Alles Licht: Pierre Soulages und das ultimative Schwarz

Die GROSSE SCHAU DES KUNSTHERBSTES IM MARtIN-GROPIUS-BAU

Ingeborg Ruthe
4 Min

Schwarz, sagen viele Maler, sei keine Farbe, Schwarz sei ein Zustand, eine Philosophie. "Schwarz ist für mich die Farbe des Lichtes", schwärmt der 90-jährige Pierre Soulages mit entwaffnender Selbstgewissheit. Der schöne alte Mann, ein hoch gewachsener athletischer Typ (einst Rugbyspieler) mit weißem Haar, ist Frankreichs wichtigster lebender Nachkriegsmaler der Abstraktion. Seine Spannkraft und die aktuelle Energie der Bilder strafen das Alter Lügen.Seit 60 Jahren interessiert ihn nur Schwarz. "Ich liebe die Autorität von Schwarz, seinen Ernst, seine Klarheit, seine Radikalität", so Soulages - und seine Bilder in den Sälen des Berliner Martin-Gropius-Baus demonstrieren den Satz wirkmächtig und mit aller Leidenschaft.Soulages' Schwarz ist wahrlich radikal, es strebt nach äußerster Reduktion und Souveränität. Keines der Bilder hat einen Titel, vermerkt sind lediglich Datum, Formatgröße, Technik. Der Maler ist auch in seinem Anspruch absolut: "Ich will erreichen, dass der Gegenstand nur auf sich selbst verweist und nichts anderes. Der Betrachter soll das Gefühl haben, vollkommen allein mit dem Gemälde zu sein, nur darauf konzentriert." Alle 70 Bilder der Schau sind chronologisch angeordnet. So wird die konsequente Entwicklung dieses programmatischen Malstils seit den Vierzigerjahren minutiös deutlich: Spontanes Agieren geht einher mit starkem Formgefühl. Welch ein Gegenpol zum in den Nachkriegsjahren aus den USA nach Europa gekommenen allgewaltigen Trend der geometrischen Abstraktion und des Action Painting a la Barnett Newman und Jackson Pollock.Soulages Berliner Retrospektive beginnt mit den frühen Kohlezeichnungen. Auf damals noch handlichen Bildformaten tendiert schon alles zur Monochromie, sind die Ölfarben, der Teerbrei, die Nussbeize bereits mit breitem Spachtel, gar mit Bürsten und Feuerhaken über die Flächen aus Papier, Holz, Glas und Leinwand gezogen. Saal für Saal wird auf den Formaten, die mit den Jahren ins Riesige wuchsen, das Schwarz noch intensiver, noch radikaler; bisweilen zur reliefhaften Struktur, zu Furchen und Rillen aufgetragen, sodass die Tafeln zuletzt stofflich, ja geradezu körperlich, wie Skulpturen aus schwarzer Masse und durchbrechendem Licht, wirken. Dem gestischen Tempo früher Bilder folgt eine Schwere, die an Formationen eines Steinbruchs, an geborstene Balken und Industriegerüste wie auch an dunkle, feuchte, fette Ackererde denken lässt. Und viele Bilder inszenieren fast religiös den Kontrast von reinem Weiß und ultimativem Schwarz,Als Soulages 1946 nach Paris kam und dort die Freundschaft mit dem deutschen Informel-Maler Hans Hartung (an dessen Werk erinnert soeben das Berliner Kupferstichkabinett) begann, zählte man ihn noch zum Informel, so sehr diese bisweilen wie kalligrafischen, energetisch harten Strukturen freilich aus den wattigen und schlierenden Farbturbulenzen der "École de Paris" herausragten. Soulages Formen haben keine Eleganz, sind eher wie im Schmiedefeuer geformt, ganz verwandt denen des Basken Chillida. Soulages war 35Jahre alt, als er 1955 zur ersten Documenta nach Kassel eingeladen wurde, noch bei zwei weiteren Weltausstellungen in Kassel war er dabei. Dann wurde es still um ihn und andere Maler der École de Paris. Nun hießen Frankreichs Künstlerstars Niki de Saint Phalle und Christian Boltanski. Aber auch sie hatten nur ihre Zeit. Heute verehren die Franzosen Soulages wie einen Nationalheiligen, behängen ihn mit Preisen. Louvre und Centre Pompidou breiten sein Lebenswerk aus, in seiner Geburtsstadt Rodez entsteht ein Soulages-Museum.Im Gropius-Bau ist ein Saal allein der neuen Technik des "outre-noir" ab 1979 gewidmet, dem "Überschwarz". Nun geht es gar nicht mehr um Farbe, sondern nur noch um Licht und Raum. Der Raum, erklärt Soulages vor diesen Tafeln, formiere sich vor dem Bild; der Betrachter solle sich mittendrin fühlen, und so könne plötzlich ein ganz neues Werk entstehen. Es gebe dabei einen Moment des Betrachtens, in dem man die Arbeit erkenne "und im nächsten Moment kann es schon ganz anders sein".-----------------------Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7 (Kreuzbg.) Bis 17. Januar, Mi-Mo 10-20 Uhr, Katalog (Hirmer) 30 Euro.------------------------------Foto: Pierre Soulages vor einem seiner Schwarz-Licht-Bilder im Gropius-Bau

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema