400 Jahre Zeitungsstadt Berlin: Wie Frischmann die erste Berliner Zeitung erfand

1617 druckte der kurfürstliche Post- und Botenmeister Christoph Frischmann seine gesammelten Avisen. Die erste Berliner Zeitung war geboren.

BLZ
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Der Bericht klingt dramatisch: „Unser Capitain Paradeis hat mit seinen untergebenen Soldaten die eine Schanze so allernechst am Thiergarten oberhalb der Ißnitz gelegen gestürmet und angelauffen: Dieselbe auch glücklichen erobert und einbekommen und alles, was darinnen gewesen niedergehauen.“ Mit diesem Satz beginnt die überlieferte Zeitungsgeschichte in Berlin. Er stand auf Seite 1 des ersten in der Stadt gedruckten und noch erhaltenen Nachrichtenblattes, der Frischmann-Zeitung, und berichtet per 16. August 1617 aus dem in Italien gelegenen Görz am Isonzo (Isnitz). Dieser seinerzeit habsburgische Vorposten gegen die Republik Venedig war wichtig für alle Teile des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – es ging um Krieg und Frieden in Europa. Weitere Themen der Ausgabe: Handelsschiffe im Mittelmeer gekapert, Religionsstreit in Holland, Vulkan Mangibello (Ätna) ausgebrochen.

Berlin hatte 4000 Einwohner

Wann genau die tatsächlich erste Berliner Zeitung erschien, ist unklar, vielleicht war das bereits im Jahr zuvor geschehen, denn die überlieferte von 1617 trägt die Nummer 36. Klar ist zudem: Sie muss nach dem 5. September jenes Jahres gedruckt worden sein – mit diesem Datum ist der letzte Bericht versehen, er kam aus Prag.

Berlin hatte zu jener Zeit viertausend Einwohner. Das einzige lokale Ereignis, welches die Luise-Berlin-Chronik aus jener Zeit für bemerkenswert hält, stammt vom 6. September 1616. Da hatte Kurfürst Johann Sigismund ein „Edikt von Wirtshäusern und Torschluß, auch Nachtwache wegen der Mordbrenner“ für die beiden Städte Berlin und Cölln erlassen und den Rat beider Städte aufgefordert, eine Feuer-Ordnung zu verfassen. 1615 hatte es den „Berliner Tumult“ gegeben, eine Rebellion lutherischer Geistlicher gegen den calvinistischen König.

Lokales nur für die „Beyschrift“

Um Lokalnachrichten ging es Christoph Frischmann, dem Herausgeber der ersten Avisen, ausdrücklich nicht. Was in der Stadt und deren Umgebung geschah, wussten die Leute ohnehin, das brauchten sie nicht eine Woche später noch gedruckt. Der kurfürstlich-brandenburgische Post- und Botenmeister sammelte die bei ihm einlaufenden Neuigkeiten von auswärts und gab sie weiter an den Hof, an Kaufleute, wohlhabende Bürger überhaupt und an Gelehrte. Bei dem Mann mit Amtssitz im Posthof nahe der Nikolaikirche liefen die Nachrichten aus allen Städten mit Postverbindung nach Berlin ein. Da er sie exklusiv erhielt, waren es immer Neuigkeiten, selten mehr als eine Woche alt.

Was zunächst handschriftlich und sporadisch geschehen war, gewann mit der Zeit System. Frischmann erhielt den fürstlichen Auftrag, im ganzen Römischen Reich Kontakte zu pflegen und wichtige Nachrichten zu beschaffen. Bald gab es auch auswärtige Avisen-Bezieher – diese Kundschaft wiederum wünschte auch das Neueste aus Berlin zu erfahren. Sie erhielt eine zugefügte „Beyschrift“.

„Berliner Botenmeister Zeitung“

Seine gedruckten „Avisen“, später nannten Christoph Frischmann und sein Bruder Veit das Produkt „Berliner Botenmeister Zeitung“, erschien wöchentlich mit jeweils acht Seiten, hergestellt von Drucker Georg Runge. Dessen Werkstatt im Grauen Kloster war offenkundig die einzige in der ganzen Stadt.

Die wachsende Verfügbarkeit von Nachrichten aus der Ferne hatte mit den immer ausgedehnteren und stärker verzweigten Postverbindungen zu tun – meist waren noch reitende Boten unterwegs, doch kamen zu jener Zeit auch die ersten Wagen auf. Lange behinderte die deutsche Kleinstaaterei die Entwicklung eines regelmäßigen Post- und Botensystems mit festen Linien.

