Jetzt haben die niedergelassenen Ärzte gestreikt. Nach den Apothekern das nächste Gewerk im deutschen Gesundheitswesen. Sie begeben sich offen in Opposition zur Regierungspolitik. Auf einen Satz reduziert lautet ihre Forderung: Gesundheit darf keine Frage des Geldes sein. Im Interesse derjenigen sollte das gelten, die auf medizinische Versorgung und Pflege angewiesen sind. Deshalb auch im Sinne derjenigen, die für diese Menschen sorgen: Ärzte, Therapeuten, Apotheker, Pflegekräfte, alle Beschäftigten im Sektor der Daseinsvorsorge.
Tatsächlich handelt die Politik bereits nach der Maxime: zumindest dann, wenn man mit einer guten Portion Sarkasmus auf deren Umgang mit dem Gesundheitswesen hierzulande schaut. Geld spielt keine Rolle, denn Geld fehlt. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat den Etat des für Gesundheit zuständigen Kollegen Karl Lauterbach (SPD) für das kommende Jahr drastisch gekürzt. Die Krankenkassen drücken ohnehin traditionell die Kosten.
Zwar ist die Corona-Pandemie beendet, doch sie wirkt nach. Und auch abseits von körperlichen und seelischen Spätfolgen werden die Herausforderungen eher mehr als weniger. Das macht aus dem Bundesgesundheitsminister Lauterbach einen Bundesrechtfertigungsminister. Zu den Paradoxien, die er zu erklären hat, zählt etwa der Umstand, dass die Mittel zur Aufklärung über Gefahren des Drogenkonsums zusammengestrichen werden sollen, Cannabis aber vor der Freigabe steht. Oder: Die Republik leidet unter chronischen Engpässen bei Arznei. Die Apotheker werfen Lauterbach derweil vor, tatenlos dem Sterben freier Apotheken zuzusehen. Er beschleunige den Prozess sogar, sagen sie, denn er unternehme nichts dagegen, dass die Honorare seit einem Jahrzehnt nun schon stagnieren.
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Die Teilnehmer des Jahrestreffens vorige Woche in Düsseldorf buhten den Minister gnadenlos aus. Lauterbach hatte unter anderem vorgeschlagen, in unterversorgten Regionen bei Bedarf nicht approbierten Pharmazeuten das Führen einer Apotheke zu gestatten. Immerhin, der Politiker stellte sich mittels Videobotschaft, wenn auch vermutlich in Verkennung der branchenweiten Stimmungslage. Die Apotheker sehen sich zu Unrecht als maßlos dargestellt und ihre Sorgen kleingeredet.
Verdienen Ärzte 230.000 Euro? Der Virchowbund widerspricht
Um unterschiedliche Kalkulationsmodelle ging es ebenfalls an diesem Montag, dem Streiktag, nachdem Lauterbach den niedergelassenen Ärzten über die Plattform X vorgerechnet hatte, sie verdienten abzüglich aller Kosten im Mittel um die 230.000 Euro pro Jahr. Dagegen kam der Virchowbund als Initiator der bundesweiten Proteste auf ein durchschnittliches Nettosalär von rund 85.500 Euro.
Praxisbetreiber beklagen, mit Inflation sowie erhöhten Energie- und Sachkosten allein gelassen zu werden, beklagen bürokratische Hürden, anhaltende Probleme des Bundes bei der Digitalisierung und eine schwierige Akquise von Fachpersonal. Der ambulanten medizinischen Versorgung droht eine veritable Krise. Spürbar schon jetzt sogar in einem Ballungsraum wie Berlin. Wer als gesetzlich Versicherter bei einem Facharzt um einen Termin nachsucht, wird das bestätigen.
Noch ist die Unterversorgung in Berlin vor allem gefühlt, ist die definierte Untergrenze von 75 Prozent nicht unterschritten, doch wird zum Beispiel bei den Hausärzten in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick der Versorgungsgrad zunehmend prekär, zumal angesichts steigender Einwohnerzahlen. Längst machen sich Finanzkonzerne die Entwicklung zunutze. Sie übernehmen in lukrativen Fachrichtungen Kassensitze von dann angestellten Ärzten, besorgen Verwaltungsarbeit und Personalakquise, garantieren eine gute Work-Life-Balance - und machen Rendite. In Bereichen wie der Radiologie dominiert das Konzept in Berlin bereits gegenüber dem Arzt in Selbstständigkeit.
Lauterbach möchte nach eigener Aussage diesem Trend entgegenwirken. Zugleich möchte er den ambulanten Sektor per Reform stärken, um die Kliniken und damit Steuerzahler und Solidargemeinschaft finanziell zu entlasten. In der stationären Versorgung haben private Unternehmen ihre Claims längst abgesteckt; Beiträge des Fiskus und der Versicherten gehen teils an Aktionäre. Die Krankenhausreform kommt größeren stationären Komplexen zugute. Schon jetzt halten etliche kleinere Träger dem wirtschaftlichen Druck nicht stand, gehen Häuser in Insolvenz, die eigentlich benötigt würden.
Der Streik der niedergelassenen Ärzte wird nicht der letzte sein von Akteuren des Gesundheitswesens. Ungeachtet dessen vollzieht sich weiter ein kalter Strukturwandel. Gesundheit ist eben doch eine Frage des Geldes. Es wird sich unter einem Gesundheitsminister Lauterbach nicht auf wundersame Weise vermehren. Das Geld wird nur anders verteilt.
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