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Alkoholsucht: Wie eine Mutter während des Lockdowns alkoholabhängig wurde

Alkohol gehört zu den häufigsten Suchtmitteln in Deutschland. Eine Frau berichtet, wie der Lockdown ihre Abhängigkeit verstärkt hat.

Stefanie Unbehauen
11 Min
„Man vergiftet seinen Körper Stück für Stück und hat keine Kraft mehr für den Alltag.“

„Man vergiftet seinen Körper Stück für Stück und hat keine Kraft mehr für den Alltag.“

© Igor Stevanovic/imago

Für Sarah Krämer* bedeutete der Lockdown vor allem eins: Stress. Es fiel ihr schwer, den Alltag rund um Homeoffice, Haushalt und Kinder zu organisieren. „Besonders für arbeitende Mütter war die Pandemiezeit eine Herausforderung“, sagt die Sekretärin, die anonym bleiben möchte.

Um der Belastung gerecht zu werden, trank sie nachmittags eine Weißweinschorle. „Das war immer meine Ausrede. Es ist doch nur eine Schorle, ich mische sie ja mit Wasser“, sagt die 44-Jährige. Doch es blieb nie bei einem Glas. Kurz nach Beginn des Lockdowns trank sie eine Flasche Wein pro Tag. „Ich dachte mir: Ich habe mir das verdient. Ich arbeite, kümmere mich um den Haushalt und die Kinder. Da darf ich mir auch mal etwas gönnen.“ Für sie sei der Alkohol zu einem Anker während des Lockdowns geworden. Ohne ihn auszukommen, erschien ihr irgendwann unmöglich.

„Das Homeoffice hat meine Sucht befeuert“

Doch je mehr sie trank, umso mehr verlor sie die Kontrolle. „Ich schaffte es morgens kaum aus dem Bett“, erinnert sie sich. Auch ihre beiden Kinder haben unter ihrem Alkoholkonsum gelitten. „Meine heute siebenjährige Tochter ging damals noch in den Kindergarten. Die Bringzeit von 8.30 Uhr haben wir oft verpasst.“ Ihr mittlerweile 13-jähriger Sohn musste durch ihre Sucht schnell lernen, selbständig zu sein. „Abends legte ich ihm Löffel und Schüssel hin, morgens machte er sich sein Müsli, weil ich nicht aufstehen konnte.“

Lange Zeit wollte sie nicht wahrhaben, dass sie ein Problem hat. „Sobald ich am Schreibtisch saß, ging es wieder.“ Während des Lockdowns hat sie 25 Stunden pro Woche gearbeitet. Im Büro wäre es aufgefallen, hätte sie tagsüber getrunken oder zu lange geschlafen. Zu Hause jedoch blieb ihr problematisches Trinkverhalten lange unbemerkt. „Das Homeoffice hat meine Sucht befeuert“, sagt sie.

Erste Alkoholvergiftung mit 14 Jahren

Bereits vor dem Lockdown hatte Krämer ein Alkoholproblem. „Ich habe sehr früh mit dem Trinken angefangen“, erinnert sie sich. Im Alter von 14 Jahren erlitt sie ihre erste Alkoholvergiftung. „Ich habe es lange nicht als Problem angesehen.“

Bis sie 30 Jahre alt war, hatte sie mehrere klinische Aufenthalte hinter sich. Immer nur über Nacht zur Beobachtung. Danach war sie bis zu einem Jahr lang trocken. „Ich wollte mir selbst und meiner Familie beweisen, dass ich kein Problem habe.“

Einmal im Jahr hatte sie einen großen Absturz. So auch nach ihrer Trennung vor sechs Jahren. „Das war eine schwierige Zeit für mich.“ Sie machte eine Therapie. Während ihre Kinder die Hälfte der Ferien bei ihrem Vater verbrachten, verabredete sie sich mit Freunden. Doch der Abend endete in einem Absturz. „Du planst so etwas nicht. Du willst nur ausgehen und feiern. Doch am Ende landest du doch wieder im Krankenhaus.“

Ein halber Liter Bier oder ein kleines Glas Wein oder Sekt entsprechen in etwa 20 Gramm Alkohol.

Ein halber Liter Bier oder ein kleines Glas Wein oder Sekt entsprechen in etwa 20 Gramm Alkohol.

© Thomas Trutschel/imago

Ein Satz ihres Sohnes löste in ihr ein Umdenken aus

Ihre drei Schwestern, Eltern und Freunde zeigten sich besorgt und sprachen sie auf ihren problematischen Alkoholkonsum an. Sie reagierte wütend. „Ich fühlte mich angegriffen. Nur weil ich geschieden und Mutter bin, darf ich jetzt nicht mehr feiern gehen?“

Ihre Therapeutin, zu der sie drei Jahre lang ging, bestärkte sie in ihrer Denkweise. „Sie sagte zu mir: Wie spießig sind die denn? Trinken die denn nie über den Durst?“ Heute sei sie schockiert über die Worte ihrer Therapeutin. „Hätte mir jemand Professionelles mit neutralem Blick ins Gewissen geredet, hätte ich mir deutlich früher Hilfe gesucht.“

Ihre beiden Kinder seien eine große Stütze, auch im Haushalt. „Eines Tages sagte mein Sohn beim Wegbringen des Mülls: Mama, kannst du bitte mal weniger trinken? Das Altglas ist schon wieder voll“, erinnert sie sich. Das war ein paar Monate vor ihrem letzten Absturz.

Alkohol ist das häufigste Suchtmittel

Alkohol gehört neben Nikotin zu den häufigsten Suchtmitteln in Deutschland. Fast acht Millionen Erwachsene haben hierzulande ein riskantes Trinkverhalten. Bei neun Millionen liegt ein problematischer Alkoholkonsum vor. Etwa 1,6 Millionen Deutsche in der Altersgruppe 18 bis 64 Jahre gelten als alkoholabhängig. Das geht aus Zahlen des letzten Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung aus dem Jahr 2019 hervor. Auch bei jungen Menschen ist Alkoholkonsum weit verbreitet: Bei den 18- bis 25-Jährigen gab ein Drittel an, regelmäßig Alkohol zu trinken. Diese Zahl ist seit Jahren konstant.

Dr. med. Peter Heepe, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg, ist oberärztlicher Leiter des Qualifizierten Alkoholentzugs am Krankenhaus Altdorf. Er sieht in der Verharmlosung von Alkohol eine große Gefahr. „Der Genuss von alkoholischen Getränken ist in unserer Gesellschaft kulturell akzeptiert und bei bestimmten geselligen Anlässen wie Geburtstagen, Jahreswechseln, Jubiläen oft eine Selbstverständlichkeit“, sagt Heepe.

Dabei bestehe die Erwartung, den Alkoholkonsum jederzeit willentlich kontrollieren zu können. „Die Alkoholkrankheit hingegen, die unter anderem gerade durch den Verlust dieser Kontrolle gekennzeichnet ist, wird stigmatisiert.“ Sie werde häufig gar nicht als Krankheit wahrgenommen, sondern mit negativen persönlichen Eigenschaften wie Willensschwäche oder Haltlosigkeit belegt.

Die Unterscheidung eines unbedenklichen Alkoholkonsums von einem problematischen sei nicht immer einfach. „Grundsätzlich ist Vorsicht geboten, wenn der Konsum nicht mehr ausschließlich dem Genuss dient, sondern eine andere Funktion übernimmt“, sagt Heepe. Das könne sein, nach einem anstrengenden Tag abzuschalten, zur Ruhe zu kommen oder nicht mehr über Probleme nachdenken zu müssen.

Als Warnsignale gelten Rückmeldungen von Angehörigen, eine verminderte berufliche Leistungsfähigkeit oder Änderungen von Lebensgewohnheiten, wie das Vernachlässigen von Hobbys oder ein sozialer Rückzug.

Auf die Trinkmenge bezogen gehen Experten von einem riskanten Alkoholkonsum aus, wenn Männer regelmäßig mehr als 24 Gramm Alkohol täglich konsumieren. Bei Frauen liegt die Grenze bei zwölf. Zur Veranschaulichung: Ein halber Liter Bier oder ein kleines Glas Wein oder Sekt entsprechen in etwa 20 Gramm Alkohol. „Bei einem Konsum dieser Größenordnung ist langfristig von einem deutlich erhöhten Risiko für gesundheitliche Folgeschäden auszugehen“, stellt Heepe klar.

