Alba-Spieler Leon Radosevic

Vom Talent zum Schlüsselspieler

Leon Radosevic ist ein Schlüsselspieler bei Alba und in den Playoffs eminent wichtig. Auf Außenstehende wirkt Radosevic cool, im wahrsten Sinn des Wortes. Wer jedoch länger mit ihm redet, lernt einen anderen Leon Radosevic kennen.

Aleksandar Zivanovic
5 Min

Leon Radosevic hat ein Problem, und so schnell wird er es nicht lösen. Das Problem steht irgendwo in Berlin, ein schicker Schlitten mit vielen PS, ein Chevrolet Camaro. „Er ist zurzeit kaputt, ich habe ihn hier deshalb nur fünf, sechs Mal gefahren“, sagt Radosevic. „Diese Sache kann nicht einmal ein normaler Automechaniker reparieren. Das kann nur ein Spezialist.“ Der 2,08 Meter große Kroate erzählt das ganz gelassen.

So schnell haut ihn nichts um. Nicht den Autofreak Radosevic und den Basketballer Radosevic schon gar nicht. Auch in seinem Job als Center bei Alba Berlin ist nämlich der Motor ins Stottern geraten. Radosevic hat sich in dieser Saison drei Mal verletzt. Drei Mal ist er zurückgekommen. Rechtzeitig zu den Playoffs steht er jetzt wieder im Team. Er soll ein sehr wichtiger Faktor im Halbfinale gegen Quakenbrück werden. Vielleicht ist er das schon am heutigen Mittwoch im zweiten Halbfinalspiel bei den Artland Dragons (21 Uhr/Sport 1). Deshalb ist Leon Radosevic in Berlin.

Was hatten sie ihm nur erzählt?

Sie hatten ihn gewarnt. Noch bevor er überhaupt am Flughafen in Tegel angekommen ist, haben sie gesagt, Leon, dieser Sasa Obradovic, dein künftiger Coach, der Mensch, mit dem du die nächsten zwei Jahre mehrmals täglich bei Alba arbeiten wirst, der kann auch mal richtig, richtig laut werden. Alle haben das gesagt. Das war vorigen Sommer. Aber da war ja die Entscheidung längst getroffen: Obradovic wollte den 24 Jahre jungen Center unbedingt in seinem Team haben. Er hält ihn „für einen der talentiertesten Center-Spieler in ganz Europa“. Radosevic hat anderthalb Jahre beim italienischen Euroleague-Teilnehmer Armani Mailand meist auf der Bank gesessen. Nachdem er nun mit Obradovic gesprochen hatte, war auch er überzeugt. Überzeugt von Obradovics Philosophie des Spiels, überzeugt davon, dass er künftig mehr spielt, dass die Tage auf der Bank bald vorbei sind. „Wenn du immer das Talent bist, das nie beweisen kann, warum es eigentlich als Talent bezeichnet wird, ist das nicht gut.“ Er wollte unbedingt weg, weg nach Berlin.

Und dann war erst mal alles wie sonst. „Ich habe zunächst das Schlimmste befürchtet, aber als am Anfang das Konditionstraining auf dem Plan stand, da hat der Coach sich rausgehalten, der war sowas von ruhig. Und irgendwie zurückgezogen“, erzählt Radosevic. „Abseits des Spielfelds ist er ja auch ein feiner, in sich zurückgezogener Mensch.“ Von wegen nervös, von wegen laut. Was hatten sie ihm nur erzählt?

Es dauerte nicht lange, da lernte er aber den anderen Sasa Obradovic kennen. „Wenn du ihn an der Seitenlinie siehst, glaubst du gar nicht, dass das möglich ist.“ Dann zeigt Obradovic seine große Leidenschaft für das Spiel.

Deshalb ist Radosevic in Berlin. Er ist gekommen, um von Obradovics Leidenschaft zu profitieren, um sich weiterzuentwickeln. Das ist ihm bisher gut gelungen. 10,5 Punkte macht er pro Spiel. 3,6 Rebounds holt er im Schnitt. Beim 81:79 nach verlängerung im ersten Halbfinalduell mit Quakenbrück waren es nur acht Punkte, aber fünf Rebounds. Er stand in der Startformation, und so wird es am Mittwoch wohl wieder sein. Eine Position, die er sich schwer erkämpft hat.

Deshalb ist Radosevic hier. Obradovics Philosophie heißt: hart arbeiten. „Ja, das hat mir am Anfang auch nicht so sehr zugesagt.“ Radosevic lacht laut auf. „Aber daran habe ich mich jetzt gewöhnt. Wir verstehen uns sehr gut. Der Coach gibt mir das Selbstvertrauen, das ich brauche.“ Gerade jetzt. Insgesamt zwei Monate hat er gefehlt, weil er drei Mal umknickte. „Ich konnte nicht laufen, die ganze Kondition war dahin.“ Es ist ein ewiger Kampf geworden. „Nach der letzten Verletzung habe ich kein einziges richtiges Training absolvieren können, weil die Spiele in den Playoffs so dicht beieinander liegen.“

Doch Obradovic braucht ihn, in den Duellen mit Quakenbrück dringender denn je: „Mit seiner Athletik und Physis wird er uns vor allem unter den Körben helfen“, sagt der Coach. Albas Sportdirektor Mithat Demirel findet: „Er ist enorm wichtig für die Mannschaft, man spürt seine Präsenz.“ Auf dem Spielfeld, aber auch abseits davon.

Auf Außenstehende wirkt Radosevic cool, im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn er durch den Vip-Raum der Arena am Ostbahnhof geht in seiner schwarzen Lederjacke, sieht er aus wie Actionheld Dolph Lundgren, begleitet von kühlem Wind. Wer jedoch länger mit ihm redet, lernt einen anderen Leon Radosevic kennen. Offen spricht er auch über Privates. Über seinen Kumpel Vojdan Stojanovski, den Teamkollegen, von dem er sagt, er sei für ihn wie ein Bruder. „Eigentlich machen wir alles zusammen“, erzählt Radosevic: „Nach dem Training am Morgen geht’s zum Essen oder auf einen Kaffee. Dann macht jeder in seiner Wohnung seinen Mittagsschlaf. Nach dem Abendtraining geht’s zum Abendessen.“ So läuft das Tag ein, Tag aus.

Sie wohnen im gleichen Mietshaus. Sie fahren gemeinsam zur Arbeit. In einem Auto, das Alba ihnen stellt. Der Camaro ist ja kaputt, das ist ja das Problem. Radosevic wird es lösen, irgendwann.

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