Letzte Woche, kurz nach eins, fragte mich ein Freund: „Wann warste eigentlich das letzte Mal betrunken? Ich meine, richtig besoffen.“
Das bin ich seit Jahren nicht mehr gefragt worden. Ich glaube, es hatte damit zu tun, dass ich gerade keinen Alkohol trinke.
Wir saßen an der Bar Central an der Schönhauser Allee. Ich hatte einen Pfefferminztee bestellt. Ironisch, weil es ja eine Bar ist, eine Berliner Bar. Ich frage nach Tee, als würde ich einen Witz erzählen. Aber sie machen im Central Tee aus frischer Minze. Ich bin nicht allein dort draußen, dachte ich, dann fiel mir ein, dass die Minze sicher für die karibischen Mixgetränke da war. Vorher hatte ich zwei Apfelschorlen und zwei Wasser getrunken. Das Wasser war ein bisschen lasch. Seit ich keinen Alkohol trinke, achte ich auf die Sprudeligkeit, normalerweise ist mir die komplett egal. Ähnlich wie den Super-G im alpinen Skisport habe ich das Konzept von „Medium“-Wasser nie verstanden. Früher.
Wann also war ich zum letzten Mal besoffen?
Ich dachte nach, mir fiel erstmal nur eine Geschichte ein, die länger als dreißig Jahre zurückliegt. Ich war mit meiner damaligen Freundin nach Ungarn getrampt, wo eine Hochzeit stattfand. Einer der Gäste lud uns zwei Tage später in seinen Weinkeller ein, ich probierte, es war um die Mittagszeit, vom selbst gemachten Palinka, ein ungarischer Pflaumenschnaps. Sehr schön. Ich trank ein paar. Ich war seit vier Tagen 21 Jahre alt und eine gute Woche zuvor nach anderthalbjährigem Dienst aus der Nationalen Volksarmee entlassen worden. Meine Freundin war schwanger, das Leben begann noch mal von vorn, und es war sehr heiß. Alles ein bisschen viel, fürchte ich. Als wir den Keller verließen, schlug mich eine Faust nieder. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Ich murmelte meiner Freundin zu: weg, bitte schnell weg hier. Ich imitierte einen aufrechten Gang. Bis wir außer Sichtweite des freundlichen Schnapsbrenners waren, lief ich im Stechschritt des Volltrunkenen weiter. Wir erreichten eine Lichtung, ich ließ mich auf den Rasen fallen und verlor das Bewusstsein. Die Lichtung erwies sich als eine Art Parkanlage am Rande der ungarischen Stadt Miskolc. Meine Freundin setzte sich auf eine Bank und wartete, dass ich zu mir kam. Sie erzählte mir später, dass mich die Leute gleichgültig ansahen, einmal kam ein großer, zottiger Schäferhund und leckte mein Gesicht ab. Ich habe, nüchtern, Angst vor Hunden.
Eine gute Trinkergeschichte, dachte ich.
Mein Freund guckte mich an wie jemanden, der gesteht, dass er seit 30 Jahren keinen Sex hatte. Er war beim fünften oder sechsten Bier. Ich saugte das Wasser aus den Pfefferminzblättern, die sich auf dem Grund meines Teeglases zusammenballten. Ich täuschte cocktailtrinkerhaftes Verhalten vor. Als würde ich einen Mojito ausschlürfen.
Und du?
„Ach“, sagte er, „ich werde ja nicht mehr betrunken.“ Er sei gestern auf einer Film-Party gewesen. Cocktails und Bier, er sei vielleicht ein bisschen gewankt am Ende. Aber eigentlich war das nicht die Frage. Er ist ja derjenige, der sich normal verhält. Ich bin derjenige, um den man sich Sorgen machen muss. Wir treffen uns einmal die Woche, montags, nach dem Sport. Ich spiele Fußball, er boxt oder spielt Badminton. Normalerweise trinken wir Bier, drei oder vier große Bier, und reden über Sportverletzungen und Filmprojekte. Mein Freund ist Regisseur.
