BERLIN, im Dezember. An jenem Tag, da seine Lebensgeschichte reißt, ist Gerhard Dengler achtundzwanzig Jahre alt. Es ist der 28. Januar 1943 in Stalingrad. Noch bevor die eingeschlossene 6. Armee kapituliert, führt Hauptmann Dengler vierhundert Soldaten auf eigene Faust aus dem Kessel in die Gefangenschaft. Denglers Entschluss hätte die abtrünnigen Soldaten das Leben kosten können. Ein benachbarter Kommandeur hatte ein Maschinengewehr in Stellung bringen lassen und gedroht, Überläufer zu erschießen. Was die Sowjets vorhatten, wusste niemand genau. Doch hätte sich Dengler nicht entschlossen, hätten sie womöglich die kommende Nacht nicht überlebt. Nach zwei Monaten im Kessel waren die Männer im Grunde ihres Herzens schon tot.Es kommt der Moment, da Gerhard Dengler sich sein Leben zurechtlegt; sein bürgerliches Leben, das, wie er sagt, im Winter vor sechzig Jahren verbrannt ist. Dengler trägt Sakko und Krawatte. Er ist achtundachtzig Jahre alt und er hat Stil. Er sitzt kerzengerade im Wohnzimmer seines kleinen Reihenhauses im Berliner Stadtteil Pankow; auf dem Esstisch ein Haufen Fotografien. Er wühlt in seinen Erinnerungen. Er sucht diesen jungen Mann, der er einmal war, der ihm so fremd werden sollte. In der Schlacht an der Wolga brach nicht nur sein bisheriges Leben zusammen, sondern auch die Welt, wie er sie kannte. Jenseits von Stalingrad wartete eine neue Welt auf ihn. Als Offizier war er in den Krieg gezogen, als Kommunist kehrt er 1945 nach Deutschland zurück. Dengler macht im Agitationsapparat der SED Karriere. Er wird Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, Chef der Defa-Wochenschau "Der Augenzeuge". 1954 geht er für fünf Jahre als Korrespondent des Neuen Deutschlands nach Bonn. In seinen Artikeln und Kommentaren prangert er die alten Nazis in der Bundesrepublik an. In den sechziger Jahren gibt er das "Braunbuch" über die nationalsozialistischen Verstrickungen der westdeutschen Eliten heraus. Später wird bekannt, dass er selbst seit 1937 als Mitglied der NSDAP geführt wurde. Dengler sagt: "Ich habe von dieser Tatsache erst nach dem Krieg erfahren." Wenn er sagt, "ich habe zwei Leben in einem geführt", dann meint er: nacheinander. Aber wenn er aus seinem einen Leben erzählt, lässt sich das andere nicht ausblenden. In dem Buch "Nazis in der DDR" ist sein Name vermerkt. Er erklärt sich die Sache so: "Alle SA-Kader wurden nach vier Jahren automatisch von der NSDAP übernommen." Dengler war seit 1933 in der SA, ebenfalls automatisch, sagt er, da Mitglieder des Jung-Stahlhelm-Bundes, dem er angehörte, im Zuge der Harzburger Front von der SA übernommen worden seien. Es war ein weiter Weg, der ihn nach Stalingrad geführt hat und zurück - ein deutscher Weg. Gerhard Dengler, Jahrgang 1914, wächst in Eberswalde bei Berlin auf, wo sein Vater als Rektor die Forstakademie leitet. "Mein Vater hatte sich mit der Weimarer Republik nie anfreunden können", sagt Dengler, "er hing doch sehr dem Kaiser nach. Mutter kam aus demokratischem Haus."Dengler zeigt Fotos. Er sieht gut aus, im Schulorchester spielt er die erste Geige. Die Mädchen müssen ihn gemocht haben. "Ja, das war eine schöne Zeit", sagt Dengler und für einen Augenblick kann man in seinem Gesicht den Achtzehnjährigen erkennen. Als die Gymnasiasten beginnen, "sich irgendwie politisch zu artikulieren", tritt Dengler dem Stahlhelm bei, die deutsch-nationale Gesinnung seines Vaters hinterließ Wirkung. Während des Studiums in München geht er in eine schlagende Verbindung, das "Corps Franconia". Dengler will Journalist werden und sein Weg verläuft bisher frei geradeaus. 