Nachrichten über Dreißigjährigen Krieg beherrschten das Blatt

Die Jahreszahl 1617 kündet auch von zunehmend angespannten Zeiten: Der Dreißigjährige Krieg zwischen altem katholischen und neuem protestantischen Glauben um die Hegemonie in Europa (1618-1648) bahnte sich an. Der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund (1572-1620) setzte am 17. April 1618 eine neue Wehrordnung sowie Maßnahmen zur Bekämpfung von Tumulten und Unruhen in Kraft. Doch was dann kam, traf ein schwaches, wehrloses Land. Zum Auslöser des großen Krieges geriet der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618. Von 1626 an wurde die Mark Brandenburg mehrfach heimgesucht und wie kaum ein anderes Gebiet des Reiches verheert.

Christoph Frischmann erlebte den Kriegsausbruch nicht mehr, er starb am 25. Februar 1618 in Berlin. Sein Bruder Veit setzte die Arbeit fort, der Konflikt beherrschte fortan die Nachrichten. Veit rückte regelmäßige Korrespondenzen aus Amsterdam, Den Haag, Köln, Rom, Venedig, Prag und Wien ein. In der Nummer 26 des Jahres 1618 erfuhren die Berliner auch von jenem schicksalhaften Prager Fenstersturz, lasen über Truppenmusterungen in Wien, über ein Schreiben des Kaisers an den Papst.

Zensur und Falschmeldungen

Der Schriftsteller und Journalist Peter de Mendelsohn (1908-1982) vermutet in seiner umfangreichen, soeben neu aufgelegten Monografie „Zeitungsstadt Berlin“, dass die Frischmanns zunächst unter kurfürstlichem Privileg völlig selbstständig und unbeaufsichtigt arbeiten konnten: „Der Kurfürst ließ ihnen freie Hand und scheint keine Zensur ausgeübt zu haben.“ Das änderte sich, als der Krieg die Region erreichte. Nie sind die Zeiten günstiger für Nachrichtenhändler als solche, doch Veit Frischmann bekam Schwierigkeiten. Zwar ist von 1628 keine Zeitung erhalten, doch aus einem Briefwechsel zwischen dem Kurfürsten, seinem Wiener Gesandten Graf zu Schwarzenberg und den Berlin/Cöllner Räten wissen wir, dass die (katholischen) Habsburger meinten, nirgendwo im Reiche werde schlimmer „gegen Ihre Kaiserliche Majestät oder gegen Dero Armee“ geschrieben als in Berlin. Schwarzenbergs Rat: „Also würde gut sein, man gebe darauf Achtung.“

Die Stadträte verteidigten Frischmann, er entnehme ja seine Nachrichten den in Berlin eintreffenden Berichten, „geändert und umgeschrieben“ werde nicht. Dennoch legten sie Frischmann nahe, „das Zeitungendrucken auf eine Zeitlang einzustellen oder doch des Kaisers gar nicht zu gedenken“. Aber sie drängten ihn nicht, Monarchenschmeichelei einzurücken. Kurfürst Georg Wilhelm wies die Räte schließlich an durchzusetzen, „daß man das ungedruckt lasse, was zu vermuten, das Offens erregen möchte“. Das klang nicht martialisch, man hatte auch des Botenmeisters gefährdete finanzielle Existenz im Blick. Aber die Zensur war doch in die Berliner Zeitungswelt eingetreten, kaum dass diese zehn Jahre bestanden hatte. Auch Falschmeldungen fanden sich: So wurde in Ausgabe 1618, 31, aus Krakau von Tatarenüberfällen und Türkengefahr berichtet – und alsbald korrigiert: Es habe sich um Unzutreffendes aus Jesuiten-Quelle gehandelt.

In Sachen Zensur fand Frischmann Wege: Das Hauptblatt hielt er neutral. In Wien Missfallendes, also dezidiert Evangelisches, platzierte er in den Beyschriften, also jenen Blättern mit Lokalnachrichten. 1632 kam es dann doch zu einem zeitweiligen Verbot der Frischmann-Zeitung, aber Drucker und Herausgeber blieben behelligt. Vielmehr erging an den Post- und Botenmeister 1634 wiederum die amtliche Weisung, sich der Beschaffung „guter Correspondentz und Avisen eusserist zu befleißigen“, und zwar von nahe gelegenen Orten „Insonderheit aber von Freundt und Feindts Armeen“. Verlässliche Nachrichten waren lebenswichtig für Stadt und Land. Sie zu liefern, traute man dem Zeitungsmanne zu.

Nach dem Tode Veit Frischmanns übernahm Drucker Runge die Lizenz. Das Nachrichtengeschäft ging vom amtlichen Botenmeister auf einen Geschäftsmann über, der Zeitungen wie auch Bücher druckte. Das Geschäft lief, Konkurrenten traten auf den Markt und wurden immer zahlreicher.

Die Zeitungsstadt Berlin war geboren.

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