Adriano Celentano wird 80

Italiens raue Stimme feiert Geburtstag

Lässig und sozialkritisch: Das Multitalent hat 200 Millionen Tonträger verkauft.

Regina Kerner
4 Min
Für immer Azzurro – Adriano Celentano ist Italiens erfolgreichster Sänger.

Für immer Azzurro – Adriano Celentano ist Italiens erfolgreichster Sänger.

© imago/ZUMA/Keystone

Celentano schlug vor, es wie die Franzosen zu halten: „Lass mich nicht in Versuchung geraten.“ Trotz mangelnder theologischer Expertise wurden seine Ausführungen von der angesehenen Tageszeitung Corriere della Sera abgedruckt. Celentano ist eben ein nationaler Mythos, eine Stimme im Land. Und er hat Narrenfreiheit.

Freiheit und Rebellion

Lächelnd nimmt man hin, dass er im Lauf der Jahre zum teils wirren, mal ernsten, mal komödiantischen Prediger geworden ist, der sich zu Politik, Umweltverschmutzung, Finanzwelt oder Religion auslässt, gern auf seinem Blog „Il mondo di Adriano“ – Adrianos Welt.

Adriano Celentano zu Beginn seiner Karriere Anfang der 60er.

Adriano Celentano zu Beginn seiner Karriere Anfang der 60er.

© Imago

Konzerte des mit 200 Millionen verkauften Platten und CDs erfolgreichsten Musikers Italiens sind rar geworden. Auch zu Celentanos 80. Geburtstag am 6. Januar wird es keine öffentlichen Auftritte geben. Dabei mischt er im Musikgeschäft immer noch groß mit. Die jüngste CD – mit der Grande Dame des italienischen Chansons, der inzwischen 77-jährigen Mina aufgenommen – steht südlich der Alpen auf Platz drei der Charts. In seltenen Fernsehinterviews sieht man Celentano wie eh und je: Den breiten Mund zum Flunsch oder frechen Grinsen verzogen, die Augen dunkel umschattet. Er wirkt erstaunlich fit.

„Azzurro ist und bleibt sein Hit"

Sein Image ist geblieben: Ein bisschen wild, unberechenbar, anarchisch und vor allem lässig. So mischte er in den 50er-Jahren das brave Idyll des italienischen Schlagers auf. Der Sohn süditalienischer Emigranten, in Mailand geboren, wurde als Kind „das Erdbeben“ gerufen. Die Schule schmiss er nach der fünften Klasse und lernte Uhrmacher. Nebenbei imitierte er Jerry Lewis. Und als die Musik Bill Haleys Italien erreichte, gewann er beim ersten Mailänder Rock’n’Roll-Festival 1957 einen Plattenvertrag.

1970 im ZDF bei der Sendung „Nightclub“.

1970 im ZDF bei der Sendung „Nightclub“.

© dpa

1960 engagierte ihn Federico Fellini für einen Auftritt als Rock’n’Roller im Film „La Dolce Vita“. Ein Jahr später hängte Celentano mit „24.000 Baci“ beim Schlagerfestival von San Remo die Konkurrenz ab. Er brachte Italien nicht nur einen neuen Rhythmus, sondern auch einen neuen, coolen und provozierenden Stil: taillierte Hemden, Riesenkrawatten, schräge Tanzverrenkungen, Hüftschwünge und einen Gang, der ihm den Titel „Il Molleggiato“ eintrug – der Federnde. „Er bewegt sich in nie dagewesener Weise“, schrieben die Zeitungen. Celentano sagte später: „Der Rock war für mich ein gleißender Lichtstrahl im Nebel der Langeweile. Er war Freiheit, Rebellion.“

Zu seinem größten Erfolg wurde ein Schlager-Ohrwurm. „Azzurro“, von Paolo Conte komponiert und 1968 veröffentlicht, ist bis heute die inoffizielle Nationalhymne, jedem Italiener quasi in die Wiege gelegt. Das weltweit meistgesungene italienische Lied – noch vor „Volare“ – steht für Sehnsucht nach Sommer, Sonne, Strand, mediterrane Leichtigkeit. Dabei geht es um einen, der in den Ferien allein zu Hause geblieben ist und sich melancholisch nach der Geliebten sehnt. „Blau, der Nachmittag ist zu blau und lang für mich, ich merke, dass ich keine Kraft mehr habe ohne dich."

Gesinnungswandel gen rechts

Nicht nur Celentanos raue Stimme wurde zum Markenzeichen. Die Texte seiner Lieder waren verglichen mit dem „Ti Amo“-Allerlei fast philosophisch. Wie der deutsche Schlagerstar Udo Jürgens griff auch er sozialkritische Themen auf. Anfang der 70er-Jahre nahm er den Rap vorweg, mit dem Sprechgesang „Prisencolinensinainciusol“. Und in „Svalutation“ ging es 1976 um die galoppierende Inflation im Lire-Land: „Mit einem Monatsgehalt kriege ich nur einen Kaffee“.

Verheiratet seit 53 Jahren: Celentano mit seiner Frau Claudia Mori.

Verheiratet seit 53 Jahren: Celentano mit seiner Frau Claudia Mori.

© Imago

Celentano hat viele Talente. Er war auch Schauspieler und Komödiant, spielte in mehr als 40 Filmen mit, darunter einiger Klamauk. Ab Ende der 80er moderierte er Fernseh-Spektakel mit Titeln wie „Ehrlich gesagt, pfeife ich darauf“, „Meiner Schwester geht es nicht gut“ und „Rockpolitik“. Seine Mischung aus Musik, Monologen und Satire hatte oft Rekord-Einschaltquoten. Er war einer der lautesten Kritiker des Berlusconi-Regimes und warnte vor dessen Angriffen auf die Meinungsfreiheit.

Mit der Schauspielerin Claudia Mori, mit der er seit 53 Jahren verheiratet ist, lebt Celentano in einer Villa mit weitläufigem Park nahe Mailand. Seine politischen Vorlieben haben sich gewandelt. 2013 machte er Werbung für die Anti-System-Bewegung des Kabarettisten Beppe Grillo, inzwischen ist ihm die rechte Lega Nord sympathisch. Derzeit arbeitet Celentano an der selbst erdachten TV-Serie „Adrian“, die sein Leben als Cartoon erzählen soll. Produziert wird sie von Berlusconis Konzern Mediaset.

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