Es ist ein Kommen und Gehen, ein Hin und Her, der eine lebt, der andere stirbt, "nur die Berge werden eine Zeit lang überdauern, wie die Nächte und das Meer" und am Ende fließen alle Flüsse dann in eben dieses Meer, und das ist "Stille, Stille, Stille". So ähnlich plätschert der Refrain dahin, der - wellenweise - Takt und Ton dieses seltsam eintönigen Theaterabends schlägt. Seltsam, weil das Buch "Allein das Meer", das ihm zu Grunde liegt, geradezu vor Vielfalt birst. Amos Oz nämlich hat 1999 mit "Allein das Meer" eine Art kubistischen Roman gezirkelt, der sich in unzählige Beobachtungssplitter aufsprengt und als eigentliche Handlung das Wechselspiel sich wiederholender und zugleich immer neu und anders sich ereignender Wahrnehmungen in Blick nimmt. Zum Teil wirkt das höchst formalistisch und abstrakt, die Menschen aber, die ihre Leben und Perspektiven dafür liefern, erscheinen umso wahrer.Und weil eine solche innere Bewegung schwer auf die Bühne zu bringen ist, verwundert es nicht, dass der niederländische Regisseur Paul Binnerts, den Amos Oz übrigens selbst für die Theaterbearbeitung seines Sprachkunstwerks erwählt hat, den ganzen Reflexionsrotor auf einen Bruchteil zusammengestrichen hat. Der eingangs zitierte Refrain allerdings gibt erschöpfend Auskunft, wie wenig von der poetischen Kraft und den Denkbewegungen dabei übrig blieb."Komm nach Hause. Allein das Meer trennt uns noch", mahnt der schüchterne Albert über Zeit und Raum hinweg seinen Sohn Rico, der auf der Bühne neben ihm steht, sich aber gerade in den Bergen Tibets aufhält, um dort "das Meer in sich" zu finden. Gemeint ist die richtige Distanz zu seinen Eltern, die ihrerseits in der kleinen, israelischen Küstenstadt Bad Jam sitzen und dort ihren eigenen Abstand suchen zu sich und den Dingen."Allein das Meer" ist wie ein geträumtes Gespräch durch die Lebensalter. Und auch so schmerzlos. Die Bühne nimmt diese traumzeitliche Abkürzung aller Kommunikationswege auf und verschmilzt Tibet mit Alberts Wohnzimmer: In surrealistischer Anmut liegen Felsen auf edler Fußbodentäfelung, dazwischen ein Tisch mit dampfenden Samowaren, Teebeuteln und Geschirr, das in der Pause dem Publikum zur Bedienung offen steht.Im Rückblick war diese Pausenbedienung eigentlich die erfolgreichste Methode, überhaupt einen Nachhall all dieser Einzelmenschenmonologe, die wie Trabanten über einer Teehaus-Mondlandschaft schweben, im Zuschauergemüt anzustoßen. Die Schauspieler beschäftigten sich etwas zu sehr damit, klar und nebengeräuschlos zu sprechen und der Computermusik die Zwischentöne zu überlassen.Überhaupt das Rauschen und das Meer. In der Ausstattung von Peter de Kimpe taucht es als blaue Großleinwand im Hintergrund auf. Im Roman hat es viele Gesichter, ist Ursprung und Sehnsucht, aber vor allem die schimmernde Reflexionsfläche für das wechselnde Licht, in dem die Menschen letztlich die Welt jeden Tag ein bisschen genauer wahrnehmen, auch wenn es ungenauer scheint. Die blinde Wand weiß davon wenig.------------------------------Foto: Ein Gruppenfoto von Einzelmenschen
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