Dabei ist er erst 45. „Ach, erzählen Sie mir doch nichts über Menschenrechte und Demokratie!“, sagt der Kapitän. „Ich muss erst einmal meine Familie satt kriegen.“ Seit fast drei Jahren habe er kein Einkommen mehr, weil die Touristen Ägypten meiden, erzählt der Mann. Unwillkürlich ballt er die Faust, wenn er an die Anhänger des im Juli gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi denkt.
„So kann es nicht weitergehen. Die Unruhestifter müssen ausgerottet werden“, sagt er. Mohamed schaut zum Tempel von Karnak hinüber, der in der Sonne auf Besucher wartet. Eigentlich müsste dort jetzt Hochbetrieb herrschen. Doch die Unruhen im Land halten die Touristen fern, ein Ende der Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition ist nicht in Sicht.
Zur Terrororganisation erklärt
Fast drei Jahre ist es her, dass die arabische Revolution Ägypten erfasste und im Februar 2011 den Langzeitherrscher Husni Mubarak zum Rücktritt zwang. Seither kommt das Land, in dem mehr als 85 Millionen Menschen leben und in dem 2010 noch 14,7 Millionen Touristen Urlaub machten, nicht zur Ruhe.
Ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass Millionen Ägypter auf die Straßen strömten und den Rücktritt des 2012 gewählten Präsidenten Mohammed Mursi forderten. „Nieder mit Mursi!“, skandierten sie am 30. Juni. Sie hatten genug von der Regierung der machtgierigen Muslimbruderschaft, zudem hatte Präsident Mursi die Probleme des Landes nicht lösen können. Das Militär reagierte auf die Proteste: Am 3. Juli setzte Verteidigungsminister Abdelfattah al-Sisi eine Übergangsregierung ein.
Mursis Sturz wird von seinen Gegnern seither als zweite ägyptische Revolution gefeiert. Es hätte ein Neuanfang werden können, allerdings wiederholte die neue Regierung die Fehler, die ein Jahr zuvor Mursi begangen hatte: Statt die Opposition einzubinden, grenzte sie sie aus. Brutal räumten die Sicherheitskräfte im August die Protestcamps der Mursi-Anhänger, seitdem eskaliert der Konflikt von Woche zu Woche.
Es kommt immer häufiger zu Terroranschlägen und Angriffen auf christliche Einrichtungen. Zum Jahreswechsel attackierten Islamisten in Kairo Polizisten, die eine Kirche schützen sollten, in denen Christen gerade einen Gottesdienst feierten. Ägyptische Islamisten geben den Christen eine Mitschuld am Mursis Sturz.
Die Regierung reagiert mit immer schärferer Repression, kürzlich erklärte sie die Muslimbruderschaft zu einer terroristischen Vereinigung. Anlass dafür war ein Anschlag auf ein Polizeirevier in der Provinzstadt Al-Mansura. Bei der Attacke am 24. Dezember starben 14 Menschen, und Hunderte wurden verletzt. Noch bevor die Ermittlungen abgeschlossen waren, gab die Regierung der Muslimbruderschaft die Verantwortung für die Toten. Daran ändert auch ein Schreiben nichts, mit dem sich die Al-Kaida nahestehenden Maqdissi-Brigade zu der Attacke bekannte.
Kaum Alternativen zu Al-Sisi
Das Verbot der Muslimbruderschaft gibt der Regierung freie Hand, noch härter gegen Pro-Mursi-Demonstranten vorzugehen. Es kommt regelmäßig zu heftigen Straßenkämpfen mit Todesopfern. Wer bei Protesten verhaftet wird, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft; Anführer der Bewegung müssen schlimmstenfalls sogar mit der Todesstrafe rechnen.
Verschärft hat die Justiz auch die Gangart bei den Prozessen gegen die Führer der Bruderschaft: Zunächst wurden den Verhafteten Beihilfe zur Tötung von Demonstranten vorgeworfen. Inzwischen lautet die Anklage auf Spionage und Landesverrat.
Internationale Menschenrechtsorganisationen kritisieren das extrem harte Vorgehen der Sicherheitskräfte. Die große Mehrheit der Ägypter aber, so scheint es, steht hinter der Regierung: Sie begrüßt die Verfolgung der Muslimbruderschaft, weil sie darin den einzigen Weg sieht, wie Ägypten zur Ruhe kommen kann.
Die Mehrheit der Bevölkerung steht aber auch hinter der Regierung, weil es an Alternativen fehlt: Da es als fast schon ausgemacht gilt, dass Verteidigungsminister Al-Sisi der nächste Präsident Ägyptens wird, stellen sich viele lieber schon jetzt gut mit ihm und seinem Militärapparat.
Muslimbrüder schließen die Reihen
Und die Muslimbruderschaft? „Wir sind Verfolgung gewohnt“, sagt Yumma M. und erinnert daran, dass die Organisation bereits früher verboten war. Die Ägypterin ist Mitte 20 und Tochter eines Muslimbruders, auch ihr Mann gehört zu der islamistischen Bewegung. Beide sind kürzlich verhaftet worden.
„Was mich am schlimmsten trifft, ist, dass es diesmal nicht nur die Regierung ist, die uns verfolgt. Früher bekamen wir wenigstens das Mitleid unserer Nachbarn, doch jetzt ist die Mehrheit der Bevölkerung voller Hass auf uns“, sagt sie. Vor einem halben Jahr noch hat Yumma M. selbst Mursis Regierung kritisiert. Doch heute sagt sie kein schlechtes Wort über den gestürzten Präsidenten. Die Repression der Regierung schweißt die Reihen der Muslimbrüder wieder zusammen.
So hat sich der moderate Flügel der Bruderschaft bisher nicht abgespalten. Von einer Unterstützung des geplanten Verfassungsreferendums Mitte Januar, die einige Mursi-Anhänger Mitte Dezember angeregt hatten, ist jetzt keine Rede mehr. Vielmehr ruft die Muslimbruderschaft auf ihrer Webseite zum Boykott der Abstimmung auf. Ihre Führer melden sich mit immer neuen Aufrufen zu Protesten aus dem Gefängnis.
Das harte Vorgehen der Regierung richtet sich inzwischen nicht nur gegen die Muslimbruderschaft. Auch Aktivisten der Revolution von 2011 geraten ins Visier: Ahmed Maher, Ahmed Douma und Mohammed Adel wurden kürzlich zu drei Jahren Haft verurteilt, weil sie zu Protest gegen das neue Demonstrationsgesetz aufgerufen und den autoritären Kurs der Regierung kritisiert hatten.
Felukenkapitän Hagg Mohammed verdreht die Augen: „Lassen Sie mich in Ruhe! Diese Typen haben uns dieses ganze Elend doch erst eingebrockt. Ohne sie und ihre Revolution wäre uns viel erspart geblieben“, sagt er und schaut mit trauriger Miene auf die Wellen des Nils.
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