85 Jahre lang bewirtete die Mitropa ihre Gäste - eine Reise durch die Geschichte des Speisewagens: Hacki und das Pußtagold

BERLIN, 13. Dezember. Hape Kerkeling war sich gar nicht bewusst, zu welchem Popularitätsaufschwung er der Mitropa vor einigen Jahren verhalf: Unter dem Motto "Das ganze Leben ist ein Quiz" brachte er rote Mitropa-Kaffeemaschinen unter die Leute. Die Küchengeräte wurden Kult, obwohl sie eine reine Erfindung des Komikers waren. Den Fernsehzuschauern gefiel der Scherzartikel gut, bediente er doch ein wenig boshaft das biedere Image der Mitropa.Weniger schadenfroh und mehr mit humorvollem Augenzwinkern erzählt der Journalist Tilo Köhler "Die Geschichte der Mitropa", die jetzt im Transit-Verlag erschienen ist. Der Untertitel des Buches klingt vordergründig freundlich, macht aber auf ein Dilemma der DDR-Gastronomie aufmerksam: "Sie werden plaziert!" - so lautete die Aufforderung des Kellners an den hungrigen Gast, sich zu gedulden, bis er einen Platz zugewiesen bekam. So war es auch Sitte in den Speisewagen der Mitropa. Sie waren berühmt-berüchtigt für schlechtes Essen und noch schlechteren Kaffee. "Der war legendär", sagt Köhler ironisch. Während seiner Studienzeit in den 70er-Jahren arbeitete der heute 47-Jährige selbst als Speisewagenkellner. Im Buch lässt er 85 Jahre Unternehmensgeschichte und Reisekultur Revue passieren.Gegründet im Ersten Weltkrieg, nahm die Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen AG, kurz Mitropa, 1917 die Bewirtung in Fernzügen auf. Ihre große Zeit hatte sie zwischen den Kriegen. Europaweit war der Name ein Inbegriff des luxuriösen Reisens. 1929 bewirtschaftete die Mitropa jeweils über 300 Schlaf- und Speisewagen. Im Zweiten Weltkrieg vermietete sie einen Teil des Bestandes an die Wehrmacht. Nach Kriegsende blickte man auf allgemeine Zerstörung, unbrauchbare Züge und Gleise. Der Mitropa gelang der Wiederanfang abseits der Schienen mit Bunkerhotels und Kinderspeisung. Ab 1949 fuhr sie nur noch im Osten. Im Westen entstand die Deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaft (DSG).In den folgenden Jahren verlor die Mitropa endgültig ihr einst so glamouröses Image. Kulinarische Genüsse standen nicht im Vordergrund. Vielmehr galt es, trotz der permanenten Fleischknappheit ansehnliche Mahlzeiten anzubieten. Mit geschickter Rationalisierung wurden aus 40 Portionen 80, die man durch Sättigungsbeilagen nochmals optisch streckte. Ganz besonders stolz war man Mitte der 70er-Jahre auf die Entwicklung der Schockfrostung von kompletten Menüs. Statt Porzellan gab es so genannte Plaste-Assietten: die Mahlzeiten wurden samt Teller erhitzt und serviert, die leere Plasteschale nach dem Essen weggeworfen. Gut gegen Spülhände - aber kein Garant für glückliche Gäste.Köhler nennt diese Zeit denn auch die morbide Phase der Mitropa, in der sie ihren ganz besonderen Ruf bekam. Die Speisewagen waren stets voll und überheizt, die durstigen Gäste den mächtigen Kellnern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das Speiseangebot machte den Eindruck nicht besser. Da gab es zum Beispiel Hacki, die legendäre Hackroulade, deren Zutaten ein Geheimnis blieben. Manchmal soll Hacki drei Tage alt gewesen sein, bis sie auf den Teller kam. Vielleicht auch dies ein Grund dafür, warum bei der Mitropa so viel getrunken wurde: Ende der 60er-Jahre konsumierten die Gäste allein auf der Strecke zwischen Dresden und Stralsund täglich eineinhalbtausend Flaschen Bier. Weinliebhaber hielten sich an die hauseigenen Tropfen: Mitropa-Juwel (weiß), Mitropa-Rubin (rot) oder Mitropa-Pußtagold (süß). Dazu wählte man eine Zigarette der hauseigenen Marke Reisefreund oder Reisegruß.Die Mitropa konnte sich vieles erlauben, Konkurrenz gab es nicht. So schlecht war ihre Situation zur Wende daher nicht. Es gab 15 000 Mitarbeiter auf Schienen, Flughäfen, Bahnhöfen und Fährschiffen. Man betrieb zudem Friseursalons, Wäschereien und Kioske.Ein Ort der IntimitätNach der Wende vereinten sich die westdeutschen Speisewagen mit den ostdeutschen wieder