Zu möglichen Folgeschäden zählen Erkrankungen wie Leberzirrhose, Fettleber sowie Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und der Magenschleimhaut. Auch neurologische Folgen wie Störungen der Sensibilität und der Motorik sowie Schädigungen des Zentralnervensystems können auftreten. Als typische psychiatrische Begleiterkrankungen gelten Depressionen, Angst- sowie Persönlichkeitsstörungen. „Darüber hinaus treten gravierende soziale Folgeschäden auf: Partnerbeziehungen zerbrechen, Kinder gehen auf Distanz, es kommt zum Verlust des Führerscheins, des Arbeitsplatzes oder der Wohnung“, erklärt der Psychiater.

Die Situation habe sich für viele während der Pandemiezeit verschlechtert. „Insbesondere während der Lockdowns hatten Betroffene deutlich weniger Kontakt zum Hilfesystem.“ Die Angebote von Ambulanzen und Beratungsstellen waren zumeist auf Online-Kontakte beschränkt, viele Betroffene scheuten die Klinikaufnahme zur Entgiftung aus Angst vor Ansteckung. Aufgrund von Covid-Ausbrüchen mussten auch des Öfteren stationäre Behandlungsangebote vorübergehend geschlossen werden.

„Diese Einschränkungen in der Versorgung in Kombination mit der sozialen Isolation führten insbesondere bei vielen schon zuvor gefährdeten Menschen zu einer Zunahme des Alkoholkonsums, wie verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigten“, sagt Heepe.

Gesundheitlich besonders gefährdet seien Menschen, bei denen die Alkoholkrankheit über viele Jahre sozial unauffällig verlaufe. „Grundsätzlich ist die Prognose umso günstiger, je früher therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird“, betont Heepe.

„Ich dachte, ich überlebe das nicht“

Krämers letzter Absturz war Weihnachten 2021. Die erste Ferienwoche waren die Kinder bei ihrem Vater. „Ich war allein. Meine drei Schwestern feierten mit ihren Familien und zu meinen Eltern wollte ich nicht.“ Also schloss sie sich mit einer Freundin zusammen, die gerade eine Trennung durchmachte. Doch der Abend endete in einem Absturz, der schlimmer war als die vielen zuvor. „Ich dachte, ich überlebe das nicht.“ Sie weinte viel, hatte körperliche Schmerzen, übergab sich ununterbrochen. „Es war die Hölle.“

Sie wusste, dass sie etwas ändern muss, und erinnerte sich an eine Begegnung auf einem Schulfest ihres Sohnes vor einigen Jahren. Dort hatte ihr eine Mutter erzählt, dass sie eine trockene Alkoholikerin ist. „Ich war damals total beeindruckt und dachte mir noch: Das könnte ich nicht. Ich brauche Alkohol in meinem Leben.“

Nach ihrem letzten Absturz beschloss sie, die Frau anzurufen. „Beim Telefonieren kamen mir die Tränen.“ Die Frau schlug vor, mit ihr gemeinsam spontan ein Treffen der Anonymen Alkoholiker zu besuchen, das abends um 19 Uhr stattfand. „Meine erste Antwort war: Ich kann nicht, meine Haare sind nicht gewaschen.“ Die andere Frau reagierte: „Wenn du nicht einsiehst, dass du ein Problem hast, macht das keinen Sinn.“ Sie bot ihr jedoch an, sich wieder zu melden, sobald sie dazu bereit sei.

„Ich stelle mich dann selbstbewusst hin und sage: Ich bin eine trockene Alkoholikerin.“

„Ich stelle mich dann selbstbewusst hin und sage: Ich bin eine trockene Alkoholikerin.“

© Thomas Trutschel/imago

Die Treffen der Anonymen Alkoholiker waren ihre Rettung

„Ich merkte dann selbst, dass meine fettigen Haare eine faule Ausrede waren.“ Sie verabredeten sich und gingen zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, kurz AA, in München. „Ich war total überrascht, wie normal die Menschen dort aussehen“, sagt sie und lacht. „Ich rechnete mit Verwahrlosten, die ihr Leben nicht im Griff haben, aber die Leute dort waren alle sehr gepflegt und sympathisch. Da waren Akademiker, Familienväter, Rentner.“

