Die Musik der Empfindsamkeit, einst als Verlegenheitsstil zwischen Barock und Klassik skeptisch beäugt, erhält dank dicht aufeinanderfolgender Jubiläen wachsende Aufmerksamkeit. Das Konzert der Akademie für Alte Musik mit Werken Carl Philipp Emanuel Bachs, Grauns und Telemanns, das von Montag bis Mittwoch vor dreimal ausverkauftem Kleinen Saal im Konzerthaus stattfand, hätte man so ähnlich auch vor zwei Jahren zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen aufführen können, jetzt steht es eher im Kontext des 300. Geburtstages Carl Philipp Emanuel Bachs. Auf dem Programm stand Musik mit Gambe, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts bereits ein weitgehend vom Violoncello verdrängtes Instrument war. Komponisten einer neuen Zeit bedienen sich eines Instruments der Vergangenheit – und vielleicht war es ein Akt gegen das Vergessen. Denn die Gambe und ihr feiner, sprechender, modulierbarer Ton waren zwar für das ästhetische Programm hinter dem Epochennamen „Empfindsamkeit“ bestens geeignet, weniger indes für den Einsatz als konzertierendes Instrument – sowohl die geringe Tonstärke als auch der introvertierte Klangcharakter forderten einen der damals rar gewordenen hervorragenden Spieler, um gegen ein Orchester zu bestehen.
Einen hervorragenden Spieler hatte die Akademie für Alte Musik mit Vittorio Ghielmi in der Tat eingeladen. Ghielmi setzt sich gegen das Orchester nicht mit Lautstärke, sondern dank seiner überragenden musikalischen Kompetenz durch. Geheimnisvoll wird er zum Gravitationspunkt des Klangs, sei er auch noch so kantig wie im Doppelkonzert a-Moll mit Blockflöte (gespielt von Xenia Löffler) von Telemann: Hier steigt auch aus den härtesten Rhythmen des Umfelds noch eine sanft gekurvte Linie auf und zeigt die Richtung.
Raum und Zeit zum Klingen
Die Höhepunkte des a-Moll-Konzert von Johann Gottlieb Graun markieren die Kadenzen: Hier hat der Solist sich endlich freigespielt von den anderen und darf sich aussingen. Ghielmi spielt zwar so detailreich, dass dem Hörer die formale Übersicht schwer fällt, aber die Details sind stets sprechend, sie leiten den Hörer von einer Empfindung zur anderen, halten ihn in der Schwebe und am expressiven Nerv der Musik.
Die Gambe braucht Raum und Zeit zum Klingen und lässt sich ungern etwas vorschreiben. Auch in den beiden Soli in d-Moll von Carl Friedrich Abel, dem berühmten „letzten großen“ Gambisten lässt sich Ghielmi von Zwängen, wie sie Metrik und Harmonik vorgeben, nicht hetzen und setzt die Anforderungen der ausdrucksvollen Linie spannungsvoll dagegen. Und in Carl Philipp Emanuel Bachs großer Sonate C-Dur mit Continuo folgt man ihm gern in ein Labyrinth, in dem die weichen, tänzerischen und stets originell geschnitten Gesten sich immer wieder verlieren und neu finden, als haschten sie sich in galanten Gärten.
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