"48 h Blackpool"

Ausstellung der Berliner Fotografin Benita Suchodrev

Prekäre Momente in einem britischen Vergnügungsort.

Gunnar Lützow
3 Min
Kein einziges Glücksversprechen auslassen: Mädchen  vor einem Vergnügungspark in Blackpool.

Kein einziges Glücksversprechen auslassen: Mädchen  vor einem Vergnügungspark in Blackpool.

© Benita Suchodrev

The Last of England“ – das ist nicht nur der Titel eines Gemäldes des präraffaelitischen Malers Ford Maddox Brown, das Mitte des 19. Jahrhunderts entstand und Auswanderer auf einem Schiff vor der englischen Küste zeigt. Es ist auch der Titel eines Film-Essays von Derek Jarman, der 1987 endzeitlich anmutende Aspekte britischen Lebens unter Thatcher kunstvoll verdichtet hat.

Zwischen Alltag und Apokalypse

Dreißig Jahre, einige Sozialreformen und ein Referendum später, verschwimmen in Großbritannien wieder die Grenzen zwischen Alltag und Apokalypse und die jüngst nostalgisch-ironisch wiederbelebte Durchhalteparole „Keep Calm and Carry On“ wirkt auch keine Wunder mehr. Stattdessen hat das Militär im Rahmen von „Operation Redfold“ in einem Atombunker unter Whitehall eine Kommandozentrale zur Kontrolle möglicher Brexit-Folgen eingerichtet, und ansonsten unauffällige Kleinfamilien mit Eigenheim in der Provinz legen Vorräte für den Krisenfall an.

Akkurat dokumentiert hat die gereizte Stimmung in einem Land am Rande des Nervenzusammenbruchs eher unbeabsichtigt die Berliner Fotografin Benita Suchodrev, deren sehenswerte Ausstellung „48 Hours Blackpool“ Aufnahmen versammelt, die im Juli 2017 im Küstenort Blackpool entstanden.


Die Ausstellung

Benita Suchodrev: 48 Hours Blackpool,

Bis 12. Mai, Di–So 12–18 Uhr, Willy Brandt Haus, Stresemannstr. 28, Eintritt frei, Ausweis erforderlich


Eigentlich hatte die 1975 in Tiflis als Tochter russischer Eltern geborene und im amerikanischen Connecticut aufgewachsene Fotografin nur vorgehabt, ein Porträt des Berliner Underground-Fotografen Miron Zownir bei der Arbeit aufzunehmen. Doch kaum hatte sie ihr Hotel verlassen und die berühmte Promenade erreicht, da passierte etwas: „Es war, als wäre ich durch eine mir vorher unbekannte Tür getreten – ein abgeschlossener Raum, ein Mikrokosmos voller Lärm und Gegensätze. Dort gab es so wenig und doch so viel.“

Letzteres lässt sich auch über den im Kehrer Verlag erschienenen Fotoband gleichen Titels sagen, der Martin Parrs Begeisterung für die bisweilen absurde Freizeitgestaltung der Briten mit Henri Cartier-Bressons Aufmerksamkeit für den „entscheidenden Moment“ vereint: Street Photography in kontrastreichem Schwarzweiß, bisweilen im Vorübergehen locker aus der Hüfte geschossen – dabei immer so nah am Menschen, dass es schon mal schmerzt.

Bingohallen, Hot-Dog-Buden

Denn die Vergnügungssüchtigen, die sich da hektisch durch die Kulissen eines ramponierten Sehnsuchtsortes mit seinen Bingohallen, Hot-Dog-Buden und Wettbüros schieben, machen keinen glücklichen Eindruck: Früh vom Leben enttäuschte Jugendliche, eskalierende Junggesellen, Randständige jeglicher Provenienz – und ein sich im Übergang ins Prekariat befindliches Proletariat, das nicht die Zielgruppe von Tony Blairs „New Labour“-Konzept war.

Die Befindlichkeit in diesem Milieu beschreibt die Fotografin so: „Hier geht es darum, kein einziges Glücksversprechen zu verpassen, sei es Glücksspiel, eine Tüte Eis oder ein Ritt auf dem Esel. Wenn es sich gut anfühlt, ist es gut, wenn auch nur für einen Moment und noch einen Moment – bis es vorbei ist.“ Dass ihre Arbeit in Deutschland weitgehend als Dokumentation des Brexit-Klimas wahrgenommen wurde, hat sie „ziemlich überrascht“, aber nicht gehindert, im letzten Winter noch einmal nachzuschauen, was in Blackpool los ist, wenn kein Touristentrubel das alltägliche Elend überdeckt.

Diese über 200 Aufnahmen illustrieren, ebenfalls unbeabsichtig, den vernichtenden Befund, zu dem der für Menschenrechte zuständige UN-Sonderberichterstatter Philip Alston nach einem Besuch des Landes gekommen ist (nämlich, dass ein Fünftel aller Menschen hier unterhalb der Armutsgrenze lebt), und machen plausibel, wieso ein von vielen Kontinentaleuropäern lange als Einwanderungsland geschätzter Staat aktuell zum Auswanderungsland wird.

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