Inmitten des kleinen Raums stand ein quadratischer, großer Tisch, auf dem eine Kerze hell leuchtete. Drum herum waren zehn Stühle. Vier Frauen und sechs Männer allen Alters saßen dort. Weitere Teilnehmer waren online zugeschaltet. „Ich fühlte mich sofort aufgehoben und gehalten.“

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Seit 20 Monaten geht sie zu den Treffen. Seitdem habe sie keinen Tropfen Alkohol angerührt. „Die ersten 90 Tage waren die schwersten.“ Die Meetings helfen auch gegen Einsamkeit. „Es gibt verschiedene Untergruppen, in denen zum Beispiel nur Frauen sind. Dadurch kann man sich über Sorgen und Erfahrungen austauschen und fühlt sich verstanden.“ Denn oft seien es die darunterliegenden Probleme, die zur Alkoholabhängigkeit führen. Unverarbeitete Traumata aus der Kindheit, Stress auf der Arbeit, Geldnöte oder Trennungen. Der Alkohol sei oft nur ein Mittel zum Zweck.

Jedem neuen Mitglied wird ein „Sponsor“ zugeteilt. Das ist ein Mentor, der schon länger dabei ist. Ihre Sponsorin ist eine Rentnerin, die schon lange abstinent lebt. „Daraus ist eine gute Freundschaft entstanden“, sagt Krämer, die mittlerweile selbst Sponsorin einer jungen Frau ist. „Es ist toll, mit anzusehen, wie sie an sich wächst und selbstbewusster wird.“

Krämers Familie und Freunde reagierten erleichtert, als sie ihnen mitteilte, dass sie trocken sei. „Mein Vater ist selbst Alkoholiker. Er sagt zwar, er sei nun schon zu alt, um aufzuhören, freut sich aber dennoch darüber, dass ich es eingesehen habe.“ Auch Kolleginnen wissen inzwischen von ihrer Sucht. „Seitdem ich trocken bin, kann ich offener darüber reden.“ Sie betrachte nun den Umgang mit Alkohol mit anderen Augen. „Auf Dorffesten lassen Eltern ihre Kinder am Bierkrug trinken. Alkohol ist in unserer Gesellschaft zu sehr verharmlost.“

Sie weiß es heute besser. „Man vergiftet seinen Körper Stück für Stück und hat keine Kraft mehr für den Alltag.“ Sie habe nun mehr Lebensfreude, mehr Energie. Der Alkohol hatte eine Starre in ihr verursacht. „Wenn du den Alkohol loslässt, bist du wieder du selbst.“

Denn Alkohol ist eine Art der Selbstzerstörung. „Das wollte ich lange nicht wahrhaben. Ich dachte mir: wieso Selbstzerstörung? Ich will mich doch nicht umbringen.“ Doch je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr realisierte sie, dass sie genau das tat: sich selbst in kleinen Raten zu zerstören.

Heute hat sie für sich Wege gefunden, um mit der Sucht umzugehen

Bei Krämer war Stress der Auslöser ihrer Erkrankung. „Jeder fordert etwas von mir: der Ex, die Kinder, die Familie, der Chef. Ich hatte so oft den Gedanken: Ich kann nicht mehr.“ Sie habe neue Wege gefunden, mit dem Stress des Alltags umzugehen. Jedes zweite Wochenende und in den Ferien, wenn die Kinder bei ihrem Vater sind, nehme sie sich Zeit für sich. Das sei für sie eine große Entlastung. „Dadurch kann ich Hobbys nachgehen und mich mit meinen eigenen Problemen auseinandersetzen, statt sie zu unterdrücken.“

Heute reagiere sie gelassen, wenn ihr auf Partys ein Glas angeboten wird. „Ich stelle mich dann selbstbewusst hin und sage: Ich bin eine trockene Alkoholikerin.“ Sie sei stolz darauf, den Alkohol aus ihrem Leben verbannt zu haben.

Stefanie Unbehauen ist 27 Jahre alt. Sie hat Wirtschaftswissenschaften sowie Wirtschafts- und Politikjournalismus studiert und schreibt vorwiegend für das Ressort Gesellschaft.

*Der Name der Protagonistin wurde geändert.

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