Um 17.48 Uhr Ortszeit ging in Reykjavík das Licht aus. Eine Minute lang, zum ersten Mal seit dem Jahr 1433.
Zu sehen war davon fast nichts. Über der isländischen Hauptstadt hing eine dichte Wolken- und Regendecke, von der Sonnenkorona blieb nichts als ein deutliches Dunkelwerden. Ein Reporter der WELT beschrieb, wie es während der Totalität andächtig still wurde und wie Applaus aufbrandete, als es schlagartig wieder hell wurde.
Bis zu 20.000 zusätzliche Gäste waren für diese eine Minute angereist, in ein Land mit weniger als 400.000 Einwohnern. Ein Hotelzimmer kostete in dieser Nacht im Schnitt über 1000 Dollar, laut dem Datendienst Lighthouse Intelligence etwa doppelt so viel wie 2025.
Island: Warum ausgerechnet Reykjavík Pech hatte
Der Kernschatten des Mondes traf die Insel als erstes bewohntes Land überhaupt. Das Maximum der gesamten Finsternis lag draußen über der Bucht Breiðafjörður an der Westküste, mit 2 Minuten und 18 Sekunden. An Land war Látrabjarg in den Westfjorden der beste Platz, 2 Minuten und 13 Sekunden.
Reykjavík dagegen liegt nahe am Rand des Pfades und bekam nur knapp eine Minute ab. Wer die zusätzliche Zeit wollte, musste raus aufs Land – dorthin, wo an diesem Nachmittag die Straßen dicht waren.
Überraschend war das Wetter nicht. Historisch ist der 12. August in Island zu 70 bis 80 Prozent bewölkt, und schon eine Stunde vor Beginn meldeten Beobachter in Grundarfjörður auf der Halbinsel Snæfellsnes Regen.
Die nächste totale Sonnenfinsternis über Reykjavík kommt im Jahr 2245.
Berlin: Polizei-Hundertschaft am Planetarium
In Berlin lief es an diesem Abend umgekehrt. Der Himmel hielt, dafür geriet der Boden außer Kontrolle.
Vor dem Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg, wo seit 17 Uhr die „Lange Nacht der Astronomie“ lief, sammelten sich am späten Nachmittag Menschenmassen. Die Polizei sprach von rund 3000 Personen, der RBB berichtete von etwa 2000.
Ein Teil davon stand auf der Fahrbahn. Die Einsatzkräfte sperrten kurzzeitig die Prenzlauer Allee, der S-Bahnhof Prenzlauer Allee wurde geschlossen. Mehrere Streifenwagen und Kräfte einer Einsatzhundertschaft rückten an, um die Besucherströme zu lenken.
Auf ihrem WhatsApp-Kanal bat die Berliner Polizei schließlich darum, nicht mehr zu kommen.
Planetariums-Sprecherin Jody Haßmann sagte dem Tagesspiegel: „Wenn es voll ist, ist es halt voll.“
Sonnenfinsternis in Berlin: Polizei sperrt S-Bahnhof am Planetarium in Prenzlauer Berg
Sonnenfinsternisbrillen: 50 Euro für ein Stück beschichtete Pappe
Die Währung dieses Mittwochs war ein Papprahmen mit Spezialfolie. 10.000 kostenlose Exemplare gab das Berliner Planetarium aus, auf Kleinanzeigen-Portalen wurden zuletzt bis zu 50 Euro pro Stück aufgerufen.
In München reichte die Schlange vor dem Shop des Deutschen Museums am Vormittag bis zur Ludwigsbrücke, nachdem dort noch einmal 2500 Brillen eingetroffen waren. Der Kulturdachgarten des Gasteig war ausgebucht, die Sonderveranstaltung der Volkssternwarte München ausverkauft. Am Großen Feldberg im Taunus war der Parkplatz eine Stunde vor Beginn voll, die Zufahrt wurde gesperrt.
