Affäre um die WM-Vergabe 2006

Franz Beckenbauer, der Ahnungslose

In einem ersten Interview hat Franz Beckenbauer viel geredet, aber nur wenig gesagt.

Markus Lotter
5 Min
Gestalt, bei der das Licht ausgegangen ist: Franz Beckenbauer.

Gestalt, bei der das Licht ausgegangen ist: Franz Beckenbauer.

© dpa Lizenz

Franz Beckenbauer hat zu uns gesprochen. Über das Medium Süddeutsche Zeitung, welches das Interview mit dem im Fallen begriffenen Kaiser am Freitag zunächst wie einen Schatz im Verborgenen gehalten hat und nur tröpfchenweise daraus zitieren wollte. So war erst am Abend klar, was der ehemalige Weltklassefußballer uns auf diesem Weg zu vermitteln versuchte.

Nämlich, dass er a) der große Ahnungslose des Weltfußballs ist, der immer alles „blind unterschrieben“ habe, wenn „sie meine Unterschrift gebraucht haben“, und der b) sehr, sehr sauer ist auf die Männer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Was sich bei einem, der sich trotz seines Jetset-Lebens nie von seinem Dialekt befreien konnte beziehungsweise wollte, dann so anhört: „Ja, wo samma denn?“

Wo wir denn sind, ist im deutschen Fußball seit ein paar Wochen wahrlich keine leicht zu beantwortende Frage mehr. Wobei im Zusammenhang mit dem Beckenbauer’schen Vorstoß nicht außer Acht gelassen werden darf, dass die 70-jährige Gestalt, bei der im Zuge der Affäre um die Fußball-WM 2006 zuletzt schlagartig das Licht ausgegangen war, maßgeblich zur allgemeinen Verwirrung beigetragen hat. Zum einen durch ihre undurchsichtigen Machenschaften als Chef des WM-Organisationskomitees zu Beginn der Nullerjahre. Zum anderen durch ihr Schweigen, das trotz der Einlage mit der SZ natürlich immer noch nicht so recht gebrochen ist.

Peinlich berührt

In Anbetracht von Beckenbauers jüngsten Ausführungen weiß man jedenfalls nicht so recht, ob man davon peinlich berührt oder doch eher entsetzt sein soll. Was auch immer gegen ihn momentan zur Klage gebracht werden kann, sei es der dubiose Vertragsentwurf mit Jack Warner, dem früheren Vizepräsidenten des Weltverbandes (Fifa), oder der Deal mit Mohamed bin Hammam, Beckenbauer plädiert auf unschuldig, weil er nie irgendetwas hinterfragt, sondern immer alles mit seinem Servus einfach erledigt habe. Nur ein paar Beispiele für diese Blauäugigkeit, die womöglich ja noch nicht einmal gespielt ist, seien an dieser Stelle genannt. Erstens: „Fragen Sie mal den Karl Hopfner über die 15 Jahre, in denen ich Präsident des FC Bayern war.

Er war damals für das operative Geschäft zuständig. Sie werden doch nicht glauben, dass ich nur eine einzige Vereinbarung oder nur ein einziges Dokument gelesen habe. Sie glauben es nicht, aber das ist so! Wenn ich jemandem vertraue, unterschreibe ich alles. Blanko.“ Zweitens im Bezug auf die ominösen 6,7 Millionen Euro, die allem Anschein nach über bin Hammam an die Fifa geflossen sind: „Mit dem hatten wir auch die besten Kontakte. Fedor kam auf mich zurück und sagte, alles okay, ich habe mit bin Hammam gesprochen. Wir bekommen 250 Millionen Schweizer Franken. Aber wir müssen der Finanzkommission vorher zehn Millionen Franken zahlen. Ich hab’ nur die 250 Millionen gesehen. Mir als minderem Kaufmann stellte sich damals nicht einmal die Frage.“

An wen die 6,7 Millionen Euro letztlich geflossen wären. „Wir haben nie danach gefragt. Das war vielleicht ein Fehler. Aber was hätte das gebracht? Dann hätten die gesagt: Entwicklungsprojekte. Da gibt’s ja genug“, sagte Beckenbauer. Und: „Wir wollten die WM organisieren, alles andere war mir wurscht. Ich habe nur die 250 Millionen gesehen. Damit war die WM gerettet.“

Auch von der geheimen Abmachung mit Robert Louis-Dreyfus, der dem Organisationskomitee die 6,7 Millionen Euro geliehen und dafür einen von Beckenbauer unterschriebenen Schuldschein erhalten hatte, will er erst im Jahre 2004 erfahren haben. Aus seiner Sicht sei nur das hier festzuhalten: „Ich habe ein reines Gewissen. Wir haben weder bestochen, noch haben wir schwarze Kassen gehabt.“

Eine rhetorische Frage

Gewicht haben seine Aussagen nur durch die Attacken auf Reinhard Rauball und Rainer Koch, die nach dem unfreiwilligen Abschied von Wolfgang Niersbach beim DFB im Duett ad interim die Geschäfte führen. Koch hatte Beckenbauer in aller Öffentlichkeit ja umgehend dazu aufgefordert, sich intensiver in die „Aufklärung der Vorgänge“ einzubringen, während Rauball den Inhalt eines von Beckenbauer gegengezeichneten Vertragsentwurfs mit Warner sogleich als möglichen Bestechungsversuch wertete.

Beckenbauer ließ nun wissen, er habe Rauball und Koch daraufhin einen „persönlich-strikt-vertraulichen Brief“ geschrieben, in dem er ein persönliches Gespräch offeriert habe, „zu dem ich jederzeit kurzfristig nach Frankfurt oder wohin auch immer reisen kann“. Dieses Gespräch, so erklärte Beckenbauer weiter, habe „möglichst bald und unabhängig von einer weiteren Unterredung mit der Kanzlei Freshfields stattfinden“ sollen. Hat es aber nicht. Was er überhaupt nicht verstehen könne. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er „alles nur im Fernsehen“ mitgeteilt bekommen habe. So klagt er in Form einer rhetorischen Frage: „Was ist denn das für ein Niveau?“

Am späten Abend gab Rauball zu verstehen, er habe das Schreiben sehr wohl beantwortet und einen Terminvorschlag angekündigt. Ja, wo samma denn? Im Moment auf jeden Fall in einer Phase, in der sich der deutsche Fußball Tag für Tag nur noch größeren Schaden zufügt. (mit Agenturen)

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