Oldies but Goldies: Nicht nur Howard Carpendale, Blumfeld, die Scorpions und Kraftwerk erfreuen ihre Anhänger mit besinnlichen Wir-spielen-was-Schönes-von-früher-Gedenktourneen. In der kommenden Woche kann man beispielsweise auch das legendäre Prog- und Pomp-Rock-Ensemble Queen mit einem Greatest-Hits-Programm in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof erleben, wobei freilich der Sänger, weil tot, durch einen Jungspund aus einer Casting Show ersetzt werden muss. Weitgehend lebendig wirkte hingegen der Berliner Produzent, Parolendeklamator und legendäre Lederhandschuhträger Alexander Wilke-Steinhof, als er in der Nacht zum Donnerstag im Berghain sein vor 20 Jahren erschienenes Album „Low On Ice (The Iceland Sessions)“ zur Jubiläums-Aufführung brachte.
Keine Greatest Hits
Auch hierbei handelte es sich also um ein Gedenkkonzert, allerdings um eines, bei dem keine Greatest Hits gespielt wurden, sondern gewissermaßen ausschließlich unbeliebteste Hits. Von dem musikalischen Hauptwerk von Wilke-Steinhof, das er seit Anfang der Neunzigerjahre unter dem Künstlernamen Alec Empire mit seiner allseits beliebten Band Atari Teenage Riot erschuf, unterscheidet sich nämlich „Low On Ice“ erheblich. Atari Teenage Riot spielten einerseits sonderbar quietschende und fiepende Elektronik-Jazz-Variationen (wie auf dem ebenfalls vor genau 20 Jahren erschienenen Album „Hypermodern Jazz 2000.5“) sowie andererseits – wofür ihre Anhänger sie bis heute am meisten mögen – grob getöpferte Pogopunk-Stumpftechno-Vierviertelrhythmen, welche Alec Empire dann wiederum mit verzerrten Gitarren, verzerrten Synthesizergeräuschen und verzerrten Refrains wie etwa „Hetzjagd Auf Nazis“, „Deutschland Muss Sterben“ oder „Destroy! Destroy!“ garnierte.
Gern trug er auf den Atari-Teenage-Riot-Konzerten dazu nicht nur die bereits erwähnten Lederhandschuhe, sondern auch Lederhosen, Lederwesten und einen Patronengurt; wegen des deutsch-martialischen Auftretens erfreuten sich Atari Teenage Riot insbesondere in den USA großer Beliebtheit, ähnlich wie ihre Geschwister im Geiste, Rammstein.
Hektisch-hyperaktives Geboller
„Low On Ice“, 1995 auf dem Mille-Plateaux-Label erschienen, enthält nun aber weder Düdel-Jazz noch Destroy-Destroy-Rhythmen, sondern vielmehr größzügig ausgerollte Knirschflächen, schwach schillernde schwebende Sphärenklänge sowie dunkel pumpelnd gepaukte Zeitlupen-Dub-Beats. All dies hat Alec Empire nach eigenen Angaben seinerzeit auf Island aufgenommen, weil er sich vom hektisch-hyperaktiven Geboller seiner sonstigen Musik in der dortigen Ödnis erholen wollte.
Angemessen öde sind denn auch die daraus erwachsenen elf Stücke geworden, und auf kongenial uninteressante Weise führte Alec Empire sie bei CTM Festival im Berghain auf. Regungslos und weitgehend unsichtbar stand er hinter seinen Geräten und ließ es langsam knirschen, klirren und sirren, über seinem Kopf hing eine Leinwand, auf der im wesentlichen nichts zu sehen war.
Innerhalb des von ihm selber gesteckten Rahmens bot er also ein sehr gutes Konzert, nach dem oder auch während dessen man beruhigt und entspannt wieder nach Hause gehen konnte.
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