Faschismus

AfD Brandenburg nennt 8. Mai „Tag der Vernichtung“ – Angriff auf den Grundkonsens der Republik

Abgeordneter in Brandenburg erklärt 8. Mai zum „Tag der Vernichtung“. Die Fraktion stellt sich dahinter. Die Tragweite ist nicht zu unterschätzen.

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Jüdisches Museum ehrt Richard von Weizsäcker, November 2012.

Jüdisches Museum ehrt Richard von Weizsäcker, November 2012.

© epd/imago

Potsdam, im Pressesaal des historischen Landtags im Mai 2026. Vor den Mikrofonen steht Hans-Christoph Berndt, Fraktionschef der AfD im Brandenburger Landtag. Er verteidigt mit ruhiger Stimme einen Satz, der noch vor wenigen Jahren jeden deutschen Politiker das Mandat gekostet hätte.

Sein erinnerungspolitischer Sprecher Dominik Kaufner hat den 8. Mai 1945 – jenen Tag, an dem in den Kasematten von Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet wurde, an dem die Gaskammern von Auschwitz endgültig verstummt waren, an dem die letzten Häftlinge der Todesmärsche von ihren alliierten Befreiern aufgegriffen wurden – zum „Tag der Vernichtung“ erklärt.

Wer an diesem Datum „in Feierstimmung verfällt“, so Kaufner auf Instagram, habe „seine Würde, seinen Anstand und seine Ehre verloren“. Berndt nickt das ab, der Parlamentarische Geschäftsführer Dennis Hohloch sekundiert: „Das war ein Tag der Vernichtung. Das war auch ein Tag der Vertreibung.“ Drei Männer, ein Landtag, eine Fraktion – und ein Satz, der nicht versehentlich fällt, sondern programmatisch gesetzt wird.

Es ist keine Provokation mehr. Es ist eine Ansage. Und sie zielt auf das Fundament, auf dem diese Republik seit vierzig Jahren steht: auf den 8. Mai 1985, auf Richard von Weizsäcker, auf jenen Konsens, der aus der westdeutschen Trümmergesellschaft eine geschichtsbewusste Demokratie gemacht hat.

Der Weizsäcker-Moment und das Selbstbild der Republik

Als der damalige Bundespräsident vor 40 Jahren im Deutschen Bundestag ans Rednerpult trat, war die Frage, was der 8. Mai für die Deutschen sei, alles andere als entschieden. Konrad Adenauer hatte 1955 den Tag noch als jenen markiert, „an dem die Spaltung Deutschlands begann“. In Teilen der Union galt die Rede von „Befreiung“ lange als unzumutbar – „Befreiung wovon?“, war die rhetorische Trotzfrage konservativer Kreise, die in der eigenen Niederlage zuerst den Verlust sahen, nicht die Erlösung.

Weizsäcker, selbst CDU-Politiker, Sohn eines im Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess Verurteilten, schnitt diesen Knoten mit einem einzigen Satz durch:

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Richard von Weizsäcker

Das Entscheidende an dieser Rede war nicht nur die Formel, sondern die kausale Klammer, die Weizsäcker um die deutsche Geschichte legte:

„Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“

In diesen zwei Sätzen liegt das Fundament der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur. Weizsäcker leugnete das Leid der Deutschen nicht – im Gegenteil: Er sprach von Bombennächten, Vertreibung, Vergewaltigung, Hunger, Gefangenschaft, „Verlust all dessen, woran man irgend geglaubt und wofür man gearbeitet hatte“. Er nannte die Trümmerfrauen, die Heimatvertriebenen, die Kriegsgefangenen. Aber er stellte dieses Leid in einen historischen Zusammenhang, der die Ursache bei den Tätern verortete – und nicht bei den Befreiern.

Und er nannte die Opfer beim Namen, einen nach dem anderen: die sechs Millionen ermordeten Juden, die Bürger der Sowjetunion und Polens, die Sinti und Roma, die Homosexuellen, die „umgebrachten Geisteskranken“, die politisch und religiös Verfolgten, die Widerstandskämpfer „des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten“. Diese Aufzählung war ein republikanisches Vermächtnis: Es gab keine Opferhierarchie zweiter Klasse, keine ausgesparten Toten.

Helmut Schmidt hat diesen Geist ein Jahr später in seiner Abschiedsrede im Bundestag bestätigt, als er aus eigener Erfahrung sprach: „Als der Krieg zu Ende war, da ist mir gegangen wie Millionen deutscher Soldaten auch. Wir haben mit großer Erleichterung gesagt: „Gott sei Dank, es ist vorbei.“ Und er nannte die Mechanik der Katastrophe: „In den ganz frühen 30er Jahren hat es angefangen mit der Suche nach Sündenböcken (…), dann hat es angefangen mit Gewalt gegen Schriften und gegen Bücher (…), danach kam die Gewalt gegen Personen und schließlich kam der Mord, und der millionenfach im Mord.“

Weizsäcker und Schmidt – der Christdemokrat und der Sozialdemokrat, beide Kriegsteilnehmer – formulierten gemeinsam, was man getrost den republikanischen Grundkonsens nennen darf: Der 8. Mai war Befreiung, weil das, was an diesem Tag endete, ein Verbrechen war.

