„Alki Alki“ von Axel Ranisch

„Ich teile die Angst, dass Berlin städtebaulich ausverkauft wird“

Er nennt sich ungern Regisseur, arbeitet ohne Drehbuch und teilt die Sorge über den Ausverkauf Berlins: Der Lichtenberger Axel Ranisch ist das eigenwillige Multitalent des deutschen Films. Im Interview spricht der Schöpfer von „Dicke Mädchen“ über sein neuestes Werk „Alki Alki“.

Anke Westphal
17 Min
"Ich gehe gern von der größtmöglichen Tragödie aus und erzähle das dann mit einem Augenzwinkern." Schauspieler und Regisseur Axel Ranisch in seiner Wohnung in Berlin.

"Ich gehe gern von der größtmöglichen Tragödie aus und erzähle das dann mit einem Augenzwinkern." Schauspieler und Regisseur Axel Ranisch in seiner Wohnung in Berlin.

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak Lizenz

Ein verregneter Vormittag in Berlin-Lichtenberg. Herbstlaub bedeckt die Gehsteige vor einem der mehrgeschossigen Neubauten aus DDR-Zeiten, Typ WBS 70, mitunter unzutreffend „Plattenbauten“ genannt. Im dritten Stock öffnet Axel Ranisch die Wohnungstür, gut gelaunt und flott mit Hosenträgern. Die Räume dahinter sind ihm seit Jahrzehnten vertraut.

Hier ist er aufgewachsen, hier lebte er schon mit seinen Eltern und Schwestern. Ranisch ist Regisseur, Autor, Produzent und Schauspieler, auch fürs Fernsehen. In der ZDF-Krimiserie „Zorn“ verkörpert er einen sehr gewissenhaften Kommissar. Sein mit 517,34 Euro Ersparnissen finanziertes Spielfilmdebüt „Dicke Mädchen“, von Ranisch 2011 in der Wohnung seiner Oma gedreht, wurde ohne jede Werbung oder Stars ein Hit. Er hat zwei Kammeropern für die Bayerische Staatsoper inszeniert, Freundlich bietet uns das erst 32-jährige Multitalent ein Getränk an.

Herr Ranisch, Ihr neuer Spielfilm „Alki Alki“ erzählt vom alkoholkranken Berliner Architekten Tobias. Wir sitzen hier bei köstlichem Ingwertee. Trinken Sie überhaupt Alkohol?

Aber ja! Gern zum Beispiel Weißwein und früher auch Mai Tai. In Schöneberg gibt es am Winterfeldtplatz eine sehr gute Cocktailbar, die machen einen herausragenden Mai Tai. Darf ich Ihnen ein Glas Weißwein anbieten?

Um Himmels willen, nicht um diese Tageszeit …

Man muss nicht schon morgens um 10 Uhr saufen, heißt es in meinem Film. Aber man muss auch feiern können!

Das tun wir lieber später. Bisher haben Sie drei recht verspielte Filme inszeniert, in denen niemand ernstlich krank war. Warum wählten Sie nun das sehr ernste Thema Sucht?

Nach der Premiere von „Dicke Mädchen“ bei den Hofer Filmtagen im Oktober 2011 meinte der Schauspieler Peter Trabner: So, jetzt müssen wir einen Alkoholikerfilm drehen. Es sei an der Zeit, etwas zu machen, wo es so richtig schön den Bach runtergeht. Da hatte ich aber keine Lust drauf! Meine Filme haben ja bei aller Tragik auch immer Humor. Peter hat aber nicht lockergelassen.

Als wir dann irgendwann mal mit Heiko Pinkowski, der neben Peter die andere Hauptrolle in „Alki Alki“ spielt, im Auto saßen, sagte Peter: Was wäre denn, wenn die Alkoholsucht eine Filmfigur, also eine Person wäre? Da hat es Klick gemacht! Als Beziehung konnte ich mir das vorstellen: Dass da jemand ist, der einen fremdbestimmt und die Führung übernimmt. In „Alki Alki“ wird der Architekt Tobias nun also von seinem Kumpel „Flasche“ bestimmt. „Flasche“ sieht aus wie ein ganz normaler Mann um die 40, verkörpert aber die Alkoholsucht. Dabei richtet sich der Film nicht nur an Alkoholiker. Irgendeine Form von Sucht kennt ja jeder.

