Neue Studie

So hart ist der Alltag für arme Kinder in Berlin

Jedes dritte Kind in Berlin wächst mit wenig Geld auf. Viele fühlen sich ausgegrenzt.

Silvia Perdoni
5 Min
Angelina Wunsch sucht eine eigene Wohnung – für wenig Geld.

Angelina Wunsch sucht eine eigene Wohnung – für wenig Geld.

© Gerd Engelsmann

An ihre Ausreden erinnert sich Angelina Wunsch noch gut, immer dann, wenn sie zu einem Geburtstag eingeladen war oder Freunde ins Kino gingen. „Statt zu sagen, dass ich kein Geld für ein Geschenk habe oder mir die Eintrittskarte nicht leisten kann, habe ich Gründe erfunden, warum ich nicht mitkommen kann“, sagt die 19-jährige Abiturientin.

„Niemand gibt gern zu, dass er arm ist.“ Angelina Wunsch hat erlebt, was für jedes dritte Kind in Berlin gilt und was doch immer noch ein Stigma ist: Sie ist mit wenig Geld groß geworden.

Bildungserfolg ist eine Geldsache

„Ich habe doppelt gekämpft, um bis in die zwölfte Klasse zu kommen“, sagt die Schülerin aus Pankow. „Jedes Buch für den Leistungskurs, das nicht zum Anfang des Schuljahres, sondern erst nach ein paar Monaten angeschafft wird, muss ich mir absparen. Während meine Klassenkameraden mit der ersten Liebe oder ihren Noten beschäftigt sind, lese ich mich in Gesetze zum Unterhaltsvorschuss ein.“

So einer Belastung hält nicht jedes Kind stand. Studien belegen, dass in Deutschland die soziale Herkunft großen Einfluss auf den Bildungserfolg hat, dass aus Familien ohne Geld also besonders häufig Kinder ohne Chancen kommen. Um das zu ändern, trat in Berlin vor gut zwei Jahren die Landeskommission gegen Kinderarmut an. Für sie gilt als arm, wer auf Transferleistungen angewiesen ist. Am Montag stellte sie auf einer Tagung eine Studie vor, die die Lebenswelt von armen Kindern und Jugendlichen unter die Lupe nimmt.

Berlin wird zum Kessel

Demnach fühlen sich junge Menschen aus prekären Verhältnissen in besonderem Maße durch Phänomene belastet, die viele Berliner als störend empfinden: Lärm, Schmutz, Kriminalität, Obdachlosigkeit und Drogen. „Aber die Jugendlichen fühlen sich gezwungen, ihren Alltag in diesen Strukturen zu verbringen“, sagt Davide Torrente von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Die Hochschule führte die Studie durch.

Auf dem Fachtag der Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut: Wie nehmen Kinder und Jugendliche Armut wahr?

Auf dem Fachtag der Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut: Wie nehmen Kinder und Jugendliche Armut wahr?

© Gerd Engelsmann

Viele Jugendliche erlebten Berlin als Kessel: Lange Wege, unübersichtliche Kieze, aber auch Schmutz in der Wohnung und wenig Freizeitmöglichkeiten sorgten für das Gefühl, sich nicht zurückziehen oder dem Alltag auch einmal entweichen zu können.

416 Euro im Monat vom Jugendamt

Das kennt auch Angelina Wunsch. „Bei mir um die Ecke gibt es einen Mädchentreff für Jugendliche bis 16 Jahre – aber das war’s. Wo sollen die Älteren hin? Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als im Park abzuhängen“, sagt die Schülerin, deren Mutter als Erzieherin arbeitet und lange allein für ihre Tochter und die zwei Halbgeschwister sorgte.

Heute lebt Angelina Wunsch in einer betreuten Wohneinrichtung in Pankow und bezieht 416 Euro im Monat vom Jugendamt. Auch sie ist am Montag zur Tagung in die Räume des SOS-Kinderdorfs in die Lehrter Straße in Moabit gekommen, denn sie war eine von 50 Jugendlichen, die das Forscherteam für die Studie interviewte.

Unterstützung vom Staat

Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) dankte Angelina Wunsch für ihr Kommen. Es sei wichtig, nicht über die jungen Leute zu reden, sondern mit ihnen. Scheeres betonte, Berlin habe im Kampf gegen Armut schon einiges erreicht.

So habe sich das Land im Bund für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses für Alleinerziehende starkgemacht, die besonders häufig von Armut betroffen sind. Zahlt ein Elternteil keinen Unterhalt, springt nun der Staat bis zum 18. Lebensjahr ein. Auch habe man Familienzentren ausgebaut und die Kitagebühren komplett abgeschafft.

Geld für jedes Kind

Die Opposition im Abgeordnetenhaus bemängelt hingegen, der Senat bekämpfe eher die Symptome als die Ursachen. „Kitaplätze grundsätzlich kostenfrei zu machen, auch für Bezieher höherer Einkommen, ist nicht sozial – zumal kostenfreie Kitaplätze nichts nutzen, wenn sie nicht vorhanden sind“, sagt Maik Penn, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, zur Berliner Zeitung.

Eine Forderung teilten am Montag im SOS-Kinderdorf viele der rund 200 Vertreter von Wohlfahrtsverbänden und Hilfseinrichtungen mit Senatorin Scheeres: eine Kindergrundsicherung, eine feste Summe Geld für jedes Kind.

„Ich werde weiter dafür kämpfen, auch wenn die Idee bisher im Bund keine Mehrheit findet“, sagte Scheeres. Auch will sie dafür sorgen, dass bestehende Angebote noch bekannter werden und sich niemand mehr für seine Lage geniert. „Es darf nicht sein, dass Menschen nicht zum Amt gehen und Wohngeld beantragen, weil sie sich dafür schämen.“

„Echte Freunde verstehen mich“

Das tut auch Angelina Wunsch heute nicht mehr. „Meine Mutter hat mir oft erklärt, das mir nichts peinlich sein braucht“, sagt sie. Einige Freunde habe sie verloren, weil sie sich nicht im gleichen Fitnessstudio anmelden kann, weil sie nicht das Geld hat, deren Hobbys zu teilen. Sie hat sich andere Freizeitaktivitäten gesucht, engagiert sich in der Kirche, bei der freiwilligen Feuerwehr und in einer Suppenküche. „Und die echten Freunde verstehen mich“, sagt sie.

Ihre Haltung versucht sie auch an ihre Geschwister weiterzugeben. Die kleine Schwester habe auch schon erlebt, dass Freundinnen nicht zu ihr nach Hause sollten. „Die Eltern ließen sie nicht zu uns. Weil wir arm sind.“

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