„Ich dachte, du bist übern Berg“, sagte er.
Ich sah auf den kleinen Bildschirm auf der anderen Seite der Bar, der in einer Endlosschleife Motive aus der Filmhistorie zeigte, George Clooney als Danny Ocean, Steve McQueen als Bullit, Leonardo DiCaprio als The Great Gatsby. DiCaprio prostete mir mit Champagner zu, zum etwa vierzigsten Mal. Es waren etwa zwanzig Images. Sie liefen in heavy Rotation.
„Ja“, sagte ich, „ein Rückfall.“
Ich beichte meine Abstinenz wie eine Krankheit, einen Tick. Ich habe meinem Freund am ersten Januarmontag erzählt, dass ich im Januar nichts trinken will, aber jetzt ist März. Ich wusste von Anfang an, dass ich noch ein bisschen weitermache, aber ich dachte, es ist einfacher, es in kleinen Schritten zu verkaufen. Nicht mir. Ihnen. Ich will den anderen nicht zu viel zumuten. Den Trinkern.
Ich mache es nicht zum ersten Mal, ich weiß, dass man eine gute Geschichte braucht, wenn man unter Trinkern lebt. Alle meine Freunde trinken.
Ein paarmal habe ich in der eigentlichen Fastenzeit nichts getrunken. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Ich bin allerdings kein Rheinländer. Ich habe es mit meiner katholischen Erziehung begründet. Aber es hat nichts damit zu tun, soweit ich das einschätzen kann.
Den ersten Alkohol meines Lebens habe ich als Ministrant in der St. Joseph-Kirche in Berlin-Weißensee getrunken. Messwein. Das Blut Jesu. „Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und reichte ihn seinen Jüngern mit den Worten: Dies ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird. In Ewigkeit. Amen“, rief Kaplan Engelmann. Danach schlug ich die Glocke in der Frühmesse. Vor der Schule. Dreimal die Woche. Etwa so viele alte Frauen waren auch da. Auf der Bühne war mehr los als im Publikum. Katholiken hatten es nicht leicht in Ostberlin. Kaplan Engelmann ließ manchmal etwas Wein für uns Ministranten im Kelch. Zum Frühstück bei ihm gab es Nutella, das schmeckte besser. Kaplan Engelmann war, als Erscheinung, das Gegenteil des Fasters. Er war dick, hatte eine spiegelnde Glatze und ein lautes Lachen, er zog schlechten Religionsschülern an den Ohren und besaß Led Zeppelin-Platten. Houses Of The Holy.
Ich kann mich nicht erinnern, dass in unser Familie gefastet wurde. Es wurde darüber geredet, dass man am Freitag Fisch isst, getan haben wir es nie. Obwohl gleich gegenüber unserer Kirche in der Behaimstraße ein Fischgeschäft war.
Ich bin vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten, bleibe aber für immer Katholik. Es geht nicht anders. Man trägt die Schuld auf den Schultern, bis man umfällt. Ich weiß, dass ich den Namen Gottes nicht in Unehren führen darf. Zweites Gebot. Also: Ich trinke nicht nicht, um Gott zu genügen. Es ist kein religiöser Akt. Ich will nicht verzichten. Im Gegenteil. Ich will mehr.
Mehr Bewusstsein, mehr Leistung.
Alkohol ist für mich keine Frage des Geschmacks, jedenfalls nicht in erster Linie. Ich trinke gern guten Wein, ich mag Indian Pale und Bourbon, ich unterhalte mich mit dem lokalen Weinhändler angeregt über junge Winzer, Lagen und so weiter, vor allem aber mag ich den Rausch. Das Abschalten, wenn die Sonne untergeht, noch ein Bier und ich weiß, das war’s für heute. Ab dafür.
Aber langsam wird es wirklich dunkel.
Es gibt so viele Bücher, die ich nicht gelesen habe, es gibt auch ein oder zwei, die ich gern schreiben würde. Ich muss mir die Zeit einteilen. Ich brauche die paar Stunden nach dem Sonnenuntergang jetzt dringender als früher. Wenigstens am Anfang des Jahres, wo es sowieso kaum hell wird.
