Karies, Parodontose, Gallensteine, Arterienverkalkung, Knie- und Hüftgelenksarthrose und nicht zuletzt der Keim Helicobacter pylori, der zu Magengeschwüren führt. Der Urmensch Ötzi wirkt also fast wie ein heutiger Zeitgenosse, der an einer ganzen Sammlung von modernen Zivilisationskrankheiten leidet. Für Albert Zink ist das ein Anlass, intensiver über das Zusammenspiel von Veranlagung und Umwelt bei der Entwicklung von Krankheiten zu forschen. Und dafür Mumien aus anderen Kulturen und Zeiten heranzuzuziehen.

Ötzi scheint aber mit seinen Gebrechen zurechtgekommen zu sein und zugleich manches Mittel dagegen genutzt zu haben. Auf seiner Haut fanden sich zum Beispiel 61 Tätowierungen. Fachleute stellten fest: Neun der 16 bekannten Gruppen von Tätowierungen liegen exakt auf klassischen Akupunkturpunkten oder in unmittelbarer Nähe davon. Eine Sensation! Akupunktur in Europa vor 5300 Jahren. Bislang hatte man angenommen, dass der Ursprung dieser Therapieform vor etwa 3000 Jahren in China lag.

Trotz seiner vielen Zipperlein war Ötzi mit 40 bis 50 Jahren noch kein Greis. Den Weg zwischen Tal und Hochgebirge, den er in seinen letzten Tagen zurücklegte, Tausende Höhenmeter überwindend, würde heute kaum noch ein Schüler schaffen. Das spricht auch gegen die weit verbreitete These, früher seien die Menschen generell nicht alt geworden. Zumal sich auch herausstellte, dass Ötzi keines natürlichen Todes starb.

Flucht vor einer Auseinandersetzung

Gefunden wurde er 1991 – nach mehr als fünf Jahrtausenden – über einen Felsen gebeugt, das Gesicht nach unten, die Arme seltsam abgewinkelt. Seine Gegenstände hatte er in der Nähe abgelegt: den nicht einsatzbereiten Bogen, den Köcher mit Pfeilen, das Tragegestell, die Axt und anderes mehr. Lange Zeit glaubte man an die „Desaster-Theorie“ des Urgeschichtlers Konrad Spindler. Der zufolge war Ötzi ein Schäfer, der mit seiner Herde in sein Dorf zurückkehrte, dort in eine Auseinandersetzung geriet und floh. Nach langem Aufstieg in die Berge wurde er von schlechtem Wetter überrascht oder war so erschöpft, dass er in einer Felsenrinne Schutz suchte. Am Ende seiner Kräfte schlief er ein und erfror. Der Herbstschnee hüllte ihn ein.

Doch bald machte man überraschende Entdeckungen. Pollenreste der Hopfenbuche im Darm Ötzis zeugten davon, dass er im Mai oder Juni den Tod gefunden hatte. Und 2001 entdeckten Bozener Radiologen eine Pfeilspitze in Ötzis linker Schulter, die man bis dahin übersehen hatte. Der von hinten eingedrungene Pfeil hatte die Schlüsselbeinarterie verletzt. Untersuchungen zeigten: Ötzi war an Ort und Stelle daran gestorben. Außerdem hatte er durch einen Schlag auf den Kopf oder einen Sturz auf den Felsen ein schweres Schädelhirntrauma erlitten, das ebenfalls tödlich war.

Ötzi wurde also von hinten getötet. Doch warum? Dazu gab es bald die wildesten Spekulationen. Erschoss ein Jäger in den Bergen Ötzi aus Versehen? Waren brutale Neider am Werk? Wer hat den Pfeilschaft aus der Wunde gezogen – der Angreifer oder Ötzi noch selbst? Dass es auf alle Fälle in der Zeit davor einen Konflikt gegeben haben musste, zeigten Wunden an der Hand und am Rücken Ötzis, die einige Tage alt gewesen waren und auf einen überstandenen Kampf hindeuteten.

"Verhalten als ungewöhnlich einzustufen"

Um mehr zu erfahren, haben die Forscher die letzten 33 Stunden Ötzis rekonstruiert – anhand der Pollenverteilung in den verschiedenen Bereichen des Darms. Ötzi stieg demzufolge erst in die Berge nahe der Baumgrenze in 2500 Metern Höhe. Dann kehrte er ins Tal zurück, um umgehend wieder Kurs aufs Hochgebirge zu nehmen, schnurstracks in Richtung Similaunpass. Dieses Verhalten sei „als zumindest ungewöhnlich einzustufen“, schätzt Albert Zink ein. Es liegt nahe, dass Ötzi auf seinem Weg verfolgt wurde.

Zink und sein Mumienforscher-Kollege Frank Rühli stellten in der TV-Dokumentation „Leichensache Hauslabjoch“ direkt am 3200 Meter hohen Tatort nach, wie der Mord stattgefunden haben muss. Der Eintrittswinkel des Pfeils lässt ihrer Meinung nach nur zwei Möglichkeiten zu: Entweder Ötzi stand aufrecht und wurde von jemandem erschossen, der weiter unten am Hang stand. Oder Ötzi kniete oder saß, den Blick abwärts gerichtet – und der Schuss kam von einer etwas höher gelegenen Stelle. Auf alle Fälle „mit der Präzision eines Scharfschützen“. Wahrscheinlich hatte Ötzi gerade eine kleine Pause gemacht und etwas gegessen. Magenreste zeigen, dass er die letzte Mahlzeit kurz vor seinem Tode einnahm. Die Art der Kopfwunde spreche laut Frank Rühli auch dafür, dass der Angreifer Ötzi mit einem Stein oder anderen Gegenstand erschlug, wohl um ganz sicher zu gehen. Vom Täter oder den Tätern gibt es keine Spur.

Doch warum wurde er getötet? „War es ein Racheakt, eine Rivalität verschiedener Gruppen oder gar ein kriegsähnlicher Territorialstreit?“, fragt der Mumienforscher Zink. Möglich wären sicher auch eine Familienfehde oder eine Tötung aus Eifersucht. Laut Zink werde man das wohl nie wissen.

Ein Mann, der etwas zu sagen hatte?

Aber die Forscher haben natürlich ihre Theorien. Diese hängen eng mit dem möglichen Status des Mannes zusammen, den man Ötzi nennt. War er tatsächlich ein Schäfer, ein Viehhirte, ein Jäger – wie Forscher aus der Verarbeitung wilder Tiere in seiner Kleidung schließen? Oder war er mehr? Ein Mann, der etwas zu sagen hatte? Darauf deuten nach der Meinung verschiedener Forscher einige seiner Gegenstände hin.

Ötzi gehörte zur sogenannten südalpinen Remedello-Kultur. Ein Indiz dafür ist unter anderem sein Dolch aus Feuerstein, der aus den Lessinischen Bergen beim heutigen Verona stammt. Die Klinge seiner Kupferaxt besteht zu 99 Prozent aus Kupfer, gewonnen im Salzburger Land. Solch eine Axt war äußerst wertvoll zu jener Zeit, ein Symbol von Wohlstand und Macht, wie Wissenschaftler erklären.

Der Status Ötzis als Anführer eines Clans könnte Grund für seine Ermordung gewesen sein, sagte Patrick Hunt, Archäologe an der Stanford University. „Irgendjemand wollte ihn wirklich tot sehen.“ Vielleicht war es ein Rivale, der selbst Macht erlangen oder Rache einfordern wollte. Zwei Dinge sprechen laut Hunt dafür. Offenbar folgte jemand Ötzi wild entschlossen bis ins Hochgebirge. Außerdem nahm er nach dem Mord Ötzis wertvolle Gegenstände – etwa die Kupferaxt – nicht an sich. Beides erhärte laut Hunt den Verdacht, dass es ein politisches Motiv gegeben haben müsse. Der oder die Täter hätten alles zurückgelassen, „um nicht mit dem Mord in Verbindung gebracht zu werden“.

Kampf um einen Handelsweg?

Andere Theorien setzen noch höher an, und zwar an Grundkonflikten jener Epoche, in der sich Europa aus der Steinzeit herausentwickelte und die Rivalitäten wuchsen: um Land und den wertvollen Kupferhandel. Hier könnte Ötzi eine wichtige Rolle gespielt haben. In seinem Haar – an der Fundstelle geborgen – wurde eine hohe Konzentration von Metallen nachgewiesen. War er öfter in Kupferhütten? Gehörte er zu jenen, die die Durchfahrt durch die Berge kontrollierten? War er deshalb so oft unterwegs? All dies sind nur Gedankenspiele. Immerhin soll die Gegend, in der Ötzi lebte, an einer wichtigen Handelsroute gelegen haben. Dies und die Rolle des Similaunpasses als Grenze zwischen den nördlichen und südlichen Alpen führen Forscher als mögliche Indizien dafür an, dass Ötzi in einen größeren Konflikt geraten sein könnte. Möglicherweise als Anführer einer Gruppe, die mit einer anderen kämpfte – um ein Territorium, einen Handelsweg, um generelle Macht.

Vielleicht wurde er im Kampf verletzt, konnte entkommen und stieß bei der späteren Rückkehr ins Tal wieder auf seine Feinde, was ihn zur Flucht bewegte. All das klingt logisch. Und dennoch wissen wir es nicht. Und werden es wohl nie wissen. In einem so alten Kriminalfall gibt es leider keine lebenden Zeugen mehr. Verjährt ist er ohnehin. 

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