Ärzte-Chef warnt vor den Folgen seiner eigenen Forderung

Angst vor der eigenen Courage

Daniel Baumann
3 Min

Berlin Genau 594 Seiten zählt das Werk, mit dem der deutsche Bundestag ein Stück Transparenz in die Politik bringen möchte. Darin verzeichnet sind Lobbyorganisationen, die sich auf bundespolitischem Parkett bewegen. Der Kaugummi-Verband e.V. gehört genauso dazu wie die Initiative pro Schornstein oder das Institut für Erbrecht. Auf der Liste nicht verzeichnet ist die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Zwar ist auch sie eine sogenannte Interessenvertretung - sie vertritt 150000 niedergelassene Ärzte. Doch als Einrichtung des öffentlichen Rechts wird sie nicht in die Liste aufgenommen.Dabei hat KBV-Chef Andreas Köhler gerade wieder die Politik aufgeschreckt. "Ich gehe davon aus, dass sich bei flächendeckender Kostenerstattung die Zahl der Arztpraxen um rund 25 Prozent reduzieren wird", sagte Köhler der Rheinischen Post. Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), der die Kostenerstattung ausweiten will und weiß, wie wichtig der Bevölkerung ihre Ärzte sind, wird die Nachricht entsetzt haben. Interessant ist , dass Köhler dieses Problem erst jetzt auffällt. Den ganzen Sommer über hat er selbst die Einführung der Kostenerstattung gefordert. Auch in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Um die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte zu reduzieren, "muss das System auf Kostenerstattung umgestellt werden", sagte er. Die Patienten sollten ihren Arzt selbst bezahlen und sich das Geld bei den Krankenkassen wiederholen. Das fördere das Kostenbewusstsein und verhindere unnötige Arztbesuche. Nun, da die Politik auf diesen Kurs einschwenkt, ist Köhler offenbar eingefallen, dass weniger Arzt-Patienten-Kontakte auch weniger Arbeit für die Ärzte, deren Interessen er vertreten soll, bedeuten könnte.Das Bundesgesundheitsministerium wies Köhlers Äußerungen gestern barsch als "Unfug" zurück. Und die Ministerialen dürften recht behalten. 18 Mal pro Jahr gehen die Bürger im Schnitt zum Arzt - bis zu dreimal mehr als in vergleichbaren Ländern. Die Ärzte klagen, nicht genug Zeit für die wirklich kranken Menschen zu haben. Von Arbeitslosigkeit sind sie weit entfernt. Und sie werden es auch in Zukunft sein. Wenn Arztpraxen geschlossen werden müssen, dann hauptsächlich deswegen, weil medizinischer Nachwuchs fehlt, der die in den Ruhestand gehenden Ärzte in den kommenden Jahren ersetzen könnte.Dass sich die Ärzte nicht vor Arbeitslosigkeit fürchten müssen, räumte gestern auch die KBV ein. Die 150000 von ihr vertretenen Ärzte werden es erleichtert zur Kenntnis nehmen. Was Köhler mit seiner Äußerung bezweckte, blieb gestern dagegen unklar. Offiziell tritt der Ärztefunktionär weiterhin für die von vielen Kollegen gewünschte Kostenerstattung ein. War die Warnung vor einem Praxissterben ein Mittel, um sie inoffiziell abzuschießen?------------------------------"Die Zahl der Arztpraxen wird sich um rund 25 Prozent reduzieren." Andreas Köhler

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