Bitte mein Herr, aufwachen! Sie müssen aussteigen, jetzt! Irritiert unterbricht der Künstler seinen Tiefschlaf. Er war morgens um fünf zum Flughafen gerast und bei Ankunft im Flugzeug sofort wieder eingeschlafen. Wenn einer jeden Abend auf der Bühne steht, ist für ihn der frühe Morgen tiefe Nacht.
Plötzlich zum Aussteigen genötigt, glaubt er sich am Ziel. Falsch. Das Flugzeug war gar nicht gestartet: schlechtes Wetter am Umsteigeflughafen. Der Schauspieler und Sänger Uwe Kröger hätte jetzt geruhsam zurück in sein Innsbrucker Bett flüchten können – erst abends kann ihn die Lufthansa in Berlin abliefern, fünf Stunden zu spät. Aber Kröger wird zu einer Pressekonferenz erwartet, nimmt die ernst wie einen Solo-Abend.
Das Musical
The Addams Family: Basierend auf einer Idee von Charles Addams aus den 1960ern, gibt es die schrille Komödie auch als Comic, Film und TV-Serie.
Das Musical hatte 2010 Premiere am Broadway, in Deutschland läuft es seit 2014.
Mit Uwe Kröger und Edda Petri in den Hauptrollen wird es im Berliner Admiralspalast vom 17. bis zum 21. Mai aufgeführt.
Tickets: 01806–57 00 70 und theaddamsfamilymusical.de
Wo Kröger dran steht, wird Kröger geliefert. Niemals, erzählt er, sage er eine Vorstellung ab. Und die Lufthansa überredet er sofort, ihn auf eine fremde Linie umzubuchen. Er erreicht Berlin im Schnee fast pünktlich, gibt erste Interviews noch in der Maske. Posiert geduldig vor unersättlichen Fotografen, als wäre er ein junger Aufsteiger und nicht der einzige Musical-Star, den der deutschsprachige Theaterraum je hervorgebracht hat, Uwe Kröger, 52, aus Hamm, Westfalen.
Was für eine große Nummer der Deutsche in Wien ist, wo ihn der viel zitierte bühnenbegeisterte Taxifahrer kennt, der Theatergänger sowieso, wo ihn der Wiener auch beim Einkaufen oder Joggen aufspürt, das kann sich im ignoranten Berlin kein Mensch vorstellen.
Gut möglich, dass der Erfolg des Musicals „The Addams Family“ in Wien vor allem auf ihn zurückzuführen ist. Ja ja, natürlich, auch die Vorlage von Charles Addams aus den 1960ern spielt eine Rolle! Der Regisseur Andreas Gergen mit seiner Liebe zu knackigen Screwball-Dialogen und überhaupt die Besetzung des Stückes! Aber jahrelange bebende Ovationen bringt hier nur einer als alltägliche Bühnenerfahrung mit, Uwe Kröger, der erstmals vor einem Vierteljahrhundert den Tod spielte in „Elisabeth“. Diesen Klassiker von Michael Kunze und Sylvester Levay kann Wien bis heute nicht loslassen, er hat den steinigen Weg zum Erfolg des deutschen Musicals überhaupt erst geebnet.
„The Addams Family“, erkennbar durch drei geniale mitgeschnipste Takte, ist ein Stück von ganz anderem Zuschnitt. Es erzählt von einer Familienkrise. Die einander in Liebe verbundenen Eltern Morticia und Gomez Addams, daheim in einer verfallenen Spuk-Villa im New Yorker Central Park, erleben einen Albtraum: ihre Tochter Wednesday hat sich verliebt, doch der Bräutigam stammt aus einer dieser normalen Familien. Ist anders! Gehört nicht zu den exzentrischen Gruftmenschen des eigenen Clans, der Freude am Bösen hat, am Zerstören, Anormalen. Oder ist es etwa normal, wenn Morticia Sehnsucht plagt nach den Abwasserkanälen von Paris? Dass Wednesday den kleinen Bruder quält, indem sie ihn auf die heiße Herdplatte setzt? Dass er sich trotzdem nach seiner Schwester verzehrt? Nein. Aber was heißt schon normal? „Was für die Spinne normal ist, endet für die Fliege in der Katastrophe!“ – so erklärt das Stück seinen Hang zum Anderssein.
„The Addams Family“ hat weltweit Fans als Comic, Film und TV-Serie, jetzt auch als Musical in Wien, wo es wegen des Erfolgs eine Nachauflage erlebt. Aber zunächst gastiert es im Admiralspalast und zwar – das sei betont – als aufwändige und überaus sorgfältige Produktion mit 18-köpfigem Ensemble und 13 Musikern, mit herrlich-düsteren Bühnenbauten auf zwei Ebenen, mit leuchtenden Projektionen und rasanten Dialogen. Selbst die wenigen Tanzszenen, die robust und stampfend aussehen sollen, werden bei genauerer Betrachtung durch kleine schwierige Sprünge veredelt. Sicher, dieser Trash-Humor liegt nicht jedermann, doch Charakter gewinnt das Stück allemal durch das exzellente Spiel.
Der Hollywood-Film von 2000.
© imago/Entertainmentpictures
Vor allem Uwe Kröger trägt es weg, die Überraschung des Abends. Zweieinhalb Stunden steht er auf der Bühne, wobei es einen Moment braucht, ihn zu erkennen: ach, dieser kleine Schnellsprecher mit dem strengen spanischen Akzent und Zigarre im Mundwinkel ist die Hauptfigur. Kröger, eigentlich schlank, durchtrainiert, mittelgroß, aber wirkt neben der kühlen Edda Petri, die es als Morticia auf High Heels wohl auf 195 Zentimeter Größe bringt, unterlegen und gedrungen – natürlich gewollt. Kröger bleibt unerkennbar, wenn man mit ihm nur die Heldenrollen in jedem nur denkbaren Großmusical zwischen Berlin, Wien und London verbindet. Hier dagegen sieht er aus „wie Cary Grant auf Ecstasy“, sagt er selbst beim Blick in den Spiegel, wenn ihn die Maskenbildnerin mit Bart, Gel-haar und großen Ohren in Gomez verwandelt.
Mehr als jeder andere Star weiß Kröger zu schätzen, wenn jemand sein Spiel bemerkt, wie er in der Rolle des Gomez verschwindet, so polterig-chargierend sie auch angelegt sein mag. Kritiker mühen sich selten, unter Musical-Darstellern, diesen singenden, tanzenden, spielenden Alleskönnern nach den Spitzen zu fahnden. Das unsubventionierte Genre bringt viel Schrott hervor, aber eben auch Uwe Kröger, vielseitiger Absolvent des strengen Musical-Studiengangs an der Berliner Universität der Künste.
Besessen und zuverlässig versteht er seinen Beruf als Geschenk: „Arbeit geht bei mir immer vor!“ Im Moment hat er freilich auch gar keine Wahl. Die jüngsten Schlagzeilen machte er gerade mit seinem Schuldenberg von einer halben Million Euro nach einem Immobilienkauf. Das brachte ihn fast um den Verstand, weckte aber noch mehr Ehrgeiz. Keine Doppelvorstellung kann ihn schrecken. Und wenn das Stück im Mai nach Berlin kommt, kann man sicher sein, Kröger auf der Bühne zu erleben. Ersatz ist nicht vorgesehen.
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