Zwei deutsche Erinnerungen: BRD und DDR

Diese westdeutsche Erinnerungsleistung war hart erkämpft. In den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik dominierte das Vokabular des „Zusammenbruchs“, der „Stunde Null“, der „Niederlage“. Personelle Kontinuitäten in Justiz, Verwaltung und Wirtschaft erschwerten eine ehrliche Aufarbeitung; der Antikommunismus überlagerte den Antifaschismus. Erst die Auschwitz-Prozesse, die Studentenbewegung, der Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau und schließlich Weizsäcker 1985 verschoben das Koordinatensystem.

Die DDR hingegen hatte den 8. Mai von Beginn an als „Tag der Befreiung vom Faschismus“ begangen – allerdings unter ideologischen Vorzeichen, die ihrerseits halbierte Wahrheit waren. Der Antifaschismus war Staatsdoktrin und Legitimationsformel der SED-Herrschaft zugleich; die Rote Armee wurde als Befreierin verehrt, die Mitverantwortung breiter deutscher Bevölkerungsschichten weitgehend ausgespart, antisemitische Kontinuitäten nicht aufgearbeitet. Der Faschismus galt als Folge des Kapitalismus, und damit war die DDR per definitionem auf der richtigen Seite der Geschichte. Das war bequem – und es entlastete eine gesamte Bevölkerung von der individuellen Frage nach Schuld und Mitwisserschaft, die Weizsäcker so unbarmherzig stellte: „Jeder, der die Zeit mit vollem Bewusstsein erlebt hat, frage sich heute im Stillen selbst nach seiner Verstrickung.“

Nach 1990 verschmolzen beide Erinnerungen zu einem gesamtdeutschen, aber asymmetrischen Bild. Der 8. Mai ist heute in fünf ostdeutschen Bundesländern Gedenktag, in Berlin war er 2020 und 2025 einmaliger Feiertag – ein bundesweiter Feiertag bleibt umstritten. Aber die Deutungshoheit der Weizsäcker-Formel war über Jahrzehnte unangefochten: Befreiung, ja. Vom Nationalsozialismus, ja. Punkt.

Der Bruch: Brandenburg 2026

Genau diese Deutungshoheit greift die AfD Brandenburg jetzt frontal an. Kaufners Formulierung vom „Tag der Vernichtung“ ist kein Lapsus, sondern Programm. Sie wird flankiert von einer Aufzählung deutscher Leiden – Rote-Armee-Massaker, alliierte Bombardements, „Wilhelm Gustloff“, Vertreibungen, Rheinwiesenlager – die in sich nicht falsch ist, deren rhetorische Funktion aber im Aussparen besteht. Was am 8. Mai 1945 tatsächlich „vernichtet“ wurde, nämlich die NS-Diktatur und ihre Mordmaschinerie, kommt in dieser Erzählung nicht vor. Die sechs Millionen ermordeten Juden, die Vernichtungslager, die Sinti und Roma, die Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion – sie sind die große Leerstelle einer Geschichtspolitik, die nur noch deutsches Leid kennt.

AfD-Fraktionschef Hans-Christoph Berndt verteidigte Kaufner: Man müsse dem „Bejubeln des 8. Mai auch etwas entgegensetzen“. Der Parlamentarische Geschäftsführer Dennis Hohloch sekundierte: „Das war ein Tag der Vernichtung. Das war auch ein Tag der Vertreibung.“ Der Brandenburger Landesverband, vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, lässt damit keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Fraktionslinie handelt, nicht um eine Einzelmeinung.

Vergleicht man diesen Befund mit Weizsäcker, fällt der Bruch in seiner ganzen Schärfe ins Auge. Weizsäcker hatte das deutsche Leid ausführlich gewürdigt – ausführlicher als die meisten seiner Vorgänger es jemals getan hatten – und es dennoch nicht gegen die Befreiung ausgespielt. Er hatte gesagt: „Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten.“ Aber er hatte hinzugefügt: „Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen.“

Genau diese Verklammerung – die kausale Rückbindung des deutschen Leids an die deutschen Verbrechen – wird von der AfD Brandenburg aufgekündigt. Aus der Befreiung wird Vernichtung, aus dem Ende der Diktatur eine „Selbsterniedrigung und Demütigung durch Besatzernarrative“. Der Satz Weizsäckers, „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen“, wird in sein Gegenteil verkehrt: Es wird nur noch der 8. Mai erinnert – ohne den 30. Januar 1933, ohne den 1. September 1939, ohne Auschwitz, ohne Babi Jar, ohne Lidice.

Ist Brandenburg ein Sonderfall?

Es wäre tröstlich, könnte man die Brandenburger Position als Entgleisung eines isolierten Landesverbandes abtun. Die Realität ist eine andere. Die AfD-Bundestagsfraktion hat in einer Erklärung gefordert, die NS-Zeit in der deutschen Erinnerungskultur „weniger vordergründig zu behandeln“ und „die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte“ mehr zu würdigen. Das ist die parlamentarisch geglättete Version dessen, was Alexander Gauland 2018 als „Vogelschiss“ bezeichnete und Björn Höcke 2017 mit der Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ und der Charakterisierung des Berliner Holocaust-Mahnmals als „Denkmal der Schande“ formulierte.