Was wäre denn Ihre ?

Wie man sieht, habe ich eher Probleme mit dem Essen.

Laut Statistik trifft das auf jeden zweiten Deutschen zu. Wie sind Sie nun aber mit Ihrem Team an die Arbeit zu „Alki Alki“ herangegangen?

Wir haben ausgiebig über Suchtkrankheit recherchiert und auch in einer Entzugsklinik gedreht, in Lübstorf. In Psychotherapien wird die Sucht übrigens auch oft personifiziert. Während aber meine Filme „Dicke Mädchen“ und „Ich fühl mich Disco“ sehr viel mit mir zu tun haben, mit meiner Biografie und meinem Coming-out, haben in „Alki Alki“ nun meine beiden Hauptdarsteller Heiko Pinkowski und Peter Trabner aus ihren Nähkästchen geplaudert.

Sie sorgen seit einiger Zeit deutschlandweit für Furore. Man feiert Sie als „Wunderkind“ und „Frischzellenkur für den deutschen Film“. „Alki Alki“ will nun „eine flotte Tragikomödie über die älteste aller Männerfreundschaften“ sein, so steht es im Material zum Film. Wie soll das zusammengehen?

Ist der Film denn nicht flott?

Doch, durchaus. Aber genau das erwartet man nicht bei diesem Thema.

Auf keinen Fall wollte ich ein bitteres Melodram drehen, denn in meinen Filmen will ich es haben wie im Leben. Ich gehe gern von der größtmöglichen Tragödie aus und erzähle das dann mit einem Augenzwinkern. Und vom Alkoholismus als Männerfreundschaft zu erzählen, bot mir auch Möglichkeiten für komödiantische Szenen und Fantasien.

Tatsächlich stellt man sich Alkoholiker oft als Männer mit triefenden Augen vor, die sich irgendwo einsam betrinken. Wenn Tobias und „Flasche“ in „Alki Alki“ im Vollrausch sind, feiern sie jedoch High Life in Berliner Clubs – eben weil sie zu zweit und Freunde sind. Was so viel Spaß bereitet, tut dann im selben Augenblick furchtbar weh.

„Flasche“ ist gar nicht so unsympathisch. Das wird viele Zuschauer irritieren, die Ihnen womöglich Verharmlosung vorwerfen.

„Flasche“ ist ja keine besonders erfolgreiche Sucht und macht den Fehler, mit seinem Klienten zu sympathisieren. Andere Süchte, etwa die Heroinsucht, würden es gar nicht erst erlauben, dass jemand wie Tobias ein relativ normales Leben führt, heiratet und Vater wird. Er hat ja eine wundervolle Frau und drei Kinder; und gemeinsam mit einem Freund führt er ein Architekturbüro. Doch sein bester Kumpel ist nun mal „Flasche“. Die Familie hält und erdet Tobias lange Zeit. Ein anderer Alkoholiker in meinem Film, er heißt Siggi, hat es da schwerer: Er ist allein, und seine Sucht namens „Gläschen“ ist dummerweise auch noch eine junge, attraktive Frau.

Sie drehen wie ein Autorenfilmer – immer mit denselben Leuten, etwa den Schauspielern Heiko Pinkowski, Peter Trabner und Christina Große. Wie fand sich diese Filmfamilie überhaupt?

So nach und nach. Heiko Pinkowski traf ich beispielsweise schon während meines Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Da hielt Gabriele Gysi seinerzeit als Dozentin für Regie Seminare und brachte ihn mit. Ich weiß nicht, warum, aber zu Heiko fallen mir tausend Rollen ein. Ich liebe es, meine Filme für ganz bestimmte Leute zu schreiben. Die Schauspieler sind ohnehin von Anfang an beteiligt: Christina Große etwa spielt in „Alki Alki“ die Ehefrau von Tobias, wollte die Figur aber nicht als starke Frau angelegt haben. Sie sagte: Ich möchte die Co-Abhängigkeit spielen – eine Frau, der das alles langsam entgleitet. Darauf höre ich, schließlich stecken die Schauspieler viel stärker in den Rollen als ich.

Die Schauspieler sind also am Drehbuch beteiligt?

