Der schwierigste Abschnitt auf dem Schulweg von Lei Xin dauert jetzt knapp eine Minute. So lange braucht ein gläserner Fahrstuhl, um an einer nahezu senkrechten Felswand 288 Meter nach oben zu schießen.
Lei Xin gehörte zu den ersten Kindern, die den neuen Lift ausprobieren durften. Sein Urteil, festgehalten von der Zeitung Yunnan Daily: schneller und geräumiger als der alte.
Der Aufzug heißt Fuyao-Lift, steht in der Nizhuhe-Schlucht bei Xuanwei in der südwestchinesischen Provinz Yunnan und ging am 31. Juli in Betrieb. Im chinesischen Netz läuft er unter einem eigenen Spitznamen: „Luftschulbus“.
Sechs Stunden am Fels: Der Schulweg vor 2022
Um zu verstehen, warum ein Fahrstuhl hier eine Nachricht wert ist, muss man den alten Weg kennen.
Das Dorf Nizhuhe liegt am Grund einer Schlucht, rund 500 Meter unterhalb der Kante. Die Grundschule steht oben, im Nachbardorf Guanzhai.
Dazwischen lag ein Kletterpfad. Vorgänger hatten mit Meißel und Hammer Löcher und Tritte in die Wand geschlagen, die Kinder zogen sich an Ketten und Seilen hoch, mit Händen und Füßen zugleich.
Ein Weg dauerte gut drei Stunden, hin und zurück waren es sechs. Kein Kind stieg allein, die Eltern begleiteten jeden Aufstieg.
Der Zeitablauf, den die Zeitung beschreibt, klingt wie aus einem anderen Jahrhundert: Aufbruch gegen zwölf Uhr mittags, Rückkehr gegen sechs Uhr abends. Stand das Wasser im Tal hoch, kamen kleinere Mütter nicht durch die Furt – dann trugen die Väter die Kinder einzeln hinüber.
Rund 500 Meter unter ihnen liegt das Dorf: Schülerinnen in der Kabine des Aufzugs, der ihren Schulweg auf etwa eine halbe Stunde verkürzt.
© Imago/LIJIAXIAN
Alle zehn Tage, nicht jeden Morgen
An dieser Stelle lohnt eine Korrektur, die in vielen Berichten untergeht.
Der Sechs-Stunden-Marsch war kein täglicher Schulweg. Die Kinder wohnten oben an der Schule. Xinhua beschreibt den alten Rhythmus so: Kinder und Eltern nahmen den Aufstieg mindestens alle zehn Tage auf sich.
Ein Blick auf die Bilanz des ersten Aufzugs stützt das. Bis 2025 kam er nach Angaben der Yunnan Daily auf knapp 1000 Schülerfahrten – für einen täglichen Betrieb über drei Jahre wäre das viel zu wenig.
Der Gewinn liegt damit woanders, als die Zahl 30 Minuten vermuten lässt. Die Kinder können jetzt am Wochenende nach Hause.
288 Meter Glas: Die Technik des Fuyao-Lifts
Der neue Aufzug fährt fünf Meter pro Sekunde. Die Kabine hat eine rundum verglaste Fassade, Platz finden bis zu 81 Menschen.
Gebaut hat ihn ein Hersteller aus Ningbo in der Provinz Zhejiang. Baubeginn war im Oktober 2024, im September 2025 stand der Rohbau, die Investitionssumme gibt die Zeitung mit rund 68 Millionen Yuan an – umgerechnet etwa acht Millionen Euro.
Konstruiert wurde die Anlage eigens für die Bedingungen in der Schlucht: starker Wind, hohe Luftfeuchtigkeit, verkarstetes Gestein.
85 Meter höher als die Plattform im Berliner Fernsehturm
Für den Berliner Größenvergleich: Die Aussichtsplattform im Fernsehturm liegt auf 203 Metern. Der Fuyao-Lift überwindet 85 Meter mehr.
Die beiden Aufzüge am Alexanderplatz brauchen rund 40 Sekunden und nehmen jeweils etwa ein Dutzend Gäste mit. Der Schulaufzug in Yunnan schafft in ähnlicher Zeit die sechsfache Menge.
An den Weltrekord kommt er trotzdem nicht heran. Den hält laut Guinness World Records weiter der Bailong-Aufzug in Zhangjiajie: 326 Meter, in Betrieb seit 2002.
Warum China einen zweiten Schulaufzug gebaut hat
Der Fuyao-Lift ist nicht der erste an dieser Wand. 2022 eröffnete direkt daneben der 268 Meter hohe Qingyun-Lift, zusammen mit einer Seilbahn.
Damals schrumpfte der Weg von über drei Stunden auf 30 Minuten: ein Kilometer zu Fuß, dann Shuttle, Seilbahn, Aufzug. Videos davon gingen in China viral und rührten ein Millionenpublikum.
Mit den Bildern wuchs der Tourismus. Die Nizhuhe-Schlucht trägt die zweithöchste Stufe im chinesischen Bewertungssystem für Sehenswürdigkeiten, und der erste Aufzug war mit 400 Personen pro Stunde bald ausgelastet.
Beide Lifte zusammen schaffen jetzt 1200 Personen pro Stunde. Die Zahl der Gäste, die das Gebiet täglich aufnehmen kann, steigt damit nach Angaben der Zeitung von 4000 auf 15.000.
Der eine Aufzug sichert den Alltag im Dorf, der andere das Geschäft.
Kostenlos für Anwohner, Polizisten begleiten die Kinder
Für die Bewohner von Nizhuhe und Guanzhai sowie für alle Schülerinnen und Schüler ist die Fahrt dauerhaft gratis. Das galt beim Qingyun-Lift und gilt beim Fuyao-Lift weiter.
Dazu kommt ein eigener Zugang für den Schulverkehr, damit die Kinder nicht im Besucherstrom stehen. Nach der Xinhua-Darstellung werden sie auf dem Weg von Polizisten und eigens abgestelltem Personal begleitet.
Der Umfang bleibt überschaubar: Die Grundschule Guanzhai hatte zuletzt gut 50 Kinder, ein Teil davon stammt aus dem Tal.
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