Alfred Neven Dumont als Autor

Jeder Einfall ein lautes: Hier bin ich, seht ihr!

Alfred Neven DuMont war eine Ausnahmeerscheinung. Establishment und gleichzeitig Anti. Einer, mit Energie, Fleiß und Kunstverstand. Arno Widmann erinnert sich an den Publizisten Alfred Neven DuMont.

Arno Widmann
4 Min
„Reise zu Lena“ schrieb er mit 82.

„Reise zu Lena“ schrieb er mit 82.

© dumont Lizenz

Wer ihn besser kannte, wird ihn anders gesehen haben. Wer ihn länger kannte sicher auch. Alfred Neven DuMont, das werden jetzt alle schreiben, war eine Ausnahmeerscheinung. Er war aber auch ein Außenseiter, einer von denen freilich, die gleichzeitig größten Wert darauf legen dazuzugehören. Wenn sie dann ganz sicher dazu gehören, wollen sie es gleichzeitig nicht.

Das ist, wir erinnern uns, die Position des erfolgreichen Künstlers: Establishment und gleichzeitig Anti. Alfred Neven DuMont hatte Philosophie, Geschichte und Literatur studiert. Er wollte Schauspieler werden. Nicht ein Hauch von BWL. Er wurde dann dennoch einer der erfolgreichsten Unternehmer der Bundesrepublik. Als die Medien brummten, brummte er mit. Er tat das gerne und gut.

Er tat etwas, was Verleger so gut wie niemals tun: Er las seine Zeitungen. Er tat es aufmerksam und kritisch. Er monierte, wenn ihm etwas nicht gefiel. Er konnte aber auch Lust entwickeln an kleinen Geplänkeln, an ein wenig Spott hinüber und herüber. Als ich ihn einmal fragte nach den kleinen Spitzen gegen Religion und Kirche in einem seiner Romane, sah er mich entgeistert an und meinte: „Das ist doch alles Spaß. Wie kann man das so ernst nehmen.“ Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, dass er seinen Spott scherzhaft meinte und nicht etwa die Religion für einen Scherz erklärt sehen wollte.

15 Jahre bis zum nächsten Roman

In einem seiner Romane, habe ich gesagt. Der Verleger schrieb Romane. Ich weiß nicht, wann er seinen ersten schrieb. Der erste jedenfalls, den er unter dem Pseudonym Franz Nedum veröffentlichte, war kein Erfolg. Das mochte Alfred Neven DuMont nicht. So dauerte es 15 Jahre, bis er seinen nächsten Roman veröffentlichte. Da war er 82. Eine Grandma Moses der Literatur. Aber „Reise zu Lena“ war kein abgeklärtes Idyll, sondern eine aufmüpfige, bockige Geschichte, mit einem ganz und gar nicht politisch korrekten Blick auch aufs menschlich-allzumenschliche Intimleben.

Der Außenseiter im Insider hatte sich zu Wort gemeldet, der Alfred Neven DuMont, der die Wahrheit liebte. Alle reden jetzt vom Patriarchen. Das war er. In einem für die Umstehenden sicher oft schwer zu ertragenden Ausmaß. Zum Patriarchen gehört, dass er umgeben von einer großen Familie, von einer noch größeren Entourage, die er tun lässt, was sie für richtig hält. Bis er dann dazwischenfährt mit Donner und Blitz wie Göttervater Zeus.

So kann man kein Unternehmen führen, wird behauptet. So arbeiten Künstler, wissen wir. Aber auch ein Unternehmen muss durch Gewitter und Sturm geführt werden. Das macht man nicht mit nichts als Ruhe und Sachverstand.

Es sei bewundernswert, sagte mir sein Lektor, mit welcher Energie, mit welchem Fleiß und mit welchem Kunstverstand Alfred Neven DuMont seine erzählerischen Fertigkeiten in den letzten Jahren gesteigert habe. Ich kann das nicht beurteilen. Mir gefiel die Chuzpe, die Wucht und die Unwucht, mit der er gegen das Alter anschrieb, gegen den Tod. Jeder Einfall ein lautes: Hier bin ich, seht ihr!

Alfred Neven DuMont war eben keine Legende. Er mochte es lieben, wenn man ihn dazu erklärte. In Wahrheit aber liebte er es, zu sehr zu leben, als dass er sich mit der Sargaufschrift „Eine Legende“ hätte zufrieden geben können. Vielleicht hatte nicht nur das Unternehmen, sondern auch das Leben den Künstler, der in einem Winkel seines Inneren wohl immer sich versteckt hatte, daran gehindert hinauszutreten. Vielleicht spielte auch Angst eine Rolle, die Furcht, sich zu blamieren.

Es hatte lange gedauert, bis der Enkel eines der bedeutendsten deutschen Maler des 19. Jahrhunderts Franz von Lenbach sich traute, in aller Öffentlichkeit Kunst nicht nur zu sammeln, sondern auch Kunst zu machen. Als Schriftsteller. Es sind heitere Bücher eines alten Mannes. Es gibt viel zu lachen in ihnen, einen Hang zum Sententiösen und eine Lust an der Beschreibung. Action war seine Sache nicht. Verblüffende Wendungen im Handlungsablauf schon. Dergleichen genoss der Mann, der auch am Schreibtisch des Autors der Patriarch seiner Figuren blieb, sehr.

Als Unternehmer, als erfolgreicher Unternehmer gar, hat man deutlich mehr Einfluss als irgendein Autor. Aber Unternehmer müssen mit wirklichen Menschen, mit ökonomischen, politischen, sozialen Konstellationen Kompromisse schließen. Ein Autor braucht das nicht. Er ist unumschränkter Herr des kleinen Reichs der wenigen Hundert Seiten. Er ist der wahre Patriarch aller darin sich tummelnden Menschen und einer jeden ihrer Auseinandersetzungen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de