Wir schreiben keine Drehbücher für unsere Filme. So klingt das dann richtig und authentisch – die Schauspieler können gar nichts Falsches sagen, wenn sie nur tief genug in ihren Rollen stecken. Höchstens mal zu viel. Dann interveniere ich: mit weniger Worten bitte. Gerade arbeite ich mit Thorsten Merten und Heiko Pinkowski an einem Thriller.

Auch Ihre leibliche Familie muss immer wieder mit ran in Ihren Filmen, die Mitglieder spielen kleine und größere Rollen. Lassen sich denn Vater, Mutter, Oma, Schwester oder Neffe von Ihnen als Regisseur einfach so Vorschriften machen?

Ich habe mal als Medienpädagoge angefangen und schon damals mit Laien gearbeitet, beispielsweise mit Inhaftierten in brandenburgischen Justizvollzugsanstalten, Berliner Schülern, auch Ärzten in Weiterbildungsseminaren oder mit geistig Behinderten. An Laien kann und soll man nicht die gleichen Erwartungen haben wie an professionelle Schauspieler.

Die Arbeit mit ihnen funktioniert anders und viel unmittelbarer. Ich würde meiner Oma nie vorschreiben, irgendwelche Rollentexte zu lernen oder beim Spiel auf bestimmte aufgezeichnete Marken zu treten. Sie soll so natürlich sein, wie sie ist. Denn so ist sie am besten. Die Drehbedingungen versuche ich dementsprechend familiär und unaufgeregt zu gestalten. Als Schauspieler werden meine Familienangehörigen in eine Situation gestellt, die sie mehr oder weniger kennen, und dann agieren und sprechen sie, wie sie es im wahren Leben auch tun würden.

Ihre Oma Ruth Bickelhaupt war schon der Star von „Dicke Mädchen“: Der Film wurde sogar in ihrer Wohnung gedreht. In „Alki Alki“ spielt sie nun eine 92-jährige tablettensüchtige Patientin. In manchen Berliner Kreisen ist Oma Bickelhaupt Kult, wohl auch wegen ihrer poetischen Lebenslust und Leichtigkeit. Was war sie eigentlich früher von Beruf?

Vor dem Zweiten Weltkrieg war meine Oma Balletttänzerin in Chemnitz; mit anderen Tänzerinnen trat sie bei Veranstaltungen auf. Dann kam der Zweite Weltkrieg und beendete ihre Karriere als Tänzerin. Zu DDR-Zeiten hat meine Oma sehr lange als Sachbearbeiterin bei der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft gearbeitet. Als ich auf die Welt kam, ist sie in Rente gegangen. Ich verbrachte also viel Zeit bei meinen Großeltern, die gern Walzer tanzten. Inzwischen ist Oma 93 Jahre alt und hat viele Rollen gespielt, in Studentenfilmen, Werbespots und auch in einem Tanztheaterstück unter der Regie von Corinna Harfouch.

Auf Ihrer Website beginnen Sie Ihren Lebenslauf folgendermaßen: „Axel Ranisch wird im Sommer 1983 als dickes Kind zweier Leistungssportler im schönen Berliner Bezirk Lichtenberg geboren.“ Das klingt hübsch. Aber wie war es wirklich?

Meine Mutter war Leichtathletin, mein Vater Wasserspringer und später Trainer.

Die Selbstbeschreibung klingt, als wären Sie eine Enttäuschung für Ihre Eltern gewesen?

Ach, bei mir ist es eben mit dem Sport nichts geworden. Ich war schon immer irgendwie füllig und musste in meiner Jugend zunächst auch viel Sport machen, erst Schwimmen, dann Wasserball, auch weil ich wenige Freunde in meinem Alter hatte. Meine Eltern meinten, Teamsport würde mir helfen – ich könnte etwas abnehmen und spielend Kontakt zu Gleichaltrigen finden. Zwei- bis dreimal in der Woche habe ich trainiert – und es gehasst. Es war eine furchtbare Pflicht. Irgendwann habe ich gesagt „Ich will nicht mehr“ und damit aufgehört. Viel lieber wollte ich immer ein Klavier haben, Musik machen. Darauf wären meine Eltern nun gar nicht von allein gekommen, denn das war ihnen von ihrer Biografie her nicht so vertraut. Sie meinten damals ehrlich: Davon haben wir gar keine Ahnung; woher sollen wir wissen, ob du Talent hast?

