Abschluss der Club Transmediale: Sex, Bässe, Blöken

Der Bass. Der Bass. Der Bass. Das Beste kam dann noch ganz am Schluss, in der Nacht zum Montag, als die Festivalmenge sich gerade schon glücklich, aber doch auch recht müde von den letzten zehn Tagen nach Hause zerstreuen wollte. Doch dann! Erhob sich plötzlich ein gewaltiger brausender Sturm von der Bühne, eine warme Welle aus wilden Vibrationen umwehte die Hörer und lähmte die Glieder, sie brachte die Schädelknochen zum Klingen wie Glocken und ließ alles flattern, was am Körper so flattern kann, die Nasenflügel und die Haut über den Wangenknochen und am Ende sogar die ...

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Der Bass. Der Bass. Der Bass. Das Beste kam dann noch ganz am Schluss, in der Nacht zum Montag, als die Festivalmenge sich gerade schon glücklich, aber doch auch recht müde von den letzten zehn Tagen nach Hause zerstreuen wollte. Doch dann! Erhob sich plötzlich ein gewaltiger brausender Sturm von der Bühne, eine warme Welle aus wilden Vibrationen umwehte die Hörer und lähmte die Glieder, sie brachte die Schädelknochen zum Klingen wie Glocken und ließ alles flattern, was am Körper so flattern kann, die Nasenflügel und die Haut über den Wangenknochen und am Ende sogar die Augenlider.

Man fühlte sich wie ein Astronaut in einer Rakete, die gerade ins Weltall geschossen wird; je schneller sie wird, desto mehr Gravitation lastet auf dem Körper und auf seinen knirschenden Knochen, bis man die Anziehungskraft des Planeten irgendwann überwindet und dann ganz leicht wird und auch ganz frei.

Supergroup der aktuellen Bassmusik

Mumdance, Logos und Shapednoise hießen die drei aus London und Berlin kommenden Produzenten, die sich zum Abschluss des CTM Festivals im Astra erstmals zu einer Art Supergroup der aktuellen Bassmusik zusammengefunden hatten und nun eine runde Dreiviertelstunde lang unterschiedlichste Arten von basslastigem Lärm miteinander verflochten: leicht tanzbaren Lärm und schwer tanzbaren Lärm und absolut untanzbaren Krach. Langsam über den Boden kriechenden Basschlick besprenkelten sie mit hellen Knirschfitzeln, die hoch über den Köpfen von links nach rechts und wieder zurück durch die Surround-Boxen flitzten.

Es war mithin das perfekte Finale für ein sehr gutes Festival. Zum einen, weil es den diesjährigen Klangschwerpunkt – Bass – abschließend prachtvoll variierte: In den 16 Jahren, die das CTM jetzt besteht, waren in seinen Konzerten noch nie so viele tolle, tiefe, dominante, dramaturgisch leitende Bässe zu hören gewesen. Zum anderen, weil das Basstrio auf der Astra-Bühne auch noch einmal das besondere Spannungsverhältnis zwischen Avantgarde und Pop demonstrierte, das dem CTM eignet wie keinem anderen Festival in der Stadt.

Alle drei Produzenten haben ihre Wurzeln in der Clubmusik, sie beherrschen die Funktionskunst der Tanzflurbeschallung in mühelos-kompetenter Weise, aber wenn eine kluge Festivalleitung ihnen Gelegenheit dazu verschafft, können sie diese Musik ebenso mühelos auch auf ihre elementaren Mittel und Techniken reduzieren und daraus ästhetisch eigenständige Bühnen-Inszenierungen erschaffen.

So war es bei vielen Konzerten des Schlusswochenendes, zum Beispiel auch bei dem Trio Carter Tutti Void, in dem Chris Carter und Cosey Fanny Tutti – einst bei den Industrial-Pionieren von Throbbing Gristle tätig – und die Elektro-Noise-Künstlerin Nik Void unfassbar laut abgemischte metallene Rhythmen mit schwirrenden Gitarrenfeedbacks kombinierten.

Oder bei dem Bristoler Duo Emptyset, das mit ähnlich brutal übersteuerten, abrupt auf den Hörer einschlagenden Industrialbeats bekannt geworden ist; bei seinem Konzert am Sonntagnachmittag im Hau1 nutzten sie ihr spezifisches Klangdesign zum Hörbarmachen von stratosphärischen Interferenzen, die zwischen ihrer Bühne und verschiedenen Radiostationen in Echtzeit hin und her geschickt wurden.

Bässe, Körper und Weltall

Was wieder gut zu dem Konzert passte, das Jenny Hval und Susanna Wallumrød am gleichen Ort am Sonnabend Abend gegeben hatten: Bei ihnen waren es ätherisch verwehte Vocoder-Echos, die aus dem nachtdunklen Soprangesang von Wallumrød und dem hochfrequenten Flüstern und Knurren Hvals andersweltliche Chöre erzeugten; ihre beiden Mitmusikerinnen atmeten dazu dunkel in eine Tuba oder flochten aus verknisterten Laptop-Geräuschen brummende Bass-Aureolen.

Es ging also um Bässe und Körper, Bässe und Weltall sowie um Bässe und Stimmen, und bei der CTM-Clubnacht im Yaam ging es dann – bis Sonntagmorgen um 8 – um Bässe und Sex. Zur Eröffnung spielte der/die Berliner Künstler/in Born In Flamez transhumanistischen Transgender-Pop; zu dunkel schuffelnden Elektrorhythmen sang die auf Anonymität wie auf Androgynie gleichermaßen gut achtende Person von den Wonnen der sexuellen Ambivalenz.

Wonach das in dieser Zeitung schon viel gelobte Duo 18+ seinen lasziv unterkühlten Post-Internet-Pop darbot: Auch in diesem geht es um unauflösbare Ambivalenz und um Sex, wobei die Lust an der Ambivalenz allerdings nicht in der Überschreitung von Geschlechtergrenzen von Erscheinung kommt, sondern in der Verschränkung von Unlust und Lust, in der Inszenierung eines in sich selbst widersprüchlich erscheinenden Begehrens.

Sagenhaft, wie lasziv aufeinander bezogen und einander doch zugleich komplett ignorierend die beiden 18+-Mitglieder Justin und Samia ihre sadomasochistischen R’n’B-Skizzen darboten; wenn Justin besonders erregt erschien, brillierte er zudem zur allgemeinen Verzückung mit einem durchdringenden Blöken: Määääh. Die im Publikum allgemein aufgestaute erotische Spannung löste hinterher das Kairoer Trio E.E.K. in flotter arabischer Hochzeitsmusik wieder auf.

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