AEG und Siemens: Volkswirte besorgt wegen des anhaltenden Verlustes von Arbeitsplätzen / Kritik an Fehlentscheidungen der Unternehmen

Industrie: Kein Ende des Job-Abbaus

Matthias Loke Sebastian Wolff
3 Min

BERLIN, 7. Juni. Angesichts der drohenden Schließung des Nürnberger AEG-Hausgerätewerkes und des Verkaufs der Siemens-Handysparte geht der Bundesverband der Deutschen Industrie davon aus, dass sich der Stellenabbau in der Industrie in Deutschland fortsetzen wird. BDI-Volkswirt Reinhard Kudiß sagte der Berliner Zeitung, zwar sehe es aus, als ob die großen Entlassungswellen vorbei seien: "Aber wir müssen damit rechnen, dass weiter Arbeitsplätze in der Industrie verloren gehen". 2004 habe es einen Rückgang bei der Zahl solcher Stellen um 1,8 Prozent gegeben. "Der Aderlass wird sich etwas verlangsamen", so Kudiß. Es werde aber immer schwerer, arbeitsintensive Fertigung in Deutschland zu halten und neue Beschäftigung aufzubauen.Der BDI-Volkswirt betonte zugleich, dass die deutsche Exportstärke die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und Produkte beweise. Dazu hätten Kostensenkungen und Restrukturierungen erheblich beigetragen. Allerdings würden Unternehmen im Ausland in der Effizienz mit deutschen Firmen nachziehen.Der Präsident des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI, Thomas Straubhaar, sagte, dass sich Massenprodukte mittlerweile fast überall auf der Welt herstellen ließen, und zwar zu Kosten und Wettbewerbsvorteilen, die in Deutschland kaum zu übertreffen seien. "Deshalb wird uns auch der Stellenabbau weiter begleiten". Die deutschen Firmen müssten sich dagegen vor allem darauf konzentrieren, "alles das zu machen, was rechts und links der standardisierten Fertigung" liege. In der "Veredelung von Zulieferungen und Produkten" liege eine Stärke deutscher Firmen.Der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Alfred Steinherr, sagte, die hohen Löhne seien nicht das entscheidende Problem des Industriestandorts Deutschland. "Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ist auch eine notwendig gewordene Folge falscher unternehmerischer Entscheidungen", sagte Steinherr. Die Firmen hätten sich oftmals nicht rechtzeitig auf die Bereiche konzentriert, in denen sie stark und profitabel seien. Dafür würden sie nun die Quittung erhalten. Er gehe davon aus, dass der Verkauf der Siemens-Handy-Sparte auf Dauer auch zur Verlagerung der Herstellung ins Ausland führen wird. "Aus Kostengründen ist das unvermeidlich", sagte der DIW-Konjunkturchef. Die Übertragung der Handy-Sparte an den taiwanischen Hersteller BenQ kostet Siemens in diesem Jahr 350 Millionen Euro vor Steuern .Besorgnis erregend ist die Lage in der deutschen Haushaltsgeräte-Branche. Nach Miele und Bosch Siemens ist AEG nun das dritte Unternehmen, das harte Einschnitte angekündigt hat. Von einer Schließung des Nürnberger AEG-Werks wären 1 750 Mitarbeiter betroffen.Drastischer PreisverfallHintergrund ist der drastische Preisverfall in der Branche und die zunehmende Konkurrenz durch ausländische Wettbewerber. "In Deutschland verkaufen wir unsere Produkte teilweise bereits mit Verlust", sagte Electrolux-Sprecher Michael Eichel der Berliner Zeitung. "Jetzt müssen wir reagieren, wenn wir nicht die gesamte Verkaufstätigkeit in Deutschland aufs Spiels setzen wollen. Die Schließung des Nürnberger Werks, in dem pro Jahr mehr als 1,6 Millionen Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen und Kühlschränke gefertigt werden, sei aber noch nicht beschlossene Sache. Nicht zur Disposition stehe das andere deutsche Electrolux-Werk in Rothenburg, das etwa 1 000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Grund: Dort werden Herde und Kochfelder gefertigt - Produkte, die vom Preisverfall deutlich weniger stark betroffen sind.Bei der so genannten weißen Ware dagegen (Waschmaschinen, Kühlschränke und Spülmaschinen) leidet die Branche Experten zufolge nicht nur unter dem massiven Preisverfall, sondern auch unter der Langlebigkeit der Produkte: Viele Verbraucher schaffen sich deshalb nur alle zehn bis 15 Jahre ein neues Gerät an.------------------------------Foto: Das Nürnberger AEG-Werk ist von der Schließung bedroht.

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