René Kollos Abschied von der Bühne ist auch eine Geschichte journalistischer Missverständnisse. So sieht das jedenfalls René Kollo. Der große Wagner-Tenor, der ebenso erfolgreich in der Unterhaltungsmusik unterwegs war, hat gerade seine Abschiedstournee begonnen. Mit 76 Jahren scheint das nicht verfrüht. Dass er in dem Alter noch vorzeigbar singen kann, grenzt an ein Wunder. Am Mittwoch sang er in Reutlingen in der Christuskirche, tags zuvor in Nürtingen, Harald Schmidts Geburtsort. Nürtingen war voll, Reutlingen sehr gut besucht, „aber in die Kirche passen bestimmt tausend Leute rein“, sagt er am Telefon. Und die Stimmung? „Joa, sehr enthusiastisch.“
Im Oktober hatte Kollo in der Bunten seine Abschiedskonzerte angekündigt, weil ihn die Intendanten mittlerweile auch für kleinere Charakterrollen in der Oper nicht mehr buchen wollten. Von vier Auftritten war da die Rede – ein Missverständnis. Mittlerweile sind mindestens 80 Konzerte geplant, auch in Japan. Dazu in Salzgitter, Hemmoor, Osterholz-Scharmbeck, Rheda-Wiedenbrück. Dem Publikum „winkewinke“ machen, wie er es nennt. Die Tournee wird, mit Unterbrechungen, zwei Jahre dauern. Oder ein bisschen länger? „Naja, dann bin ich 80, und dann sollte auch Schluss sein. Ich habe ja nicht unbedingt vor, so alt zu werden wie Johannes Heesters.“
"Ich hatte mit Berlin nie Unfrieden"
Am Sonnabend kommt René Kollo auch nach Berlin. Genauer: Berlin-Friedrichshagen, Christophoruskirche. Wir halten fest: Das offizielle Berliner Abschiedskonzert des Berliners René Kollo, der zwischen New York und Tokio, Bernstein und Karajan an allen großen Orten mit allen Großen aufgetreten ist, findet in einer Kirche draußen am Müggelsee statt. Das sieht ja aus, als würde er sich nicht mehr nach Berlin trauen. Oder als wolle man ihn hier nicht mehr haben. Oder als sei es einfach keine so gute Idee, noch Konzerte zu geben. „Das war nur Zufall“, sagt René Kollo, die Leute, die für ihn diese Abschiedskonzerte organisieren, hätten eben einfach diesen Auftrittsort ausgesucht.
Man könnte auch auf den Gedanken kommen, dass das noch etwas mit der alten Metropol-Geschichte zu tun hat. 1997 ging das Operettentheater in die Insolvenz. Da war René Kollo alleiniger Gesellschafter und Intendant. Die Berliner Kulturpolitik hat falsch gespielt, ja, aber René Kollo war auch mitverantwortlich für die Schließung und Entlassung des großen Ensembles. Alles alte Geschichten, sagt Kollo heute. Das Einzige, was er sich vorwerfen könne: dass er damals auf die Avancen des Kultursenators hereingefallen war, der ihm die Leitung des Theaters angetragen hatte. Aber alles vergangen. „Ich hatte mit Berlin nie Unfrieden.“
Deshalb soll es im nächsten Jahr ein großes René-Kollo-Abschiedskonzert in Berlin geben. Denn nicht mal als Wagner-Sänger war ihm ein großer Bühnenabschied vergönnt. Als er im Jahr 2000 an der Deutschen Oper den „Tristan“ sang, sagte er einem Journalisten, das sei nun sein letzter gewesen. Er meinte aber: sein letzter an der Deutschen Oper. Ein Missverständnis – kein Intendant habe mehr angerufen, obwohl er immer noch „Walküre und Parsifal rauf und runter singen könne“.
Das große Konzert soll also stattfinden, richtig mit Orchester und vernünftigem Programm. Die Deutsche Oper sei leider noch nicht recht aufgesprungen, werde demnächst ja auch saniert. Aber vielleicht geht er in die Philharmonie oder ins Konzerthaus. Zu wünschen wäre René Kollo, dass das nicht wieder ein Missverständnis wird.
Konzert René Kollo Sa 19.30 Uhr Christophoruskirche Berlin-Friedrichshagen. Karten: 25 Euro, nur an der Abendkasse.
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