Brandenburg ist insofern kein Ausreißer, sondern ein Vorreiter. Der Landesverband, erst von Andreas Kalbitz und nun von Berndt geprägt, steht für den am weitesten radikalisierten Flügel einer Partei, die als Ganzes in Richtung dessen marschiert, was Brandenburg heute schon ist. Was den Brandenburger Fall besonders macht, ist die Direktheit: Hier wird nicht mehr in Anspielungen, Andeutungen und kalkulierten Tabubrüchen mit anschließender Halbdistanzierung gearbeitet. Hier sagt der erinnerungspolitische Sprecher der Fraktion offen, dass der Tag, an dem Auschwitz nicht mehr funktionierte, ein Tag der „Vernichtung“ gewesen sei. Und die Fraktionsspitze stellt sich hinter ihn.

Der Potsdamer Extremismusforscher Gideon Botsch hat das nüchtern eingeordnet: „Das sind wir bisher nur aus dem Neonazismus gewohnt, und das ist die Tendenz, die die Partei geht.“ Dem ist wenig hinzuzufügen, außer der Feststellung, dass die Distanz zwischen einer parlamentarisch gewählten Fraktion und dem Neonazismus damit auf null geschmolzen ist.

Was diese Position bedeutet

Man muss diese Position beim Wort nehmen, um ihre Implikationen zu verstehen. Wenn der 8. Mai 1945 ein Tag der „Vernichtung“ war – wessen Vernichtung dann? Der NS-Diktatur? Aber die wird in Kaufners Aufzählung nicht erwähnt. Es bleibt die Vernichtung der „eigenen Vorfahren“, die Vernichtung der „Würde“, des „Anstands“, der „Ehre“. Und damit ist die Schlussfolgerung, die nicht ausgesprochen, aber zwingend mitgesetzt wird, die folgende: Wäre der 8. Mai nicht eingetreten, wäre die deutsche Würde nicht „vernichtet“ worden. Das nationalsozialistische Regime, das den Mord an sechs Millionen Juden, an Hunderttausenden Sinti und Roma, an Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, an behinderten Menschen, an Homosexuellen, an politischen Gegnern zu verantworten hatte – wäre, in dieser Logik, der Erhalt deutscher Würde gewesen.

Das ist keine Polemik. Das ist die zwingende Konsequenz der Formel. Wer die Befreiung als Vernichtung bezeichnet, wertet die Diktatur, die befreit wurde, implizit auf. Wer behauptet, Feierstimmung am 8. Mai sei Verlust von Würde und Anstand, sagt im Umkehrschluss: Würde und Anstand hätten die Fortdauer dessen verlangt, was am 8. Mai endete. Das ist Geschichtsrevisionismus in seiner härtesten Form – nicht mehr Relativierung, sondern Inversion. Nicht mehr „auch die Deutschen waren Opfer“, sondern „die Deutschen waren die Opfer, die Befreier waren die Täter, die Diktatur war kein Verbrechen, sondern das, dessen Ende wir betrauern müssten“.

Dass eine solche Position innerhalb des demokratischen Diskurses überhaupt verhandelbar geworden ist, ist die eigentliche Zäsur. Die Bundesrepublik hat sich nach 1945 nicht naturgesetzlich zu einer Demokratie entwickelt – sie hat es sich, in einem langen, mühsamen, schmerzhaften Prozess, erkämpft. Die Weizsäcker-Rede war einer der zentralen Schlusssteine dieses Gewölbes. Wer diesen Stein herausschlägt, will, dass das Gewölbe einstürzt.

Schlussfolgerung: Was zu tun bleibt

Es geht in dieser Auseinandersetzung um mehr als um ein Datum. Es geht um die Frage, auf welcher Grundlage diese Republik steht. Weizsäcker hat sie 1985 in den klassisch gewordenen Sätzen formuliert:

„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Die AfD Brandenburg liefert in diesen Tagen die empirische Bestätigung dieses Satzes. Wer den 8. Mai zum Tag der Vernichtung erklärt, wer den Holocaust durch demonstratives Schweigen aus seiner Aufzählung der Leiden tilgt, wer das Ende der Diktatur als „Demütigung“ beklagt, ist nicht „auch nur eine andere Meinung“. Er ist genau das, wovor Weizsäcker gewarnt hat: anfällig geworden für eine Ansteckung, die diese Republik einmal fast zerstört hat – und die, das ist die nüchterne Lehre der vergangenen Jahre, jederzeit wiederkommen kann.

Antifaschismus ist in diesem Land kein Bekenntnis von gestern. Er ist die Geschäftsgrundlage des Grundgesetzes, dessen Artikel 1 – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“– die direkte Antwort auf das war, was am 8. Mai 1945 endete.

Wer diesen historischen Gesellschaftsvertrag angreift, greift die Republik an.

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