Akeem Vargas von Alba Berlin

„Ich bin der härteste Arbeiter“

Alba Berlin und sein Verteidiger Akeem Vargas passen perfekt zusammen. Im Interview spricht der Guard vor dem ersten Playoff-Spiel gegen Oldenburg darüber, warum das so ist, über die Leidenschaft im Spiel und Training im Trashtalk.

Christian Schwager
6 Min
1990 in Lancaster/Pennsylvania geboren, wuchs Akeem Vargas in Deutschland auf. Seit 2010 ist der 1,92 m große Nationalspieler Profi, 2013 kam er zu Alba.

1990 in Lancaster/Pennsylvania geboren, wuchs Akeem Vargas in Deutschland auf. Seit 2010 ist der 1,92 m große Nationalspieler Profi, 2013 kam er zu Alba.

© imago/Camera 4 Lizenz

Gestern hatten ihre Kollegen frei, Sie an der Uni ein Tutorium. Wie war’s?

Es war okay. Accounting, also Buchführung, das ist interessant.

Worum geht es in dem Studium?

Sport- und Eventmanagement heißt der Studiengang an der BiTS-Universität am Potsdamer Platz.

Wie sieht denn ein typischer Tag im Leben des Studenten und Basketballprofis Akeem Vargas aus?

Morgens von 8 bis 9.30 Uhr Vorlesung. Danach geht’s gleich zum Training. Dann Lunch, Uni von 14 bis 17 Uhr und von da aus in die Halle, um getaped zu werden und Zeit zum Abschalten zu haben. Um 17.45 Uhr Training. Abends um 21 Uhr, 21.30 Uhr komme ich nach Hause und lege die Füße hoch.

Und schauen alle verfügbaren Videos vom nächsten Gegenspieler an?

Das mache ich meist, wenn vormittags kein Training ist und ich keine Uni habe. Diese Woche hat sich das am Donnerstag angeboten. Jetzt konzentriere ich mich auf die beiden Spiele, die wir gegen Oldenburg hatten, aber auch Spiele, von denen ich weiß, dass mein Matchup gut gespielt hat, sei es Julius Jenkins, Chris Kramer oder Casper Ware.

Sie sind in Sachen Statistik eine Instanz in der Mannschaft, heißt es.

Wir haben ja nicht nur die Statistik an sich. Wir haben einen Scoutingreport, in dem die Stärken des Gegners stehen, mit den Plays, den Systemen, die er läuft, und wie oft er ein Foul gezogen hat und so weiter. Der Betrachter eines Basketballspiels hat vielleicht den Eindruck, dass nur Punkte wichtig sind oder die Highlight-Plays. Aber unsere Mannschaft ist deshalb so erfolgreich, weil wir Leute für die Highlights haben und Leute, die im Hintergrund arbeiten.

Sind Sie ein Hintergrundarbeiter?

Wir sind alle Arbeiter, ich wollte da niemandem etwas absprechen. Aber ich würde sagen, dass ich der härteste Arbeiter bin.

Warum?

Weil ich so viel Zeit aufwende.

Wie wird man ein harter Arbeiter?

Das ist zum Teil Erziehungssache. Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich alles erreichen kann, wenn ich hart arbeite. Sie selbst war alleinerziehend und musste zwei Leute durchbringen. Sie hat meist in zwei Jobs gearbeitet. Dadurch bin ich früh selbstständig geworden. Deshalb fiel es mir leichter, nach Urspring ins Internat zu gehen. Da hat man dann zehn Basketballer in der Klasse sitzen, die alle versuchen, sich durchzuboxen. Wir haben vor der Schule trainiert und danach.

Wir?

In meiner Generation waren Nico Simon, jetzt in Braunschweig, Lucca Staiger von den Bayern, Kevin Bright in Frankfurt und Christian Standhardinger vom MBC. Aber die wenigsten sind Profis geworden. Es ist ein steiniger Weg bis dahin: zum Profi, der auch spielt.

In Tübingen waren Sie Bankdrücker und sind daher in die Zweite Liga nach Göttingen gegangen.

Göttingen war eine Belohnung nach der harten Zeit in Tübingen, weil ich beweisen konnte, dass da mehr schlummert. Dass das die Leute hier in Berlin genauso sehen, freut mich sehr. Die Vertragsverlängerung um zwei Jahre war ein schönes Weihnachtsgeschenk. Alba Berlin und Akeem Vargas, das passt sehr gut zusammen.

