Die Idee des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), eine Jahreskarte für Busse, Trams und U-Bahnen für 365 Euro im Jahr anzubieten, stößt bei den Grünen auf Skepsis, bei der Opposition auf Kritik.
Müller hatte bei einer Diskussionsrunde der Neuen Zürcher Zeitung in der Schweiz angekündigt: „Ich will Schritt für Schritt auch das Ziel verfolgen, ein Jahresticket für den öffentlichen Personennahverkehr für 365 Euro anbieten zu können.“ Vorbild sei die Stadt Wien, sagte Müller in der Gesprächsrunde mit seinen Amtskollegen aus Wien und Zürich.
„Der Vorschlag kommt überraschend“, sagte Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, der Berliner Zeitung. Bisher sei über das 365-Euro-Ticket nicht konkret gesprochen worden. „Ich werte das als ersten Vorschlag der SPD, darüber zu beraten.“ Vor allem mit Blick auf die Kosten ist Moritz skeptisch: Das Ticket koste dann nur noch halb so viel wie zurzeit, die BVG aber brauche das Geld. „Die Differenz muss irgendwie reinkommen – erstmal müsste sie dann also aus dem Steuertopf gezahlt werden“, so Moritz. Er gehe allerdings davon aus, dass die Gelder für Müllers Vorstoß noch nicht im Haushaltsentwurf eingeplant seien, der in der nächsten Woche vorgelegt werden soll.
Interessant, aber unrealisitsch
Die Grünen und Linken, Koalitionspartner der SPD, haben außerdem andere Pläne für den Öffentlichen Nahverkehr, die einander gleichen: Beide wollen eine monatliche Summe von allen Berlinern kassieren, die dann ohne Ticket BVG fahren dürfen. Die Grünen nennen ihr Modell „Solidarische Umlage Finanzierung“ und wollen das ticketfreie Fahren zeitlich begrenzen – zu Stoßzeiten von 7 bis 10 Uhr morgens zum Beispiel soll es nicht möglich sein. Die Linken nennen ihr Modell „Öffi-Flatrate“ und verzichten auf zeitliche Begrenzungen.
Alle Möglichkeiten werden zurzeit von der Senatsverkehrsverwaltung in einer Studie geprüft und berechnet – die Ergebnisse werden nach Auskunft der Verwaltung allerdings noch einige Zeit auf sich wartenlassen.
Die CDU bewertet Müllers Vorhaben als „interessant“, aber unrealistisch: „Anders als in Österreichs Hauptstadt ist unser Nahverkehr leider unterfinanziert“, teilte die Partei mit. Es fehlten Fahrzeuge, die Takte seien auf einigen U-Bahn-Linien deswegen zuletzt verlängert worden. „Hier müssen klar die Prioritäten liegen. Müller müsse klar machen, wie er seinen Vorschlag finanzieren wolle. So lange im neuen Doppelhaushalt keine zusätzlichen Gelder eingeplant seien, „muss sich Berlins Regierender Bürgermeister fragen lassen, wie er die Übernahme des Wiener Modells finanzieren oder ob er doch nur Sommertheater spielen will“, sagte Oliver Friederici, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion.
Große Investition
Die FDP betonte, dass der rot-rot-grüne Senat erst einmal ein stimmiges Gesamtkonzept für den ÖPNV vorlegen solle. Entscheidend seien außerdem nicht allein die Preise – sondern auch Sicherheit, Sauberkeit und ein gutes Angebot.
Die BVG ist der Idee gegenüber aufgeschlossen, verweist aber auf begrenzte Ressourcen: „Jede Idee ist gut, die dazu führt, dass mehr Menschen den ÖPNV nutzen“, sagte eine BVG-Sprecherin. Notwendig seien dann aber auch mehr Personal und Fahrzeuge. „Das ist eine sehr große Investition.“
Städte-Vergleich
Berlin: Die Umweltkarte des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg für das Berliner Stadtgebiet kostet bislang 761 Euro im Jahr. Von August an bekommen Azubis die Jahreskarte für 365 Euro.
Wien: In der österreichischen Hauptstadt ist die Jahreskarte seit dem Jahr 2012 für 365 Euro zu haben. Vor der Tarifänderung kostete die Jahreskarte in Wien 449 Euro.
Bonn: In der einstigen Bundeshauptstadt und in Reutlingen laufen aktuell Testphasen mit 365-Euro-Karten. Finanziert wird das Ganze mit Hilfe von Bundeszuschüssen.
Wien hatte 2012 für Busse und Bahnen eine Jahreskarte für 365 Euro eingeführt, jeder zweite Wiener habe sie im Portemonnaie, bilanzierte das Beratungsunternehmen Civity in einer Studie, auf die die BVG am Montag hinwies. Allerdings sei die Zahl der Fahrgäste seither nicht stärker gestiegen als die der Einwohner, es werde auch nicht weniger Auto gefahren.
In Wien war auch der Rabatt nicht so stark wie er in Berlin wäre: Vor 2012 kostete die Jahreskarte in der österreichischen Hauptstadt 449 Euro. Zugleich wurden ab 2012 Gelegenheitsfahrten deutlich teurer, erläutert die Studie. Der ÖPNV war schon vorher gewachsen, während die Parkgebühren stiegen.
In Deutschland testen derzeit Bonn und Reutlingen mit Hilfe von Bundesförderung 365-Euro-Karten. Diese sollen mehr Menschen dazu bringen, das Auto stehen zu lassen und stattdessen Bus und Bahn zu fahren. Die SPD macht sich wie die Grünen auch auf Bundesebene dafür stark. (mit dpa)
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