„Die letzten Sonnenfinsternisse hatten weniger Bedeckung“, sagte Mariana Wagner, stellvertretende Direktorin des Hamburger Planetariums der dpa. „Heute ist wirklich ein Ausnahmezustand."
Spanien: 33.600 Polizisten für anderthalb Minuten
Für das spanische Festland war es die erste totale Sonnenfinsternis seit 1905. Entsprechend groß war der Apparat, der dafür in Bewegung gesetzt wurde.
350 offizielle Beobachtungspunkte wurden ausgewiesen, rund 33.600 zusätzliche Polizisten und Guardia-Civil-Beamte eingesetzt, auf Mallorca half das Militär beim Absperren. Die Verkehrsbehörde DGT rechnete mit bis zu 1,5 Millionen zusätzlichen Autofahrten an diesem einen Tag.
Das Beratungsunternehmen AFI schätzt den wirtschaftlichen Effekt auf rund 421 Millionen Euro. Etwa 327.000 Menschen sollen eigens in die Totalitätszone gereist sein, 80 Prozent davon aus dem Ausland. Balkonplätze an Mallorcas Westküste wurden für bis zu 700 Euro verkauft.
Der Schatten arbeitete sich in wenigen Minuten quer durchs Land. Nach Daten des Nationalen Geographischen Instituts wurde es in Santander um 20.26 Uhr dunkel, in A Coruña und Oviedo um 20.27 Uhr, in Valencia um 20.32 Uhr. Bilbao bekam nur 27 Sekunden ab, Oviedo dagegen fast eine Minute und 48 Sekunden.
Madrid verpasste die Totalität knapp. Die Grenze der Zone verlief so dicht an der Hauptstadt, dass Gebiete rund um den Flughafen Barajas noch hineinfielen, das Zentrum aber nicht mehr.
Auf Mallorca gab es schon am Morgen Behinderungen rund um Sóller, an den Aussichtspunkten der Serra de Tramuntana füllten sich die Parkplätze Stunden vor Beginn. In Palma begann die Finsternis um 19.38 Uhr, um 20.31 Uhr wurde es für 1 Minute und 36 Sekunden dunkel, um 20.44 Uhr ging die Sonne unter.
Selbst die Luftfahrt mischte mit. Iberia schickte einen Sonderflug mit der Nummer IB1473 von Madrid in die Totalitätszone über der Provinz Palencia, mit einer GoPro am Kabinenfenster und Livebildern per Starlink.
Deutschland: 85 Prozent – und dann fast ein halbes Jahrhundert Pause
Über Deutschland lief keine Totalität, sondern die tiefste partielle Finsternis seit Langem. Der Halbschatten traf um 19.11 Uhr zuerst Sylt und die Küste vor Flensburg und wanderte dann nach Süden, bis um 19.24 Uhr auch Oberstdorf erreicht war.
In Berlin verdeckte der Mond zum Maximum um 20.08 Uhr rund 85 Prozent der Sonne. In Freiburg waren es nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz etwa 90 Prozent, weil der Südwesten näher am Totalitätspfad liegt.
Das eigentliche Problem war nicht der Bedeckungsgrad, sondern der Sonnenstand. Beim Maximum stand die Sonne über Berlin nur knapp vier Grad über dem Horizont, etwa zwei Daumenbreiten bei ausgestrecktem Arm. Wer keine freie Sicht nach Nordwesten hatte, sah vor allem Häuserkanten und Baukräne.
Einen Bedeckungsgrad dieser Größenordnung gibt es über Deutschland laut DLR erst am 13. Juli 2075 wieder, in 49 Jahren. Auf eine echte Totalität wartet man hier bis 2081.
Nach der Finsternis: Die Nacht war nicht vorbei
Für alle ohne Brille gab es einen Nachschlag. Wenige Stunden nach der Finsternis erreichte der Perseiden-Strom seinen Höhepunkt.
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