Akademie der Künste

Regisseurin Márta Mészáros erhält Konrad-Wolf-Preis

Sie ist mit ihrer dokumentarischen Erzählweise der Realität dicht auf der Spur.

Ralf Schenk
4 Min
Márta Mészáros dreht Filme, die sie für wichtig und notwendig hält.

Márta Mészáros dreht Filme, die sie für wichtig und notwendig hält.

© imago/Pixsell

Als Márta Mészáros begann, Regie zu führen, war dieser Beruf fast vollständig eine Männerdomäne; auch Ungarn machte da keine Ausnahme. In dieser Situation kam 1968 der erste Film der damals 37-Jährigen heraus. Er trug den programmatischen Titel „Das Mädchen“ und wurde sogleich, auch international, als feministische Antwort auf die im Kino vorherrschende männliche Frauensicht gewertet.

Die Geschichte einer jungen Frau, die in einem Waisenhaus aufwächst und dann erfährt, dass ihre Eltern noch leben, war mit ihrer dokumentarischen Erzählweise der Alltagsrealität dicht auf der Spur. Vor diesem Debüt hatte die Mészáros fast hundert Dokumentar- und populärwissenschaftliche Filme gedreht.

Widerstand gegen Konvention in Geschlechterbeziehungen 

Das Kino war von Jugend an ihre Leidenschaft. Nach der Schule gelang es ihr, an die Moskauer Filmhochschule WGIK delegiert zu werden. „Mit meinen siebzehn Jahren“, schrieb sie später, „sah ich aus wie eine Dreizehnjährige. Die Meister des sowjetischen Films müssen wohl den Eindruck gewonnen haben, dass Ungarn eine Regieanwärterin aus dem Kindergarten zu ihnen gesandt hatte.“

Ihr erster Lehrer war Michail Tschiaureli, Stalins Lieblingsregisseur. Der wollte sie zunächst ein halbes Jahr testen, war von ihren Fähigkeiten aber so überzeugt, dass er sie behielt und bis zum Diplom führte.

Nach ihrem Spielfilmdebüt machte sie mit Arbeiten wie „Adoption“ von sich reden, für den sie 1975 den Goldenen Bären der Berlinale erhielt. In „Zwei Frauen“, „Die Erbinnen“ oder „Mutter und Tochter“ skizzierte sie die wachsende Souveränität von Frauen gegenüber männlichen Machtgelüsten, beschrieb den Widerstand gegen die Konvention in den Geschlechterbeziehungen.

Geborgenheit angesichts zerrissener Familien 

Sie scheute sich nie davor, stets einen Schritt weiter zu gehen als andere. So führte sie in „Lieben ohne Lüge“ ohne Erbarmen vor, wie verspießert die Arbeiterklasse lebt; und in „Neun Monate“ (1976) filmte sie erstmals eine Geburt: Die Kamera war beim ersten Schrei des Kindes dabei.

Es gab eine Zeit, in der sich die Mészáros vom dokumentarischen Realismus ihrer frühen Arbeiten entfernte und einen eher barocken Stil mit emotional aufgeladenen, weichgezeichneten, auch symbolistischen Bildern bevorzugte. Diese Filme wurden oft und gern von westeuropäischen Partnern koproduziert; die Hauptrollen spielten internationale Stars wie Marina Vlady, Anna Karina, Delphine Seyrig, Marie-José Nat und Isabelle Huppert. Kritiker warfen der Regisseurin vor, sie interessiere sich statt für „einfache Leute“ nunmehr für gediegen zelebrierte Frauenschicksale aus wohlhabendem Hause.

Das mochte stimmen, und doch variierte die Mészáros auch hier ihr Generalthema: die Sehnsucht nach Geborgenheit angesichts zerrissener Familien. Ein Thema, das eng mit der eigenen Biografie verbunden war. Ihr Vater, ein Bildhauer, war 1938 im kirgisischen Exil verhaftet und umgebracht worden; sie selbst kehrte 1946 als Vollwaise aus der Sowjetunion nach Budapest zurück, zu einer strengen, parteitreuen Adoptivmutter.

Mut und Durchsetzungskraft bei heiklen Themen

Dass sie ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Traumata in der Stalinära, auch die Erinnerungen an den geliebten Vater, zu einem autobiografischen Spielfilm verdichten konnte, war in den frühen 1980er-Jahren selbst im relativ liberalen Ungarn, durchaus keine Selbstverständlichkeit. Die Mészáros brachte den Mut und die Durchsetzungskraft dafür auf.

„Tagebuch für meine Kinder“ von 1984, zunächst mit Exportverbot belegt, wurde zum Welterfolg. Damit und mit seinen Nachfolgern „Tagebuch für meine Lieben“ und „Tagebuch für meine Eltern“ schrieb die Regisseurin gleichsam eine ungarische Geschichtschronik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Gegen das Vergessen

Bis heute dreht Márta Mészáros Filme, die sie für wichtig und notwendig hält, meist nach authentischen Schicksalen, so wie „Die Jüdin Edith Stein“ über eine jüdische Philosophin, die in den 1930er-Jahren zum Katholizismus übergetreten war, von den Faschisten aus dem Kloster geholt wurde und in Auschwitz starb. 2004 entstand „Der Mann ohne Grab“ über die letzten Lebensjahre des ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy: Auf Geheiß der sowjetischen Besatzer verhaftet, wurde er in einem Geheimprozess 1958 zum Tode verurteilt.

Die Mészáros konzentriert sich, unterbrochen nur von wenigen Rückblenden, auf sein Leben in der Gefängniszelle: ein von Wanzen übersätes Verlies ohne Tageslicht; die stundenlangen Verhöre; der Prozess, bei dem das Todesurteil von vornherein feststeht. Ein leises, unpathetisches Kammerspiel.

Márta Mészáros arbeitet gegen das Vergessen, ihre Filme sind Gleichnisse über Mut und Aufrichtigkeit – oder, um mit Edith Stein zu reden: „Ich will fortfahren zu leben und nach der Wahrheit zu suchen.“

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