Altfallkommission

Wie die Berliner Polizei 270 rätselhafte Mordfälle lösen will

„Sie müssen Gefühle ausblenden“, sagt Norbert Preuschoff vom Morddezernat.

Katrin Bischoff
8 Min
Norbert Preuschoffs Kommissariat befasst sich ungeklärten Berliner Mordfällen.

Norbert Preuschoffs Kommissariat befasst sich ungeklärten Berliner Mordfällen.

© BLZ/Paulus Ponizak

Sie leiten ein Kommissariat, das alte Mordfälle in Berlin aufklären soll? Warum gibt es dieses Kommissariat?

Kein Mörder soll sich jemals sicher fühlen. Gewaltstraftäter haben in Freiheit nichts zu suchen. Schon gar keine Mörder oder Totschläger. Bei denen besteht die Gefahr, dass sie wieder zuschlagen.

Was gab den Ausschlag, die Altfallkommission zu bilden?

Der Fall des verschwundenen Manuel Schadwald. Der damals Zwölfjährige wird seit 1993 vermisst. Es gab Hinweise in der Presse, dass der Junge in der Stricherszene in Holland zu finden ist. Diesen Hinweisen sollten wir nachgehen. Mein Inspektionsleiter hatte ohnehin vor, eine Dienststelle zu gründen, die sich mit alten, unaufgeklärten Tötungsdelikten befasst. Da war der Fall Schadwald 2008 ein guter Einstieg. Berlin war das erste Bundesland mit einem solchen Kommissariat.

Und wie gingen die Ermittlungen bei Manuel Schadwald aus?

Wir haben uns auf diesen Fall gestürzt, ihn über zweieinhalb Jahre bearbeitet. Damals konnten wir mit Sicherheit ausschließen, dass der Junge jemals in Holland gewesen ist. Die Hinweise waren durch die Ermittlungen widerlegt.

Wie viele Kollegen arbeiten jetzt in ihrem Kommissariat?

Angefangen haben wir mit drei, jetzt sind wir sechs.


Chef der Altfallkommission

Norbert Preuschoff leitet im Morddezernat das Kommissariat Sonderermittlungen, das sich unter anderem mit unaufgeklärten Tötungsdelikten befasst.

Der Erste Kriminalhauptkommissar ist Chef von fünf weiteren Ermittlern. Preuschoff hat nach dem Abitur zunächst mit dem Studium der Volkswirtschaft begonnen, aber schnell bemerkt: „Das liegt mir nicht.“ Er schlug, wie sein Vater, die Laufbahn bei der Polizei ein.

Zunächst befasste er sich mit der Aufklärung von Sexualdelikten, leitete später selbst eine der Mordkommissionen. 2008 übernahm er die Altfallkommission.


Und wie viele alte unaufgeklärte Mordfälle gibt es?

Wir haben 270 ungeklärte Fälle auf unserer Liste, die wir noch nicht einmal alle intensiv angeschaut haben. Davon sind ungefähr 30 Langzeitvermisste, bei denen die Möglichkeit besteht, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind.

Wann ist ein Mordfall ein Altfall?

Wenn die Mordkommissionen alle Ermittlungsansätze ausgeschöpft haben, die aber nicht zum Erfolg führten. Es gibt auch alte Fälle, die immer noch bei einer Mordkommission liegen, weil man da noch Aussichten auf Erfolg sieht. Wenn ein Ermittler Tag und Nacht an einem Fall gearbeitet hat, dann hängt da auch Herzblut dran. Ich kann die Kollegen verstehen, die den Fall dann nicht an eine andere Dienststelle abgeben wollen.

Zum Beispiel?

Etwa der Mord an einer 39-Jährigen Joggerin im Spandauer Forst im Juni 2009. Da ermittelt immer noch die 7. Mordkommission.

Von wann ist der älteste Fall, der bei Ihnen gelandet ist?

Ich bin vor einiger Zeit in unserem Keller gewesen, wo die alten Unterlagen lagern. Da habe ich eine Akte von 1947 oder 1948 gefunden. Damals wurde ein Berliner erschossen, und es wurde vermutet, dass ihn ein sowjetischer Soldat getötet hatte. Es war hochinteressant, das zu lesen. Aber in Fällen aus den 1940er-Jahren zu ermitteln, ist illusorisch. Der älteste Fall, den wir bearbeiten, ist von 1968.

Was ist das für ein Verbrechen?

In einem Kinderheim in Zehlendorf wurden eine Erzieherin und ein Junge erstochen. Der Täter konnte nie ermittelt werden.

49 Jahre ist das jetzt her. Glauben Sie wirklich, noch eine Spur zu finden?

Wir bearbeiten den Fall aktiv. Eine Kollegin ist seit einiger Zeit nur mit diesem Verbrechen befasst. Es gibt noch Asservate von damals, die wir untersuchen lassen. Etwa eine blutige Zigarettenschachtel vom Tatort.

Und?

Das Ergebnis steht noch aus. Neue Mordfälle haben bei der DNA-Untersuchung immer Vorrang. Und das Spurenaufkommen in heutiger Zeit ist gewaltig.

Wie viele alte Tötungsdelikte haben Sie bisher untersucht?

39 Fälle haben wir abgeschlossen – mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Darunter sind auch Verbrechen, bei denen nichts in der Akte steht, es keine Asservate gibt, keine Zeugen. So ein Fall ist tot – auch für uns.

Und wie viele konnten Sie lösen?

In vier Fällen konnten wir Täter ermitteln. Drei wurden verurteilt, ein mutmaßlicher Täter freigesprochen.

Ein Freispruch in einem Mordfall?

Es ging um das Tötungsdelikt an einer Rentnerin 1989 in Neukölln. Die Frau war in ihrer Wohnung erwürgt worden. Damals schon gab es einen Tatverdächtigen. Er war in Zeiten der Maueröffnung aus Ostberlin rübergekommen und mit der Frau ins Gespräch gekommen. Sie hat ihn in ihre Wohnung mitgenommen. Die Frau wurde Tage später erwürgt aufgefunden.

Und warum Freispruch?

Weil das Gericht 2016 die Mordmerkmale nicht als erfüllt ansah. Wir sind von Raubmord ausgegangen. Aber der Zeuge war sich nicht mehr sicher, ob der Täter wirklich Wertgegenstände aus der Wohnung mitgenommen hatte. Es war also ein Totschlag, und der war verjährt.

Der Fall, den Preuschoff unbedingt aufklären möchte

Norbert Preuschoff schlug, wie sein Vater, eine Laufbahn bei der Polizei ein. 2008 übernahm er die Altfallkommission.

Norbert Preuschoff schlug, wie sein Vater, eine Laufbahn bei der Polizei ein. 2008 übernahm er die Altfallkommission.

© BLZ/Paulus Ponizak

Gibt es einen Fall, den Sie unbedingt aufklären wollen?

Der gewaltsame Tod einer Frau in Prenzlauer Berg. Sie war im Hausflur erstochen worden. Ihre Leiche lag noch abgedeckt am Tatort, als der Ehemann oder Sohn nach Hause kam, nicht wissend, wer unter diesem Tuch lag. Er wurde an der Leiche vorbei in seine Wohnung geleitet. Es war schon beklemmend, ihm das hinterher sagen zu müssen.

Ist es nicht belastend, täglich mit Ermordeten zu tun zu haben?

Sie müssen Gefühle ausblenden. Uns treibt der Ehrgeiz, besser zu sein als der Täter, um ihn zu kriegen. Wenn wir uns da auch noch intensiv in menschliche Schicksale reinhängen würden, könnten wir nicht objektiv ermitteln.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Fälle aus, bei denen Sie noch einmal ermitteln?

Wir fassen die Fälle noch einmal an, bei denen die Möglichkeit hoch ist, dass wir etwas finden. Wir müssen Asservate haben.

Wie wichtig sind DNA-Spuren?