1935 muss er sein Studium unterbrechen, als er zum Wehrdienst einberufen wird. Auf einem Bild, das ihn als frisch dekorierten Wachtmeister zeigt, sieht er aus wie der Held einer Ufa-Operette. Als wäre alles nicht ernst gemeint. Wieder Student, wechselt Dengler nach Berlin, strebt eine Dissertation im Fach Zeitungswissenschaften an. Zum 1. August 1939 wird er zu einer Reserveübung einberufen. Einen Tag vorher gibt er seine Doktorarbeit ab. "Ich habe mit Hitler um die Wette geschrieben", sagt er. Am 1. September marschiert er in Polen ein. Bald darauf in Frankreich. Zwischendurch hatte er noch seine mündliche Prüfung abgelegt. Doktor Dengler wird Stadtkommandant an der Loire. "Es war ein recht angenehmes Dasein", sagt er. Sein bürgerliches Leben hatte noch keinen Kratzer. Wenn Dengler vom Krieg spricht, dann gleitet er manchmal in den Kommisston ab. Dann ist plötzlich von "reinhauen" die Rede, von "Panzerspitzen" und "Abprotzen". Wie tief dieser Ton sitzt. Am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion will Dengler nicht glauben, dass es gegen die Russen geht, "das waren doch unsere Verbündeten". Er vermutet eher, die Sowjets würden den Deutschen den Durchmarsch bis Bagdad erlauben. Ein paar Wochen darauf sieht er im Scherenfernrohr Moskau. Das ihm unterstellte Musikkorps probt bereits für die Siegesparade.Nach der Niederlage vor Moskau bekommt Dengler seine erste eigene Batterie bei der Artillerie. Er ist stolz darauf und versteht etwas vom Handwerk. Man wird ihm das Deutsche Kreuz in Gold anstecken. Beim Vormarsch auf den Don wird Dengler an der Halsschlagader getroffen. Er soll nach Hause. "Da lag mir gar nichts dran", sagt er. In Kiew lässt er sich tauglich schreiben, um rasch in den Krieg zurückzukehren. War er nicht heilfroh, da rauszukommen? Hatte er keine Angst? "Komisch", sagt er, "hatte ich nicht".Am Nachmittag des 23. August 1942 steht Gerhard Dengler aus Eberswalde an der Finow am Ufer der Wolga. "Es war ein heißer Tag und wir hatten höllischen Durst." Auf den Höhen über dem Fluss entdecken sie ein Melonenfeld. "Wir haben uns da erst mal reingestürzt." Wenige Kilometer südlich von ihnen brennt Stalingrad. "Eine riesige Rauchwolke hing über der Stadt", erinnert sich Dengler, "durch die Thermik hatte sich ein schwarzes Kreuz gebildet". Ein Zeichen, das sie falsch verstehen. "Wir dachten, Stalingrad geht unter." Genau drei Monate darauf, am 22. November 1942, sieht Dengler, wie sich im Rücken der 6. Armee die Rotarmisten umarmen. Der Ring ist geschlossen. 280 000 Soldaten, die für das Hitler-Regime den Weg zu den Ölquellen des Kaspischen Meeres bereiten sollten, sitzen in der Falle. Die Schlacht, in der zwei Millionen Menschen sterben, tritt in ihr Endstadium. Denglers Kampfgruppe, die längst nicht mehr kämpft, wird immer weiter an den Stadtrand von Stalingrad zurückgedrängt. Vor Weihnachten schlüpfen sie in jene Gräben, die die Stalingrader Einwohner einst zu ihrer eigenen Verteidigung ausgehoben hatten. Es herrschen Temperaturen bis zu 50 Grad unter null. Die meisten Soldaten tragen Sommeruniformen. Sie verrecken zu Tausenden.Wer lebt, verliert den Verstand. Oder er setzt seinen Verstand ein. Einer von Denglers Leuten schießt sich in die Schulter. Den Fall von so genannter Selbstverstümmelung müsste der Hauptmann eigentlich vors Kriegsgericht bringen. Dengler bringt den Leutnant Werner Benesch zum Flugplatz Pitomnik, von dem Verwundete ausgeflogen werden, wenn sie Glück haben. Benesch hat Glück. Aus dem Genesungsurlaub schickt er Denglers Eltern einen Brief. Er sei in Sorge um seinen "zutiefst geliebten und verehrten Hauptmann", schreibt der Deutschlehrer Benesch. "Herr Hauptmann war einer der ganz wenigen im Kessel, der stets das Banner des Lebenswillens hochtrug. Beispiellos war besonders seine unermüdliche Aktivität die Männer vor den Gefahren des Stumpfsinns, der Teilnahmslosigkeit, der körperlichen und seelischen Verwahrlosung zu bewahren." Träumt Dengler heute noch von Stalingrad? "Ich träume vom Krieg, von Stalingrad nie. Das ist weg."Als die Russen die Wehrmachtstruppen im Kessel zur Kapitulation auffordern, lehnt deren Kommandierender Friedrich Paulus auf Befehl Hitlers ab. Stalingrad soll in der Erinnerung des deutschen Volkes zu jenem Massengrab werden, das es für die Soldaten bereits ist. "Ab dem 20. Januar haben wir nichts mehr bekommen", sagt Dengler, "nicht mal Brotkrumen". Nachts kauern sie in Iglus, um sich vor dem Eissturm zu schützen. Als einer von ihnen stirbt, sieht Dengler, wie sich andere an ihm zu schaffen machen. "Sie haben Herz, Leber und Nieren rausgenommen und gegessen." Dengler findet Flugblätter mit der Aufforderung zur Kapitulation und fordert seinen Kommandeur auf, sich bei Paulus für die Gefangenschaft einzusetzen. Sein Chef erwidert, er solle es selbst versuchen. Gerhard Dengler erzählt, wie er bis ins Stadtgebiet von Stalingrad vordringt. Im Hauptquartier des Stabes, der sich im Keller eines Kaufhauses eingenistet hat, trifft er auf Friedrich Paulus. Der habe ihm gesagt: "Jetzt ist die schwere Stunde gekommen, wo die Initiative auf die unteren Truppenführer übergeht." Der nächste Tag ist der 28.Januar. Mit einem Flugblatt in der Hand robbt Dengler über die Frontlinie, er ruft das angegebene Losungswort vor sich hin. Welches Wort das war, daran kann er sich nicht erinnern. Mit den Russen handelt Dengler die Modalitäten der Kapitulation aus, dann schleicht er wieder zurück und holt die anderen. Am ersten Tag in Gefangenschaft rechnet er damit, erschossen zu werden. Alle Offiziere werden aussortiert und zu einem Steilhang geführt. Dort werden sie nicht exekutiert, sondern auf Lastwagen verladen und in ein Sonderlager abtransportiert. "In einem Bauernhaus bekamen wir Tee, ein Stück geröstetes Brot und Trockenfisch. Die Russen haben mich nicht erschossen, sondern ihr Brot mit mir geteilt." Diese Erfahrung, für Dengler ist es eine Erweckung, sollte sein weiteres Leben bestimmen. "Ich habe im Kessel Geistliche als Leichenfledderer gesehen, ich habe Ärzte als Mundräuber erlebt." Er hatte seinen Glauben an die Menschheit verloren. In einem russischen Bauernhaus findet er ihn wieder. Die Russen waren auf 91 000 Gefangene nicht vorbereitet. Nur sechstausend von ihnen überleben die Lager. Ruhr und Typhus breiten sich aus. "Am Anfang starben jeden Tag sechstausend Mann", sagt Dengler. Er infiziert sich mit Flecktyphus, leidet an Hungersucht und magert auf vierzig Kilo ab. "Ich hatte mein Gedächtnis verloren, ich wusste nicht mehr, wer ich bin und wie ich heiße. Mein Inneres war ein Nullum." Im Herbst 1943 wird in seinem Lager das Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland verteilt. "Ich fand das ganz vernünftig." Exil-Kommunisten im Auftrag der Partei warben unter den Gefangenen für eine Organisation gegen Hitler. "Als ich mich nach langem Zögern zum Komitee bekannte, ging ein Pfeifkonzert los, meine Kameraden haben mich angespuckt und mein Bett in die Ecke gestellt." Doch Dengler hatte einen Entschluss gefasst und es gab kein Zurück. Er wird auf die Antifa-Schule nach Kransnogorsk geschickt, er erlernt den Marxismus-Leninismus. Am Hauptsitz des Komitees in Lunowo wird er mit der Zeitungs- und Rundfunkarbeit betraut. Seine Beiträge, die er mit Namen und Dienstgrad zeichnet, wirken auf tragische Weise bis nach Deutschland. Dengler wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Seine Eltern geraten in Sippenhaft. Der Vater erschießt sich. Das alles wird Dengler erst nach dem Krieg erfahren. In Lunowo werden die Gefangenen öfter von einem exilierten deutschen Schriftsteller besucht, der sie nach Stalingrad befragt. "Wir haben gesagt, wenn wir keinen Kaffee kriegen, fällt uns gar nichts ein." Es ist Theodor Plievier. Sein 1944 erschienener Roman "Stalingrad" ist die bis heute beeindruckendste belletristische Darstellung des Untergangs der 6. Armee. Dengler meint, das Buch werde überschätzt. Als Dengler im Juli 1945 mit einer Sondermaschine aus Moskau nach Berlin fliegt, ist er davon überzeugt diesmal auf der richtigen Seite zu landen. "Natürlich waren wir Stalinisten", sagt er, "Stalin war der Held für uns. Er hatte uns vor Moskau besiegt und vor Stalingrad." Die letzte Schlacht seines Krieges sollte Dengler noch bevorstehen: Der XX. Parteitag der KPdSU, auf dem die Verbrechen des sowjetischen Diktators benannt wurden. Als Parteifunktionär durfte, besser musste auch Dengler die geheim gehaltenen Passagen in Chrustschows Rede lesen. "Das war mein zweites Stalingrad", sagt er, "zu erfahren, dass Stalin mehr Kommunisten umgebracht hatte als Hitler." Noch einmal hat Gerhard Dengler nicht die Seite gewechselt.Zitat: "In einem Bauernhaus bekamen wir Tee, ein Stück geröstetes Brot und Trockenfisch. Die Russen haben mich nicht erschossen, sondern ihr Brot mit mir geteilt. " Foto: BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Gerhard Dengler, 88 Jahre alt, im Wohnzimmer seines Reihenhauses im Berliner Stadtteil Pankow.
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