In „Ich fühl mich Disco“ gibt es diese Szene, wo der Junge, Florian, vom Zehn-Meter-Turm springen soll – vor all den anderen Sportlern und Trainern.

Florian springt. Dass ich selbst damals nicht gesprungen bin, tut mir bis heute leid. Ich finde, ich habe meinen Vater irgendwie blamiert vor seinen Kollegen. Dass der einen Sohn hat, der sich nicht traut. Ich habe kein großes Schuldgefühl deswegen – es tut mir einfach nur leid. Heute sind meine süßen Eltern und Schwestern wahnsinnig stolz auf mich. Das berührt mich sehr.

Ihre Mutter ist in „Alki Alki“ als Optiker-Kundin zu sehen, quasi neben Iris Berben, die hier auch eine Gastrolle hat. Die damenhafte Berben in Ihrem ganz ungeschönten Film – wie kam es dazu?

Iris Berben hat sich 2011 öffentlich als Fan von „Dicke Mädchen“ geoutet. Na dann, dachte ich – soll sie mal ran! Ich habe ihr geschrieben, dass ich eine schöne Rolle für sie hätte: die der Galina Iwanowna Schnurkinowa, einer zwielichtigen, sibirischen Großinvestorin. Ob sie nicht wolle? Daraufhin hatten wir ein schönes Telefonat, wo sie sich schon mal eine halbe Stunde lang mit russischem Zupfkuchen-Akzent eingefühlt hat in die Rolle. Wirklich überraschend war das nicht, denn Iris Berben hat ja einmal trashig angefangen; man denke nur an die Filme von Klaus Lemke oder die beliebte Fernsehserie „Sketchup“. Da kommt Iris Berben ja her, und das alles hat sie immer noch absolut in sich. Da hat sie auch Lust drauf, wie man sieht. Sie darf es nur viel zu selten rauslassen.

Iris Berben ist hier in ihrem ersten „Sehr Guten Film“ zu sehen, denn die Produktionsfirma, die Sie gemeinsam mit Heiko Pinkowski, Anne Baeker und Dennis Pauls betreiben, heißt „Sehr Gute Filme“. Ist das selbstironisch gemeint?

Wir schaukeln uns gegenseitig gern hoch, und dann fallen uns lustige Dinge ein. „Alki Alki“ ist jetzt unser dritter „Sehr Guter Film“.

Sie nennen sich selbst nicht Regisseur, sondern Spielleiter – genau so wie die Künstler, die früher, etwa in den 20ern und 30ern einen Film inszenierten. Ist das nur eine Marotte oder steckt mehr dahinter?

Zum einen gefällt mir das Wort „Spielleiter“ sehr gut. Zum anderen trifft es den Kern dessen, was ich tue. Regie ist halt das Umsetzen eines Drehbuchs: Man bekommt eine Vorlage, die jemand anders geschrieben hat, und führt da Regie und inszeniert das Ganze. Aber so arbeite ich nicht. Ich sehe mich da eher als Filmemacher, der eine Idee hat und diese Idee mit einer Gruppe von Leuten entwickelt. Jeder soll sich mit seinen Talenten einbringen. Es ist also tatsächlich ein großes Spiel. Und ich bin der Leiter dieses Spiels – eben der Spielleiter.

Eine Band namens Die Tentakel von Delphi tritt auf in „Alki Alki“, nebst Käptn Peng als Troubadour, der besinnliche Lieder zur Gitarre vorträgt. Wie kamen Sie nun wieder darauf?

Käptn Peng ist Robert Gwisdek, und er ist zusammen mit seinem Bruder Hannes Gwisdek alias „Shaban“ Mitglied der Band Die Tentakel von Delphi, die ich schwer bewundere (außerdem ist er der Sohn der Schauspieler Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, Anmerkung der Redaktion). Die Tentakel machen genau solche Musik, wie ich sie mir für den Sound des Films vorgestellt hatte – ganz unprätentiös, ehrlich, super. Ich platze vor Stolz, dass sie den Soundtrack zu meinem Film gemacht haben.

