Kommentar

Afghanistan im Bundestag: Die Stunde der Heuchler

Über die Kriegsverbrechen, die von Angehörigen der Allianz in Afghanistan begangen wurden, breitet sich der Schleier des Vergessens. Das ist schwer zu ertragen.

4 Min
Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag.

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag.

© dpa

Die schlimmsten Bilder des Krieges sind jene, die die Öffentlichkeit nicht zu sehen bekommt. Es gibt keine Bilder von den Menschen – Frauen, Kinder, alte und junge Menschen – in den grauenhaften Lagern in Libyen, in denen Migranten eingesperrt und gefoltert werden.

Es gibt auch keine Bilder von jenen Menschen, die täglich im Mittelmeer ertrinken, „auf der Flucht ertrunken“, müsste es heißen, beim Versuch, Europa zu erreichen – einem Europa, dass längst eine Festung ist, in der den Wohlhabenden der Erde das Pathos über das Elend der Welt leicht über die Lippen kommt. Sie verschanzen sich hinter wohlfeilen Formalismen, sprechen gewissenhaft von „Afghaninnen und Afghanen“, so viel Korrektheit muss sein, und beklagen mit treuherzigen Blicken ins Nichts die „herzzerreißenden, erschütternden und furchtbaren Bilder“ (Dietmar Bartsch, Linke), die „kaum auszuhaltenden Bilder“ (Annalena Baerbock, Grüne), die „Bilder, die wir ertragen müssen“ (Jürgen Hardt, CDU).

Bundeskanzlerin Angela Merkel begründet den „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan mit der Aussage, der Angriff auf das Word Trade Center vom 11. September 2001 sei „von Afghanistan aus geplant worden“, ohne zu erwähnen, dass so gut wie alle Hauptverdächtigen aus Saudi-Arabien stammten. Dorthin hat die ganze Welt nach dem Anschlag weiter Waffen geliefert, die dann der Zivilbevölkerung im Jemen den Tod gebracht oder unzählige Menschen in die Flucht getrieben hat, vielleicht haben es einige von ihnen in den Norden geschafft. Doch spätestens in den grauenhaften Lagern von Libyen war die Reise zu Ende, oder im Mittelmeer, wo die Menschen vor den Augen der von der EU finanzierten libyschen „Küstenwache“ ertranken, im Schatten der Dunkelheit, in den Tiefen des kalten Ozeans.

Von allen diesen Schicksalen gibt es keine Bilder oder Videos. Ihre Namen sind nirgendwo verzeichnet. Sie scheinen nur als Zahlen auf: In den Bilanzen der Kriegsindustrie findet man die Summe dieser Existenzen auf der Haben-Seite, im Dienste der Profitmaximierung.

Es gibt auch keine Bilder oder Videos von den Kriegsverbrechen, die in den zwanzig Jahren von westlichen Kriegskräften in Afghanistan begangen wurden. Der aus Afghanistan stammende Journalist Emran Feroz hat einige in seinem beklemmenden Buch „Der längste Krieg“ aufgezeichnet.

Der Autor berichtet darüber, dass in Afghanistan die neuesten Waffen „getestet“ wurden. Bis heute weiß niemand, wie viele zivile Tote der von US-Präsident Donald Trump bejubelte erste Einsatz der „Mutter aller Bomben“ im Jahr 2017 gefordert hat, der größten nicht-nuklearen Bombe, die die Amerikaner völlig anlasslos über dem Land abwarfen.

Feroz schreibt über Augenzeugenberichte, in denen geschildert wird, wie sich US-Soldaten als Taliban verkleidet hätten, durch die Dörfer gestreift seien. Wenn ihnen jemand in die Falle ging und sich als Sympathisant der Taliban zu erkennen gab, wurde ihm der Bauch aufgeschlitzt.

Feroz berichtet von den australischen Eliteeinheiten der Special Air Service (SAS), die die Ermordung von Zivilisten zu einer Art Aufnahmeritual für Neuankömmlinge gemacht hatten. Die Australier räumten die Kriegsverbrechen später ein, nachdem sie zuvor einen Journalisten des Senders ABC verfolgt hatten, weil er über die Taten berichtet hatte. Er wurde wenigstens nicht lebend begraben, wie Julian Assange, dem der Westen das Verbrechen der Transparenz nicht verzeiht.

Das „Massaker von Kandahar“ hat sich am 11. März 2012 ereignet. Der US-Soldat Robert Bales tötete in einer einzigen Nacht 16 Frauen, Kinder und Greise. Er wurde später von einem US-Militärgericht verurteilt. Sein jüngstes Opfer war ein zweijähriges Kind. Natürlich gibt es von dem Massaker keine Bilder. Doch die Verurteilung gibt Aufschluss auf die Authentizität des Geschehens.

Bei der Untersuchung des Massakers durch den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai sagte einer der Dorfältesten: „Herr Präsident, wir wollen Gerechtigkeit.“

Die Amerikaner verlangten von Karzai, er möge eine Vereinbarung unterzeichnen, auf deren Grundlage Kriegsverbrechen der Militär-Allianz nicht mehr verfolgt werden können. Karzai weigerte sich. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier versuchte, den vom Westen unterstützten Präidenten zur Unterschrift zu drängen. Die Straffreiheit der Soldaten und Söldner der Allianz sei nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.

Steinmeier sagte zum aktuellen Chaos in Kabul, die Bilder seien „beschämend“, das Ganze sei eine „menschliche Tragödie“. Angela Merkel fragte am Mittwoch in ihrer Regierungserklärung selbstkritisch: „Waren unsere Ziele zu ehrgeizig?“ Sie sagte, sie sei überzeugt, dass „keine Gewalt und keine Ideologie den Drang der Menschen nach Freiheit, nach Gerechtigkeit und nach Frieden dauerhaft aufhalten können“. Die Verantwortlichen für zwanzig Jahre Krieg warnen vor den schrecklichen Verbrechen der Taliban, die diese in der Zukunft begehen werden. Die Abreise-Panik legt sich wie ein Schleier über die Vergangenheit. Die Täter verschwinden im Nebel. Es gibt keine Bilder mehr.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema