Die lange Wartezeit der Fans des American Football neigt sich dem Ende zu. Am 5. September eröffnen die Denver Broncos und der Meister Baltimore Ravens die neue Saison der National Football League. Die NFL ist ein Milliardengeschäft und ein nationales Heiligtum in den USA. Die US-Sportmedien berichten schon jetzt, in der Preseason, umfassend. Eine Frage wird dabei kaum gestellt: Wie sauber ist die Liga in Sachen Doping?
Gerüchte gibt es viele. Das liegt sowohl an der Natur des harten Spiels als auch an der laxen Testpraxis in der Liga. Der jüngste Dopingskandal in der Major League Baseball um das nette Zusatzgeschäft einer Anti-Aging-Klinik in Miami, in der auch Superstar Alex Rodríguez nach ewiger Jugend strebte, nährt den Glauben an die Kraft des reinen US-Sports auch nicht unbedingt. Und im Football, wo Karrieren auch verletzungsbedingt oft kurz sind, liegt der Doping-Missbrauch näher als im Baseball.
Ende April brachte ein Artikel der in Milwaukee erscheinenden Tageszeitung Journal Sentinel Licht ins Dunkel. Ein anonymer NFL-Spieler erzählte Journalist Tyler Dunn, welches Ausmaß die Verwendung von Wachstumshormonen (HGH) in der Liga angenommen habe. „Das läuft wie geschmiert“, erklärte der Football-Profi, der mit der Praxis durchaus einverstanden ist, und schätzte die Zahl derer, die mit dem in der Liga verbotenen und in den USA verschreibungspflichtigen Stoff bei Muskelwachstum und Fettabbau nachhelfen, auf zehn bis 15 Spieler – pro Team.
Das ist auch deshalb glaubwürdig, weil kein NFL-Spieler befürchten muss, mit HGH-Doping aufzufliegen. Nach der künstlichen Zufuhr von Wachstumshormonen, die der Körper auch selbst herstellt, wird bei den Dopingkontrollen in der Liga nicht gesucht. Das sollte schon seit zwei Jahren anders sein. Die Tarifvereinbarung zwischen der NFL und der Spielergewerkschaft (NFLPA) von 2011 sieht die Einführung von HGH-Tests vor. Doch geschehen ist nichts.
Zur nun anstehenden Spielzeit sollen die Tests endlich eingeführt werden. Doch die Spielervertretung, seit Jahren mit beiden Füßen auf der Bremse, pokert weiter. Sie will den Schritt in die Gegenwart der Dopingbekämpfung zumindest hinauszögern und hintertreibt die von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) gesetzten Standards. Vorige Woche gab die NFLPA ihre „vorläufige Zustimmung“ zu den Bluttests, doch das ist nur eine weitere Nebelkerze. Die Gewerkschaft verlangt eine Studie auf der Basis der HGH-Werte aller Spieler der Liga. Das Ergebnis soll helfen, einen Grenzwert festzulegen. Die NFL-Profis wollen selbst bestimmen, was Doping ist und was nicht.
Als nun die Idee bekannt wurde, 100 ehemalige NFL-Spieler als Referenzgruppe in die Studie einzubinden, von denen zwei Drittel HGH und ein Drittel ein Placebo erhalten sollen, platzte Travis Tygart der Kragen. „Was soll das sein? Halbprofessionelle Chemie? Ein Anfängerbaukasten für HGH-Tests? Das macht wissenschaftlich keinen Sinn. Es erweckt nur den Anschein, dass etwas getan wird“, empörte sich der Chef der US-Antidoping-Agentur (Usada) in der Tageszeitung USA Today.
Verwirrte Richter
Solche Einwände können die Spielerversteher der Profigewerkschaft nicht beeindrucken. Sie verweisen auf ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (Cas) vom März. Der Cas hob damals eine Sperre gegen den estnischen Skilanglauf-Olympiasieger Andrus Veerpalu wegen HGH-Dopings auf. Die Richter argumentierten, die Wada habe bei der Festlegung des Grenzwerts statistische Ausreißer, also Menschen mit natürlich überhöhtem HGH-Wert, unzureichend berücksichtigt. Dass Veerpalus Blutparameter eigentlich keinen Zweifel an dessen Dopingpraxis ließen, fiel da nicht weiter ins Gewicht.
„Die Gegenseite hat es geschafft, die Richter zu verunsichern“, sagt Wilhelm Schänzer, der Leiter des Kölner Dopinganalyse-Labors. Nun müht sich die Wada, einen neuen Grenzwert festzulegen. Der müsse keineswegs großzügiger ausfallen, betont Schänzer, der findet, die Grenze sei „eher noch enger zu ziehen“. Es gehe der Wada darum, den neuen Wert „durch eine größere Datenbasis abzusichern“.
Die National Football League schert das so wenig wie die Tatsache, dass inzwischen eine zweite valide Testmethode für HGH-Doping zur Verfügung steht und bei den Olympischen Spielen 2012 in London auch schon zum Einsatz kam. „Richtig ernst scheinen die es mit dem Antidopingkampf nicht zu nehmen“, argwöhnt Schänzer.
Die NFL-Spieler intonieren derweil das beliebte Lied vom sauberen Sport. Er könne die Einführung der HGH-Tests kaum erwarten, erklärte etwa Adrian Peterson. Der Running Back der Minnesota Vikings, der nach einer schweren Knieverletzung 2012 eine überragende Saison hingelegt hatte und zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt worden war, will so beweisen, dass er clean ist. Auch wer das nicht ist in der NFL, muss wegen der Bluttests bei 40 Profis pro Spieltag, so sie denn tatsächlich kommen, höchstens um seinen Ruf fürchten. Die angedachten Strafen – vier Spieltage Sperre fürs erste, acht fürs zweite Vergehen – sind ein Witz.
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