Robert habe ich gefragt: Wie willst du im Film vorkommen? Und er antwortete: Ich wollte schon immer mal Troubadour sein! Die Filmhandlung friert ein, ich trete mit meiner Klampfe auf und besinge die Beziehung zwischen den Figuren. Super, dachte ich: Das machen wir! Aber auch einige befreundete Filmregisseure wie Dietrich Brüggemann, Aron Lehmann oder Sven Taddicken haben kleine Gastauftritte in „Alki Alki“ – so wie ich manchmal eine kleine Rolle in deren Filmen habe. Dietrich gibt in „Alki Alki“ eine Spielsucht namens „Zocke“. In Brüggemanns Spielfilm „Heil“ revanchiere ich mich und spiele einen Unhold im Wald.

Apropos Wald. Die Handlung von „Alki Alki“ ist nicht einfach nur in Berlin angesiedelt – was in der Stadt geschieht, spielt auch eine große Rolle im Film. Etwa in jener Szene im stillgelegten Vergnügungspark Plänterwald: Der Architekt Tobias hat hier Visionen von Stadtentwicklung, fantasiert von Wohnparks, Events, Erlebnisgastronomie, sogar einem Jachthafen. Das ist pure Realsatire. Was wünschen Sie sich für Berlin?

Zunächst einmal teile ich die Angst vieler, dass Berlin städtebaulich ausverkauft wird. Hier in Lichtenberg ist man noch relativ weit weg davon. Aber man kann nicht wissen, wann und wie sich die Entwicklung beschleunigt, die man ja auch Gentrifizierung nennt. Man hat Angst, sich irgendwann nicht mehr heimisch zu fühlen im Stadtbezirk, in dem man aufgewachsen ist. Hier und heute geht es darum, dass man vom Geld vertrieben wird. Andererseits ist das eine logische kapitalistische Entwicklung: Berlin zieht in dieser Hinsicht einfach gleich mit anderen europäischen Hauptstädten.

Verstehen Sie sich denn auch als Kapitalismuskritiker?

Natürlich – schließlich bin ich noch jung!

Als die Mauer fiel, waren Sie sechs Jahre alt. Haben Sie überhaupt noch Erinnerungen an die DDR?

Wenige. Das meiste ist vermittelt: Ich erinnere mich vor allem an das, was diesbezüglich in der Familie überliefert wurde. Ich bin sozusagen ostsozialisiert und verwende solche Wörter wie Kaufhalle statt Supermarkt und Viertel sieben statt Viertel nach sechs.

Was stört Sie genau an der Entwicklung in Berlin?

Ein Beispiel: Hier in Lichtenberg gab es bis Anfang der 90er-Jahre das Haus der Kinder, zu DDR-Zeiten „Haus der Pioniere German Titow“ . Im Haus der Kinder habe ich meine Kindheit verbracht. Solche Einrichtungen gab es ja überall in Ostdeutschland: eben Häuser für Kultur. Ins Haus der Kinder konnte ich immer gehen, ob nun an Wochentagen oder Sonnabend, Sonntag, und es gab immer Angebote. Jahrelang war ich dort Mitglied im Literaturzirkel „Pegasus-Club“, den Annelie Streit leitete. Das hat mich stark geprägt, denn ich habe dort angefangen, Texte zu schreiben. Davon abgesehen gab es im Haus der Kinder zwanzig bis fünfzig Arbeitsgemeinschaften, an denen man einfach teilnehmen konnte. Es existierte dort auch ein Kino, in dem man für fünfzig Pfennige Filme sehen konnte.

Was geschah mit diesem Haus?

Natürlich wurde das Haus der Kinder geschlossen. Es brachte ja keinen Erlös. Da frage ich mich doch: Warum muss es das tun? Warum muss es einen Erlös bringen? Das ist doch für Kinder! Müssen denn alle Dinge, Einrichtungen, Aktivitäten immer einen Erlös bringen? So etwas macht mich wahnsinnig! Wir haben damals dafür gekämpft, dass die Stelle von Frau Streit erhalten bleibt, damit sie sich weiter um Literatur und Poesie für Kinder kümmern kann. Tatsächlich hat die damalige Bürgermeisterin von Lichtenberg, Frau Emmerich, eine Stelle geschaffen für Frau Streit. Sie hat dann nach der Schließung des Hauses der Kinder in der Anton-Saefkow-Bibliothek gearbeitet. Aber all diese Arbeitsgemeinschaften für Kinder waren weg – und es entsteht dafür nichts Neues.

Ihre Liebe zur Kultur ist nicht auf die Literatur oder das Kino beschränkt. Ich sehe hier ein sehr großes Regal voller CDs mit klassischer Musik. Was hat es damit auf sich?

Klassische Musik ist meine Lust und meine Energiequelle. Mein Vater brachte 1991 von einer Wettkampfreise in die Tschechoslowakei einen Ghettoblaster – es war unser erster überhaupt! – und eine Box mit 20 CDs mit klassischer Musik mit. Beides habe ich mir gegriffen, aus Neugier. Damals war ich acht Jahre alt.

Meine Schwester Anett hielt es immer für eine Superidee, dass ich Mittagsschlaf halte. Wahrscheinlich wollte sie ihre Ruhe vor mir haben. Jedenfalls hat sie die Tür meines Kinderzimmers gern mit einem Stuhl verrammelt. Manchmal hat sie auch aufgepasst, dass ich wirklich still liege. Irgendwann gab es die Übereinkunft, dass ich in meinem Zimmer blieb, wenn ich dabei klassische Musik hören durfte. Es war sofort um mich geschehen. Innerhalb kürzester Zeit kannte ich die CDs gewissermaßen auswendig.

Als Erwachsener haben Sie dann sogar Opernregie geführt: zweimal in München an der Bayerischen Staatsoper und einmal bei den Niedersächsischen Musiktagen. Wie kam es dazu?

Unglaublich, aber wahr – das wurde mir angetragen. Der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, hatte bei einer Autofahrt ein Radiointerview mit mir zu „Dicke Mädchen“ gehört. Da dachte er sich: Ach, gehe ich heute Abend mal ins Kino. Ein, zwei Monate später wurde an der Bayerischen Staatsoper darüber gesprochen, wer wohl wann und was inszenieren könnte. Da meinte Herr Bachler: Da gibt es diesen Berliner Typen, der für 517 Euro einen wunderbaren Film gedreht hat, und da ist so viel Musik drin – könnt Ihr den nicht mal holen?

Was für ein unglaublicher Traum. Ich habe meine ganze Jugend mit klassischer Musik verbracht. Ich wollte immer schon eine Oper machen. Aber dass es so aus dem Nichts wahr wird, hätte ich mir nicht träumen lassen. Oper ist was vollkommen anderes. Schön ist zum Beispiel auch, dass die Aufführungen flüchtig sind. Vergänglich. Man kann sagen: Wer dabei war, war eben dabei!

Es heißt, die Filme von Axel Ranisch machen glücklich. So ging es wohl auch diesem Intendanten. Nun die Gretchenfrage des Kinos: Wie halten Sie’s mit Hollywood?

Einer meiner Lieblingsfilme ist „Amadeus“ von Milos Forman, aber der hat natürlich auch viel mit klassischer Musik zu tun; es geht ja um Wolfgang Amadeus Mozart. „American Beauty“ vom Regisseur Sam Mendes ist ein Klopper! Zuletzt hat mich der diesjährige Oscar-Gewinner „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu schwer beeindruckt.

In Berlin sind Sie als Filmemacher und Schauspieler längst so etwas wie eine Kultfigur. Wie gehen Sie damit um?

Kultfigur heißt immer auch, dass man nicht Mainstream ist, dass man nicht ganz so viel Publikum hat wie andere. Dass man einen Liebhaberkreis bedient. Ich wünsche mir schon, dass sich ein paar mehr Leute meine Filme anschauen. Ich freue mich wie blöde über 20.000 Zuschauer im Kino – und dann gucke ich mir am nächsten Tag die Fernsehquoten vom „Dschungelcamp“ an und lese: sieben Millionen Zuschauer!

Da fragt man sich schon, wo die Relationen sind. Aber ich habe jetzt drei Folgen der Kinderserie „Löwenzahn“ für das ZDF gedreht. Das war so schön und hat so viel Spaß gemacht! Die sind da auch ganz mutig bei dem Sender: Eine Folge habe ich zum Thema Toleranz gedreht und zwar gemäß meiner Arbeitsweise mit improvisierten Dialogen und ganz viel Herz. Die ist wunderbar geworden, authentisch, politisch und lustig. Und da „Löwenzahn“ jeweils sonnabends und sonntags ausgestrahlt wird, werden das diesmal Zigtausende sehen!

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