unter dem alten Traditionsnamen. Tilo Köhler lokalisiert hier die eigentliche Wiedervereinigung: "Der Mitropa-Wagen war ein Ort, an dem rasend schnell Intimität aufkam."Das wird es jedoch nicht mehr lange geben. Seit diesem Sommer bewirtschaftet die Deutsche Bahn ihre Speisewagen selbst. Es gibt ein neues Gastronomiekonzept, das teilweise schon realisiert wurde und zum Fahrplanwechsel am Sonntag in die nächste Phase geht: Der traditionelle Speisewagen wird nach und nach verschwinden und durch Bistros oder den Verkauf am Platz ersetzt. Bei der Mitropa bleiben Gaststätten auf Bahnhöfen, an Autobahnen und Fernstraßen.Dem Speisewagen werden viele hinterhertrauern. Auch die Verbraucherschutzministerin Renate Künast zählt zu den Fans. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb sie unter der Schlagzeile "Der Mitropa-Mord": "Wenn es etwas gibt, das die Bahn allen anderen Reisemöglichkeiten voraushat, dann ist es der Speisewagen." Schon jetzt vermisse sie die "unnachahmliche Mischung aus Anonymität und Vertraulichkeit".Prominenz im fahrenden Hotel // Die Mitropa-Schlafwagen genossen in den 20er-Jahren einen legendären Ruf. Sie galten als die bequemsten der Welt, ihr Personal als das best geschulte. Die Betten waren verhältnismäßig breit, und jede Kabine verfügte über fließend warmes Wasser.Ranghöchster Kunde eines Mitropa-Speisewagens zwischen den Kriegen war Reichspräsident Hindenburg. Auch eine Zugreise der Comedian Harmonists von Berlin nach Hamburg ist überliefert, ebenso gehörte Charlie Chaplin zu den Gästen.Marlene Dietrich soll die Wagen geliebt haben, auch Zarah Leander tafelte neben anderen Ufa-Stars gern in dem eleganten fahrenden Hotel. Die Hollywood-Schauspielerin Lilian Harvey ließ sich im Mitropa-Doppelbett ablichten, Willy Fritsch mit Max Schmeling am Speisewagenfenster.Foto: TRANSIT "Die modernen Schlafwagen vom Typ Varia bieten besten Reisekomfort" versprach die Mitropa im Jahr 1967.Foto: TRANSIT Langeweile? Nicht bei Mitropa, verhieß die Werbung aus den ...

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13 Min

BERLIN, 13. Dezember. Hape Kerkeling war sich gar nicht bewusst, zu welchem Popularitätsaufschwung er der Mitropa vor einigen Jahren verhalf: Unter dem Motto "Das ganze Leben ist ein Quiz" brachte er rote Mitropa-Kaffeemaschinen unter die Leute. Die Küchengeräte wurden Kult, obwohl sie eine reine Erfindung des Komikers waren. Den Fernsehzuschauern gefiel der Scherzartikel gut, bediente er doch ein wenig boshaft das biedere Image der Mitropa.Weniger schadenfroh und mehr mit humorvollem Augenzwinkern erzählt der Journalist Tilo Köhler "Die Geschichte der Mitropa", die jetzt im Transit-Verlag erschienen ist. Der Untertitel des Buches klingt vordergründig freundlich, macht aber auf ein Dilemma der DDR-Gastronomie aufmerksam: "Sie werden plaziert!" - so lautete die Aufforderung des Kellners an den hungrigen Gast, sich zu gedulden, bis er einen Platz zugewiesen bekam. So war es auch Sitte in den Speisewagen der Mitropa. Sie waren berühmt-berüchtigt für schlechtes Essen und noch schlechteren Kaffee. "Der war legendär", sagt Köhler ironisch. Während seiner Studienzeit in den 70er-Jahren arbeitete der heute 47-Jährige selbst als Speisewagenkellner. Im Buch lässt er 85 Jahre Unternehmensgeschichte und Reisekultur Revue passieren.Gegründet im Ersten Weltkrieg, nahm die Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen AG, kurz Mitropa, 1917 die Bewirtung in Fernzügen auf. Ihre große Zeit hatte sie zwischen den Kriegen. Europaweit war der Name ein Inbegriff des luxuriösen Reisens. 