Als eine der allerersten Redaktionen hatten wir die Gelegnheit auf dem Beifahrersitz des neuen Kleinwagens aus Köln ein paar Runden auf einem belgischen Testgelände zu drehen.

Am Ende winkt die Jungfrau

Martin Woldt
5 Min

Die Automobilindustrie beschäftigt ein Heer von zur Verschwiegenheit verpflichteten Entwicklungsingenieuren. Weswegen deren Seelennöte der allgemeinen Öffentlichkeit meist verborgen bleiben. Wie bisher bei Markus Lemmen, der, als er noch bei Ford in der Forschung arbeitete, eines Tages die Aufgabe bekam, für den künftigen Fiesta eine elektro-mechanische Lenkung zu entwickeln. Das muss ein Gefühl gewesen sein, als hätte ihn Osama bin Laden zum Gotteskrieger auserkoren. Erst recht als ihm bei Erfolg nicht mal wenigstens eine Jungfrau versprochen wurde. Die Aufgabe lautete gefährlich lakonisch, dass die neue Lenkung in etwa genauso gut wie die alte hydraulisch unterstützte werden solle. Nun hat sich Ford um das Blechkleid des alten Fiesta vergleichsweise einfache Gedanken gemacht. Die Präzision von Lenkung und Fahrwerk aber, sind Teil des besonderen Rufes der Marke und gelten fremden Entwicklern nicht selten als Maßstab. Hier kennt man sich aus bei Ford und schob, weil ohne Not, das Abenteuer elektrisch unterstützte Lenkung schon eine Weile vor sich her. Der Gedanke an ein Himmelfahrtskommando kam Lemmen, weil die neue Lenkung alle Befehle von einem E-Motor vermittelt an die Räder weiterleitet, der Motor aber träge reagiert. Weshalb man alle denkbaren Verzögerungen elektronisch ausbügeln muss, will man am Steuer wirklich spüren, was auf der Straße passiert. "Der Fahrer soll am Lenkrad sofort merken, wenn sich der Untergrund ändert", beschreibt der Entwickler seinen Ehrgeiz. Ein unter Umständen endloser Abstimmungsprozess . Jetzt da der Job erledigt ist, und Lemmen im Kollegenkreis schon manches Schulterklopfen geerntet hat, steht die Frage nach der Jungfrau wieder im Raum. Klugerweise wird Markus Lemmen damit warten, bis auch der Kunde sein Urteil gesprochen hat, was etwa ab Oktober mit der Markteinführung geschieht.Wir können noch nichts bestätigen oder kritisieren. Wir können uns nur ein wenig an den Augen von Fahrwerksentwickler Wolfgang Helbert orientieren, der uns auf dem Beifahrersitz des neuen Fiesta ein paar Runden über das Ford-Testgelände im belgischen Lommel mitnahm. Und wenn der nicht wegen seiner schauspielerischen Qualitäten der Pilot war, dann sieht die Sache gut aus für unseren Gotteskrieger. Helbert jagte den Fiesta über alle möglichen in Lommel vorhandenen Straßennachbildungen der Welt: deutsche Autobahn, wellige Piste aus Florida, polnischen Knüppeldamm und der Fiesta zeigte sich als wahrer Internationalist. Er kam mit allen zurecht. Helbert hatte sichtlich seinen Spaß, legte sich schneidig in die Kurven, um dann geschmeidig wieder daraus aufzutauchen. Wir insoweit auch, als dass der Fiesta mit dem Steißbein schonend umging, das Geräuschniveau wohl gedämpft an unser Ohr drang und die Sitze uns feste Position boten. Alles wirkte schon so wie eine Segmentklasse drüber. Obwohl der Fiesta körperlich gar nicht so viel zugelegt hat. Lediglich um drei weitere Zentimeter auf 3,95 Meter wuchs der Abstand zwischen den Stoßfängern. Das sind keine Spitzenwerte im Segment. Das Kofferraumvolumen legte auch von 268 auf 295 Liter zu. Und dennoch hat die Kniefreiheit auf der hintere Sitzbank nicht gelitten. Auch das Höhendilemma bei sportlich geschnittenen Dachkurven umgeht das neue Design geschickt. Wer nicht gerade zwei Meter Körperhöhe mitbringt, sollte hinten wenig Schwierigkeiten haben. Die Erhöhung des Daches um fünf Zentimeter auf 1,48 Meter wirken als echter Komfortgewinn. Hauptziel allerdings war nach den Worten von Projektmanager Dieter Schwarz, das Gewicht des Autos deutlich nach unten zu drücken. Ähnlich wie schon beim Mazda 2, mit dem sich der Fiesta die Plattform und einen guten Teil gemeinsamer Basisentwicklung teilte, gelang es, ordentlich abzuspecken. "Wenn wir die Summe aller Einzelmaßnahmen zusammenrechen, kommen wir auf 40 Kilogramm, die das Auto leichter ist", sagt Dieter Schwarz. Das würde man aus der Nähe nicht vermuten. Das neue Design des Fiesta wirkt im Gegenteil muskulöser und prägnanter als das des Vorgängers. Insbesondere das Heck vermittelt einen kraftvollen Eindruck. Gewicht eingespart wurde nach den Worten von Schwarz vor allem durch den Verzicht auf ein Reserverad, leichtere Vorderradaufhängungen und den Einsatz festerer, aber leichterer Stahlteile in der Karosserie. Aber auch Lemmens Lenkung hat einige hundert Gramm beigetragen. Das und die Tatsache, dass hier kein Hydrauliköl mehr unter Druck gehalten werden muss, beziffern den Spritspareffekt der Lenkung auf minus drei Prozent. Das drückt sich besser in den gesunkenen Verbrauchswerten aus. Die erwartete Hauptmotorisierung, ein 1,25 Liter Duratec-Benziner mit 82 PS gibt sich mit 5,7 Litern auf 100 Kilometer zufrieden, im Vorgänger mit 80 PS war das noch ein halber Liter mehr. Mit dem neuen Motor ausgestattet, soll der Fiesta als Dreitürer 12 000 Euro kosten, mit 60 PS 11 250 Euro. Der Diesel beginnt bei 14 500 Euro. Zur Serienausstattung gehören ESP und fünf Airbags. Beim EuroNCAP-Crashtest erwarten die Ford-Leute, fünf Sterne heimzuholen.------------------------------Foto (3): Wie ein Kleinwagen sieht der neue Fiesta eigentlich nicht mehr aus, obwohl er nur um drei Zenitmeter auf 3,95 Meter gewachsen ist. Der Einstiegspreis beträgt 11 250 Euro.Foto (2): Nach nunmehr zwölf Jahren wechselt auch der Kleinstwagen von Ford, der KA, hier erste Bilder, in die nächste Generation. Öffentlich zu sehen ist er erstmals auf dem Pariser Autosalon Anfang Oktober. Verkaufsstart ist Februar 2009.

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