Im letzten Jahr habe ich meine Fastenzeit erstmals im Januar angefangen. Am zweiten Januarmorgen traf ich in einem Café in der Hufelandstraße einen Gast unserer Silvesterparty. Er war ein bisschen blass, weil er mit seiner Freundin nach unserer Party noch weiter in einen Klub nach Kreuzberg gezogen war, wo er so viele interessante Sachen erlebt hatte, dass ich am liebsten einen Stift rausgeholt hätte, um sie mitzuschreiben. Jedenfalls höre er jetzt trotzdem auf zu trinken, sagte er, und ich machte spontan mit. Zwei Männer im Prenzlauer Berg. Ich hätte ahnen können, dass wir bereits Teil einer Bewegung waren. Ich habe das in der Kolumne einer Stern-Kollegin gelesen. Sie schreibt, man nennt es Drynuary beziehungsweise Janupause.
Es ist ernüchternd, dass alles, was man ausprobiert, bereits ein Trend ist. Würde ich mit Herbstbeginn anfangen, drei Bier zum Frühstück zu trinken, wäre kein Zeitgeistkolumnist überrascht, fürchte ich.
Bier im Herbst zum Frühstück?
Gibt’s schon. Man nennt das Septembier. Oktobier. Novembier.
Am Wochenende habe ich in der Süddeutschen Zeitung gelesen, dass Spitzenrestaurants jetzt nichtalkoholische Getränkefolgen zu den Essengängen anbieten, weil ihre Gäste nichts mehr trinken. Pflaumensaft mit Limette und Rosmarin zum Hauptgang, Apfelsaft mit Liebstöckel und Muskatnuss zur Vorsuppe, Rhabarbersaft mit Fenchel zum Dessert und so weiter. Sie nennen es „alkoholfreie Begleitung zum Essen“. Im Text sagt ein Barkeeper aus München: Ein Zweigelt ist eben nur ein Zweigelt.
Alkoholfreie Begleitung. Der Trend kommt meinem momentanen Trinkverhalten entgegen, ich hasse ihn trotzdem. Je fantasievoller die Mixgetränke werden, desto mehr merkt man, dass ihnen der Alkohol fehlt. Am allermeisten nervt mich am Nichttrinken die Apfelschorle. Die Rhabarberschorle. Der Holunderblütensirup beziehungsweise die Limette im Wasser.
Einen Tee, bitte.
Welchen willst du denn?
Welchen habt ihr denn?
Weiß? Schwarz? Grün? Kräuter?
Von da ist es nicht mehr weit bis zu Wasserkochern mit Temperaturanzeige und Waschritualen für dreißig Jahre alten, gepressten chinesischen Grüntee, der aussieht wie getrocknete Kuhscheiße. Und am Ende wird man nicht mal besoffen.
Es war kurz vor zwei. Noch ein letztes Wasser. Und dann noch ein allerletztes. Mir fielen plötzlich jede Menge Saufgeschichten ein. Ich bin früher im Vollrausch gern an Hochhausfassaden entlanggeklettert, von Balkon zu Balkon, obwohl ich Höhenangst habe, nüchtern. Ich habe vor vielen Jahren nach Bier und Schnaps in der Erfurter Fußgängerzone einmal einen Mann mit einem Sportwagen verfolgt, der Stunden zuvor meinen Kumpel, der hinten auf dem Notsitz schlief, blöd angequatscht hatte. Ich bin, Mitte der Achtzigerjahre, sturzbetrunken in einem vergifteten Leipziger Stadtteich schwimmen gewesen, man nannte ihn den „Silbersee“. Ich habe, um die Jahrtausendwende, beim Kartenspielen mal 5 000 Mark verloren, weil ich zu betrunken war, meine Karten zu erkennen. Ich hätte bezahlt, wenn einer meiner Freunde sich nicht geweigert hätte, das Geld anzunehmen. Ich habe als Student nach etwa fünf großen Vormittagsbieren − ich hatte überraschenderweise die Prüfung in Politischer Ökonomie bestanden − in einem verlassenen Nebenraum eines Leipziger Restaurants die Kompottschalen einer gedeckten Festtafel leer gegessen. Eine nach der anderen. Als ich in der Mitte angekommen war, überraschte mich ein Kellner. Er warf Kompottschalen nach mir, dickes Glas, ich begann heftig zu bluten, spürte aber keinen Schmerz. Ich war jung und betrunken, außerdem hatte ich gerade die politische Ökonomie bezwungen. Ich lief, eine breite Blutspur hinterlassend, durch die Leipziger Innenstadt, betrat eine Apotheke, dann wurde es dunkel. Ich kann mich wieder daran erinnern, dass mich ein Arzt fragte, woher die Glassplitter stammen, die er aus meinem Körper operiert hatte. Er zeigte mir einen, der die Größe und die Form eines Tigerzahns hatte.
Ich habe viele Frauen kennengelernt, weil ich betrunken war und viele auch nicht, weil ich betrunken war.
„Guck mal, Leonardo DiCaprio“, sagte mein Freund.
Wir saßen seit dreieinhalb Stunden in der Bar. Der Bildschirm, der unentwegt dieselben Filmimages zeigt, hing etwa zweieinhalb Meter von unseren Köpfen entfernt. Leonardo DiCaprio und sein Champagnerglas aus The Great Gatsby waren bestimmt zum fünfzigsten Mal zu sehen, aber jetzt bemerkte es auch mein Freund. Natürlich liegt das nicht nur am Alkohol, aber auch. Wenn man nicht trinkt, bemerkt man Sachen. Man sieht nicht mehr, man sieht anders. Erstmal natürlich, wie viel alle andere trinken. Unentwegt wird getrunken. Überall. Ständig wiederhole ich: Nee, ich nicht. Weißte doch. Oft mehrfach an einem Abend. Nee, immer noch nicht. Nee, auch nicht zur Feier des Tages. Man merkt zweitens: Es gibt eigentlich immer eine Feier des Tages. Oder eine Katastrophe. Nie hat man Alkohol so gebraucht wie zurzeit.
Die Welt geht unter?
Prost!
Trump, Breitscheidplatz, Höcke, Martin Schulz, der Januar, der Februar, der März, das Zeitungssterben. Darauf einen Dujardin. Ich weiß, es ist alles scheiße, aber ich bleib beim Wasser. Ich habe viele Freunde bei der Berliner Zeitung, die jetzt entweder weitermachen oder aufhören. Auf beides kann man trinken.
Die dritte Sache, die man schnell mitbekommt, ist, dass sich mit dem Alkoholgenuss die Gesprächsdramaturgie verändert. Der Trinker kann Dinge drei oder viermal erzählen, er kann blitzschnell das Thema und die Stimmung wechseln, er kann sehr unwahrscheinliche Dinge behaupten. Deswegen trinken Filmleute gern viel. Journalisten auch. Alle Pläne gehen plötzlich auf. Wir drehen eine Miniserie. Wir gründen eine Schreibwerkstatt. Wir mieten eine Fabriketage. Kisch-Preis. Bundesfilmpreis. Wenderoman. Netflix will doch genau sowas. Nicht so verkopft. Nicht so deutsch. Großer Stoff. Episch. Mach noch mal zwei!
Vor kurzem war ich auf einer Journalisten-Geburtstagsfeier in einer Bar in Mitte. Es gab alle Mixgetränke umsonst. Wenn Schnaps getrunken wird, entfernen sich die Leute, mit denen ich rede, viel schneller von mir als beim Bier. Biertrinker schlendern von mir weg, Schnapstrinker wirbeln davon, als habe man sie mit dem Gummiband weggeschnippt. Ich kenne das natürlich. Das Gefühl nach dem ersten Gin Tonic ist unbeschreiblich, man jagt ihm dem ganzen Abend hinterher, obwohl man weiß, dass es nie zurückkommt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schnaps löst auch die guten Vorsätze schneller auf, als, sagen wir, Wein. Es ist toll zu beobachten, wie sich die Trinkgeschwindigkeit deiner Tischgäste am Abend verändert, meist erhöht sie sich. Bis der Punkt erreicht ist, an dem einem morgen egal ist. Ein durchaus beneidenswerter Zustand.
Als Nichttrinker unter Trinkern wird man automatisch zu einer Art Dokumentarfilmer, ein Persönlichkeitsveränderungserforscher, die Menschen mit den Gläsern werden Laborratten. Es ist eine moralische Herausforderung, ähnlich wie mein Beruf. Man muss es aushalten können.
Irgendwann stand ich mit einer Frau an der Bar, die mich darüber informierte, dass es ihr viel leichter falle, Menschen anzusprechen, wenn sie nicht über sie schreiben müsse. Es sei eine kontraproduktive Eigenschaft, denn sie sei Boulevardjournalistin. Ich sagte, bei mir sei es eher umgekehrt. Mein Beruf treibe mich aus der Isolation. Sie sah mich an, rauchte, trank, es war nicht klar, ob sie darüber nachdachte, was ich gesagt hatte. Es entstand eine lange Pause. Ich glaube, sie hat das nicht so empfunden. Die Party um uns herum summte ja. Es war lange nach Mitternacht, wir standen auf verschiedenen Planeten. Irgendwann kam glücklicherweise ein Mann dazu, offenbar ihr Freund. Ebenfalls ein Reporter, wenn auch nicht im Boulevardbereich. Er küsste die Frau lange auf den Mund. Sie waren ein tolles Paar, beide sehr betrunken.
Dann sah er mich an. Stumm. Nicht unfreundlich. Aber stumm. Ich erzählte in die Pause hinein, die es nur in meinem nüchternen Kopf gab, dass wir gerade darüber geredet hatten, wie unterschiedlich wir an fremde Menschen herantreten. Mein Beruf als Reporter sei eine Möglichkeit für mich, die Zelle meiner Schüchternheit zu verlassen.
Der Mann sagte, wenn er kein Journalist wäre, würde er mit überhaupt niemandem reden. Außer vielleicht mit Barkeepern. Ich dachte, dass sich nun eine Diskussion über die Abgründe unseres Berufes ergeben würde, aber stattdessen begannen sich die beiden ansatzlos darüber zu streiten, ob Madonna cool oder eine bedauernswerte, verachtenswerte Frau ist, die nicht in Würde altern kann. Sie war der Meinung, Madonna sei das Allerletzte, er fand das nicht. Wobei er, glaube ich, keine richtige Meinung zu Madonna hatte. Er hielt einfach dagegen. Ich kenne das aus vielen Alkoholgesprächen, man klammert sich an eine Meinung wie an einen Rettungsring, man kann ja prinzipiell jede Meinung verteidigen. Sie sagte, cool sei Kate Moss, die einen Frauenbauch habe und einen hängenden Arsch. Einen hängenden Arsch habe ich auch, sagt er. Dann küssten sie sich wieder ausdauernd.
Ich bewegte mich langsam weg, stellte mich irgendwo anders dazu und nahm noch ein Wasser. Als ich anderthalb Stunden später ging, küsste mich der scheue Reporterkollege auf den Mund. Er sagte: „Mach’s gut, Osang, du, du, du Name, du“. In diesem Moment beneidete ich ihn um seinen Rausch.
Sicher, ich konnte meine Frau nach Hause fahren. Der späte Kavalier, the Driver, der Name, die leeren Berliner Straßen, der Gedanke an einen katerlosen Morgen, gut und schön, aber das Lächeln meiner Frau auf dem Beifahrersitz hatte ich natürlich nicht.
Ich spiele mit. Ich gehe oft aus. Ich bin nicht schlecht gelaunt. Leute bescheinigen mir, dass man „gar nichts merkt“. Ein Kollege sagte neulich nach einem langen, exzellenten Abendessen, während er die Flasche mit dem Birnengeist entkorkte: „Du redest genauso viel wie immer.“ Ich will auch nicht früher gehen. Ich langweile mich nicht. Aber ich fühle, dass ich nicht dazu gehöre. Ich spüre, dass ich Abende auf ihre Zweckmäßigkeit prüfe. Abendessen sind okay, aber die Kneipenbesuche mit Kumpels haben keinen richtigen Kern mehr. Wir haben ja eigentlich nichts zu besprechen. Wir segeln ein bisschen herum. Fußball, Fernsehen, Filme, Frauen. Projekte. Man guckt um zwölf auf die Uhr, alles gut, aber beim nächsten Mal ist es plötzlich kurz vor drei.
Das Verlorengehen vermisse ich. The lost hours.
Vor zwei Wochen gingen meine Frau und ich mit einem Freund und einer Freundin essen. Als es ans Weinbestellen ging, sagte der Freund mitten ins Nehmen-wir-gleich-ne-Flasche-Geplänkel hinein: „Ich trinke ja nicht mehr, aber ich geh nachher raus einen Joint rauchen.“ Die Selbstverständlichkeit, mit der er das aussprach, deutete darauf hin, dass es nicht der erste war. Kurzer Pupillen-Check. Richtig. Ich sagte, ohne nachzudenken: Da komme ich mit. Frei nach dem Motto der deutschen Country-Band Truck Stop:
Nein danke, ich sauf nicht mehr,
War gar nicht schwer,
Ich rauch’ jetzt mehr.
Ich hatte in den letzten Wochen immer mal darüber nachgedacht, ob Marihuana vielleicht die Löcher in meinem Leben stopfen könnte, vorübergehend. Es ist als Arznei zugelassen. Ich bin aus dem Alter raus, in der es Schaden am Gehirn anrichten kann. Ich habe kaum Erfahrung mit Drogen, weil ich als Ostdeutscher immer davon ausging, dass man nach dem ersten Joint praktisch mit einem Bein auf dem Drogenstrich steht. Ich habe vor zwei Jahren interessehalber einen Headshop in Colorado besucht, der einen guten Eindruck auf mich machte. Ich las in einem Guardian-Interview mit dem Kriminalschriftsteller Lee Child, dass der keinen Alkohol trinke, aber immer mal Joints rauche, um seine Gedanken zu entwirren. Ich habe daraufhin einen seiner Kriminalromane gelesen und kann sagen: Die Handlung ist superklar, sehr geradeaus.
Wir saßen also auf der Winsstraße und rauchten einen Joint. Passanten lächelten uns an, vielsagend. Zwei ältere Herren ziehen eine Tüte durch. Wahrscheinlich rief eine besorgte Prenzlauer-Berg-Mutter gerade die Drogenpolizei. Aber das war nicht das Problem. Es war vielmehr so, dass ich, wieder im Restaurant, Schwierigkeiten hatte, mich am Gespräch zu beteiligen. Ich begann Sätze, wusste in der Mitte nicht mehr, wie ich sie angefangen hatte und wie es von hier aus weitergehen sollte. Ich redete dem Klang meiner Wörter hinterher. Mein Kopf war leer. Das Seltsame war: Es fiel nicht auf. Meine Frau sagt, ich habe ihr an dem Abend ganz gut gefallen. Ich hätte sie nicht so oft unterbrochen.
Ich saß am Tisch wie jemand der unter Locked-in-Syndrom leidet. Eingesperrt in meinen eigenen Körper. Krank. Jemand, der mit Drogen ruhig gestellt wird. Wie McMurphy in „Einer flog über das Kuckucksnest“. Unfähig, angemessen auf all die Vernunft zu reagieren. Ein Beispiel immerhin. Dafür, dass es noch schlimmer kommen kann.