Sehr wichtig. Mit mikroskopisch kleinen Partikeln, die am Tatort sichergestellt wurden, können wir Täter von lange zurückliegenden Verbrechen überführen.

Haben Sie ein Beispiel?

Im Jahr 2000 gab es einen Raubmord. In der Kurfürstenstraße war ein älterer Herr ganz fürchterlich zusammengetreten worden. Der Täter raubte Geld. Ein Kollege hat diesen Fall 15 Jahre lang immer wieder mal angeschaut. Bis er an einem Asservat eine winzig kleine Spur fand – Täter-DNA. Der Tatverdächtige saß bereits wegen einer anderen Tat im Gefängnis. Er wurde nun wegen Mordes noch einmal verurteilt. Nach Jugendstrafrecht, weil er damals erst 19 Jahre alt war.

Finden Sie denn noch Zeugen bei derart alten Fällen?

Ja, und es erstaunt uns, was die Leute noch wissen. Allerdings muss man die Aussagen auch mit Vorsicht genießen, weil im Laufe der Zeit Erlebtes gerne mit Fantasie vermischt wird. Viele Zeugen werden von der Presse beeinflusst. Sie lesen etwas und übernehmen das.

Kribbelt es eigentlich, wenn Sie eine Spur in einem alten Fall entdecken?

Kribbeln ist das falsche Wort. Wir freuen uns. Das ist aber ein ganz anderes Gefühl, als bei einem aktuellen Fall. Da kribbelt es wirklich, wenn Sie rund um die Uhr gearbeitet haben und dann hören, der Täter hat ein Geständnis abgelegt. Da ist Erleichterung zu spüren. Wir dagegen empfinden so etwas wie Genugtuung.

Was benötigt man als Ermittler?

Hartnäckigkeit und Glück, viel Glück. Dass tatsächlich Spuren vorhanden sind und diese Spuren nicht vernichtet wurden.

Ist die Arbeit in der Altfallkommission nicht Luxus, weil Sie aus der aktuellen Mordermittlung herausgenommen werden?

Ein wenig schon. Es ist immer gut, wenn mal ein Außenstehender auf einen Fall schaut, der nicht von Anfang an mit den Ermittlungen betraut war. Unser Kommissariat ist aber auch für die Amts- und Rechtshilfeersuchen zuständig und ermittelt bei fahrlässigen Tötungen, sogenannten ärztlichen Kunstfehlern mit Todesfolge. Wir haben also genug zu tun.

Gibt es große Unterschiede in der kriminalistischen Arbeit von damals zu heute?

Das sind Welten. Niemand wusste doch 1962 etwas von DNA oder Faserspuren. Niemand klebte eine Leiche ab. Die Ermittler am Tatort trugen vielleicht Handschuhe.

Wie kommen Sie auf das Jahr 1962?

Das war der älteste Fall, den wir bearbeitet haben. Damals war eine Prostituierte nahe der Kongresshalle ermordet worden. Offensichtlich war der letzte Freier der Täter. Die Tote war nicht richtig bekleidet gewesen. Offenbar fand man es pietätlos, das Opfer so zu fotografieren. Was machten die Kollegen also? Sie zogen die Frau erstmal ordentlich an, um sie zu fotografieren. Das ist aus heutiger Sicht der ausgemachte Supergau.

Das ist wirklich so geschehen?

Ja, wir mussten die Ermittlungen einstellen, es gab zu viele DNA-Spuren.

Gibt es etwas, das Sie sich wünschen?

Ich würde bei der erkennungsdienstlichen Behandlung von Tatverdächtigen gerne noch die DNA nehmen lassen, wenn die Prognose besteht, dass weitere Straftaten zu befürchten sind. Heute muss man für eine Speichelprobe rechtskräftig verurteilt sein und eine schwere Straftat begangen haben.

Warum haben Sie diesen Wunsch?

Weil wir Straftaten aufklären möchten. Und Straftaten, bei denen es Spuren gibt, Tätern zuordnen wollen.

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