1929 bewirtschaftete die Mitropa jeweils über 300 Schlaf- und Speisewagen. Im Zweiten Weltkrieg vermietete sie einen Teil des Bestandes an die Wehrmacht. Nach Kriegsende blickte man auf allgemeine Zerstörung, unbrauchbare Züge und Gleise. Der Mitropa gelang der Wiederanfang abseits der Schienen mit Bunkerhotels und Kinderspeisung. Ab 1949 fuhr sie nur noch im Osten. Im Westen entstand die Deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaft (DSG).In den folgenden Jahren verlor die Mitropa endgültig ihr einst so glamouröses Image. Kulinarische Genüsse standen nicht im Vordergrund. Vielmehr galt es, trotz der permanenten Fleischknappheit ansehnliche Mahlzeiten anzubieten. Mit geschickter Rationalisierung wurden aus 40 Portionen 80, die man durch Sättigungsbeilagen nochmals optisch streckte. Ganz besonders stolz war man Mitte der 70er-Jahre auf die Entwicklung der Schockfrostung von kompletten Menüs. Statt Porzellan gab es so genannte Plaste-Assietten: die Mahlzeiten wurden samt Teller erhitzt und serviert, die leere Plasteschale nach dem Essen weggeworfen. Gut gegen Spülhände - aber kein Garant für glückliche Gäste.Köhler nennt diese Zeit denn auch die morbide Phase der Mitropa, in der sie ihren ganz besonderen Ruf bekam. Die Speisewagen waren stets voll und überheizt, die durstigen Gäste den mächtigen Kellnern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das Speiseangebot machte den Eindruck nicht besser. Da gab es zum Beispiel Hacki, die legendäre Hackroulade, deren Zutaten ein Geheimnis blieben. Manchmal soll Hacki drei Tage alt gewesen sein, bis sie auf den Teller kam. Vielleicht auch dies ein Grund dafür, warum bei der Mitropa so viel getrunken wurde: Ende der 60er-Jahre konsumierten die Gäste allein auf der Strecke zwischen Dresden und Stralsund täglich eineinhalbtausend Flaschen Bier. Weinliebhaber hielten sich an die hauseigenen Tropfen: Mitropa-Juwel (weiß), Mitropa-Rubin (rot) oder Mitropa-Pußtagold (süß). Dazu wählte man eine Zigarette der hauseigenen Marke Reisefreund oder Reisegruß.Die Mitropa konnte sich vieles erlauben, Konkurrenz gab es nicht. So schlecht war ihre Situation zur Wende daher nicht. Es gab 15 000 Mitarbeiter auf Schienen, Flughäfen, Bahnhöfen und Fährschiffen. Man betrieb zudem Friseursalons, Wäschereien und Kioske.Ein Ort der IntimitätNach der Wende vereinten sich die westdeutschen Speisewagen mit den ostdeutschen wieder unter dem alten Traditionsnamen. Tilo Köhler lokalisiert hier die eigentliche Wiedervereinigung: "Der Mitropa-Wagen war ein Ort, an dem rasend schnell Intimität aufkam."Das wird es jedoch nicht mehr lange geben. Seit diesem Sommer bewirtschaftet die Deutsche Bahn ihre Speisewagen selbst. Es gibt ein neues Gastronomiekonzept, das teilweise schon realisiert wurde und zum Fahrplanwechsel am Sonntag in die nächste Phase geht: Der traditionelle Speisewagen wird nach und nach verschwinden und durch Bistros oder den Verkauf am Platz ersetzt. Bei der Mitropa bleiben Gaststätten auf Bahnhöfen, an Autobahnen und Fernstraßen.Dem Speisewagen werden viele hinterhertrauern. Auch die Verbraucherschutzministerin Renate Künast zählt zu den Fans. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb sie unter der Schlagzeile "Der Mitropa-Mord": "Wenn es etwas gibt, das die Bahn allen anderen Reisemöglichkeiten voraushat, dann ist es der Speisewagen." Schon jetzt vermisse sie die "unnachahmliche Mischung aus Anonymität und Vertraulichkeit".Prominenz im fahrenden Hotel // Die Mitropa-Schlafwagen genossen in den 20er-Jahren einen legendären Ruf. Sie galten als die bequemsten der Welt, ihr Personal als das best geschulte. Die Betten waren verhältnismäßig breit, und jede Kabine verfügte über fließend warmes Wasser.Ranghöchster Kunde eines Mitropa-Speisewagens zwischen den Kriegen war Reichspräsident Hindenburg. Auch eine Zugreise der Comedian Harmonists von Berlin nach Hamburg ist überliefert, ebenso gehörte Charlie Chaplin zu den Gästen.Marlene Dietrich soll die Wagen geliebt haben, auch Zarah Leander tafelte neben anderen Ufa-Stars gern in dem eleganten fahrenden Hotel. Die Hollywood-Schauspielerin Lilian Harvey ließ sich im Mitropa-Doppelbett ablichten, Willy Fritsch mit Max Schmeling am Speisewagenfenster.Foto: TRANSIT "Die modernen Schlafwagen vom Typ Varia bieten besten Reisekomfort" versprach die Mitropa im Jahr 1967.Foto: TRANSIT Langeweile? Nicht bei Mitropa, verhieß die Werbung aus den 1920er-Jahren.

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