Auch wegen des Faktors Arbeit?

Wenn man bei Alba ist, kann man sich drauf ausruhen oder weiterarbeiten, um nach Möglichkeit mit der Mannschaft zu wachsen, ja.

Ist es nicht eine Gefahr, wenn die Arbeit alles ist?

Ein Dozent hat mal erklärt, was einen erfolgreichen Menschen ausmacht: Bildung, Sport und das soziale Umfeld. Wenn du diese drei Komponenten hast in deinem Leben, kann immer eine für eine Zeit wegbrechen. Wenn du nur zwei Komponenten hast, bekommst du Angstzustände, wenn eine davon wegbricht. Du denkst: Jetzt muss aber in der andere Sache alles funktionieren.

Haben Sie selbst das schon erlebt?

Nur bei anderen. Dass sie zum Beispiel eine böse Verletzung hatten, Sachen, die man nicht kontrollieren kann. Deshalb ist es wichtig, etwas anderes zu haben: Freunde, Familie: Meine Mutter kommt mich in den Playoffs wieder besuchen. Und Bildung. Die ist ein Privileg.

Bringen Sie die Bereiche manchmal nicht durcheinander?

Ich trenne das klar: Am Spieltag gehe ich nicht in die Uni, weil das meinen Fokus stört. Ich will auch nicht, dass mich die Kommilitonen als den Basketballer von Alba Berlin behandeln, sondern als den Typen, dem bei Wirtschaftsmathematik genauso der Kopf raucht wie allen anderen.

Dass Sie ein Arbeiter sind, wollte Ihnen Trainer Sasa Obradovic erst mal nicht abnehmen, oder?

Er hat bei unserer ersten Begegnung gesagt, dass er gehört hat, ich sei ein harter Arbeiter. Aber in seinen Augen könne ich nichts, weil ich ihm noch nichts bewiesen habe. Ich glaube, dass ich ihn in den anderthalb Jahren überzeugen konnte.

Woran merken Sie das?

Wenn das Training beendet ist, wenn ich noch werfe und er im Kraftraum ist, geht die Tür immer mal wieder einen Spalt auf und er guckt, wer noch da ist. Und wenn er dann später rauskommt, an einem vorbeigeht und kurz nickt, dann weiß man Bescheid.

Das Wurftraining schlägt an, oder?

Die Dreierquote ist insgesamt besser geworden. Das war mein Ziel. Aber es ist ja der Mix: Wann werfe ich, wann attackiere ich, wann ziehe ich Fouls fürs Team.

Einen Namen haben Sie sich mit ihrer kompromisslosen Verteidigung gemacht. Muss man daran Spaß haben, um gut zu sein?

Defensive muss man persönlich nehmen. Am Ende steht der simple Fakt, dass das hier mein Job bei Alba ist und dass ich ihn mir von niemandem abnehmen lasse. Das weiß jeder Gegenspieler in der Bundesliga inzwischen.

Wie ist das in der Euroleague?

Da ist es ein ganz anderes Level. Ein Diamantidis (Spielmacher von Panathinaikos Athen, d. Red.) verändert sein Spiel nicht, egal was passiert. Spieler in der Bundesliga passen ihr Spiel oft an. Wenn es hektisch wird, wird der Gegenspieler hektisch. Wenn er getrapped wird, weiß er nicht, wohin mit dem Ball.

Wie wichtig ist Psychologie, der berühmte Trashtalk, die Anmache?

Mich motiviert das, wenn es jemand macht. Nach dem Motto: Wirst schon sehen, mein Freund. Auch intern ist das so. Alex Renfroe und ich, wir foppen uns gern mal, wenn wir nach dem Training Wurfserien machen. Die anderen Jungs schauen zu und lachen sich krumm.

Kann man sich das auch erarbeiten?

Letztes Jahr habe ich noch Lehrgeld gezahlt gegen Sven Schultze. Sven ist ein alter Hase, der hat schon viele Trashtalk-Wurfduelle nach dem Training gemacht. Jetzt mit Renfroe habe ich mich beim Trashtalk deutlich gesteigert.

Das Gespräch führte Christian Schwager.

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