Man wird an den langen Winterabenden als Nichttrinker schnell zu einer Art Phänomen, einer Talkshow-Figur, ein Anstoß für Gespräche, die um den Geist in der Flasche kreisen. In meiner Gegenwart kann man prima und unbesorgt über den eigenen Alkoholkonsum philosophieren: Ich könnte das ja nicht, völlig auf meinen Wein verzichten. Zum Essen. Zwei Gläser am Abend, maximal drei. Aber guter. Menschen, die Rotwein trinken, leben sogar länger als Abstinenzler. Hat man festgestellt. Neue Studie. Rotwein als Krebskiller.
Wieso machst du das eigentlich?
Ich habe wirklich schon überlegt, das ultimative Argument vorzubringen: Nein danke, kein Wein für mich. Ich bin Alkoholiker.
Dann hat man Ruhe.
Aber es wird schwierig, weil das Allerbeste an meinem Verzicht ist, dass er ein Ende hat. Ich habe einen Kollegen, der jahrelang erzählte, er sei trockener Alkoholiker. Er besuchte auch AA-Meetings. Vor drei Jahren traf ich ihn bei der Buchmesse in Frankfurt mit einem Schoppen Weißwein in der Hand. Was soll man dazu sagen? Huch, ich dachte, du bist Alkoholiker? Er sah nicht aus wie jemand, der die Kontrolle über sich verloren hatte. Er sah aus wie jemand, der vorübergehend aufgehört hatte zu trinken und irgendwann, nach dem er einmal zu viel gefragt worden war, was das soll, die Nerven verloren hatte. Dann sitzt man in der Falle.
Die Fastenzeit erlöst mich und meine Umwelt jetzt. Die Dialoge gehen nun so:
„Für mich Wasser.“
„Fastest du?“
„Mmmhh.“
„Hab ich mir gedacht. Gute Sache.“
Ich kenne es aus dem letzten Jahr. Vierzig Tage kann man mit höherem Beistand Nichttrinken. Ostern wirkt dann wie eine Erlösung, aber auch wie eine Kapitulation. Voriges Jahr war ich in Kroatien, als das erste Bier des Jahres eintraf. Wir saßen mit Freunden in einer verlassenen Kneipe, Vorsaison. Ich vermisste eigentlich nichts. Aber ich hatte keine Kraft mehr. Es war genauso zufällig wie der Anfang. Es war einfach wieder soweit.
Wir verließen das Central und traten raus auf die Straße. Es war kalt, es war spät, mein Freund fummelte an seinem Fahrradschloss herum. Mein Auto stand eine Straße weiter. Im Parkverbot. Ich hatte meine Pressekarte vorn ins Fenster gelegt. Ich war ja gewissermaßen auf Recherche hier. Ich dachte an den Kaffee morgen früh, die schärfste Droge meines Lebens. Und ich hoffte, dass ich endlich mal in eine Alkoholkontrolle gerate. Damit alles einen Sinn hat.
Am Ende werde ich in Bogota sein. Bogota, Kolumbien. Ich hole meine Tochter aus Bolivien ab, wo sie ein soziales Jahr in einem Heim für traumatisierte junge Frauen macht. Wir reisen ein paar Wochen durch Südamerika. Sie hat alles geplant. „Ostern feiern wir in Bogota“, hat sie mir geschrieben.
Es ist dann doch ein religiöser Bogen. Das Heim, in dem sie hilft, ist katholisch. Wie ich. Ich könnte an Gott denken, wenn ich an Bogota denke. Ich könnte an viele Sachen denken, wenn ich an Bogota denke. An die Netflix-Serie Narcos. An die Dusche, durch die Pablo Escobar floh. An das Ende des Guerillakrieges. An die Schnappschüsse, die meine Spiegel-Kollegen im kolumbianischen Guerillacamp mit Kalaschnikows zeigen.
Ich denke aber vor allem an eine Sache, wenn ich an Bogota denke.
Ein Bier. Ein kühles.
Alexander Osang liest am Dienstag, den 7. März, um 20 Uhr im Prater aus Texten über Fußball, Handwerk, Nazis und andere deutsche Themen. Karten unter: 030-5577-5252 und an allen Vorverkaufskassen.
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