Kolumne

Am Ende siegt die Rüstungsindustrie

Lange Zeit haben auch westliche Eliten vom Geschäft mit Russland profitiert. Nun soll alles anders sein.

Mandy Tröger
3 Min
Eine Streetart-Künstlerin vollendet ihr Bild gegen den Krieg in der Ukraine an einer Berliner Mauer.

Eine Streetart-Künstlerin vollendet ihr Bild gegen den Krieg in der Ukraine an einer Berliner Mauer.

© AP/Hannibal Hanschke

„Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte.“ Im Jahr 1933 beschrieb der Berliner Impressionist Max Liebermann so seinen Ekel vor dem Sieges-Fackelzug der Nationalsozialisten. Seither gab es viele Ereignisse in der Weltgeschichte, die zum kotzen anregten. Donald Trump’s Wahlsieg, zum Beispiel. Auch da saßen Schock, Unglauben und Ohnmacht tief.

Und heute? Schreiben wir das Jahr 2022, und es ist Krieg in Europa. Drei Generationen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs rechtfertigt nichts den militärischen Angriff Russlands auf die Ukraine. Oberflächlich geht es um Spannungen zwischen zwei Nachbarländern. Darunter tobt ein Hegemonialkampf zwischen der Nato und Russland. In diesem Machtkampf wiederholen sich Muster: Der Westen unter Führung der USA gibt sich als Wahrer der Rechte des ukrainischen Volkes, Putin spielt sich als Einiger der russischen „Geschichte, Kultur und des geistigen Raums“ auf und dazwischen steht das Wohl der Menschheit. Klima, Gesundheit und Armut.

Gewinnen kann (fast) nur die Rüstungsindustrie. Laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri sitzt die vor allem in den USA. Im Jahr 2019 produzierten fünf US-Konzerne – Lockheed Martin, Boeing, Northrop Grumman, Raytheon und Genereral Dynamics – fast die Hälfte (46 Prozent) der weltweiten Waffen. Ihr Umsatz: 166 Milliarden US-Dollar. Auch in Militärausgaben sind die USA, als Nato-Hauptfinanzier, einsame Spitzenreiter. Im Jahr 2020 gaben sie 778 Milliarden US-Dollar für Militär und Waffen aus. Das war genauso viel, wie die zwölf nachfolgenden Länder zusammen (inklusive Russland mit 61,7 Milliarden US-Dollar). Nichts gibt dieser Rüstungswut mehr scheinbare Legitimation als ein Krieg mit einem „strategischen Rivalen“ der Nato, also China oder Russland. Jetzt ist Krieg, und der US-Führungsanspruch scheint gesichert.

Gleichzeitig verhängen die G7-Staaten Sanktionen gegen Russland; vor allem Oligarchen stehen in ihrem Visier. Einen Teil der russischen Bevölkerung könnte das freuen. Laut der britischen Zeitung Guardian sind Oligarchen „beim Durchschnittsrussen ungefähr so populär wie ein Mann, der müßig 50-Pfund-Bündel vor einem Waisenhaus verbrennt“. Unter den Sanktionen werden vor allem aber die „Durchschnittsrussen“ leiden.

Die Frage bleibt: Warum diese Sanktionen jetzt und nicht schon früher? Die Verzahnung zwischen Putins Politik und „seinen“ Oligarchen ist weder neu, noch überraschend. Sie ist Erbe von Putins Machtaufstieg im postkommunistischen Russland der 1990er-Jahre. Korruption bestimmt den Weg, bis heute.

Auch westliche Eliten haben von dieser Verzahnung profitiert. Beispiel: Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Im Oktober 2005, nur Wochen vor seinem Kanzler-Rücktritt, garantierte die Bundesregierung 1 Milliarde Euro für das Nord-Stream-Projekt, sollte Gazprom das Geld ausgehen. Kurz darauf wurde Schröder Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG. Mittlerweile ist er auch Aufsichtsratschef des Ölriesen Rosneft. Freundschaft mit Putin lohnt sich also.

Jahrelang machten auch andere europäische Ex-Staats- und Regierungschefs ihr Geld in Aufsichtsräten großer russischer Unternehmen. Bis zum Angriff Russlands. Seitdem verlassen sie wie Ratten das sinkende Schiff – außer Schröder. Der bleibt und spielt die Situation herunter. Bei all dieser Heuchelei bräuchte es ein Wettfressen, um genug kotzen zu können.

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