Wie in einem Egoshooter

Amokläufer von München hielt seine Opfer für virusinfiziert

Die Ermittler schildern in ihrem Bericht eine Tat, die an einen Horrorfilm erinnert.

BLZ
3 Min
Das Video tauchte auf Twitter auf.

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© Screenshot Twitter

S. steigerte sich bis zu seiner Tat am 22. Juli am Olympia-Einkaufszentrum über einen längeren Zeitraum in einen regelrechten Wahn, wie es Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst nun zum Abschluss aller Ermittlungsarbeit sagte.

Tat erinnerte an Egoshooter-Spiele

Für den 18-Jährigen waren „von ihm gehasste Personen mit einem Virus infiziert“ - aus diesem Grunde musste er sie in seinem Weltbild vernichten. Was wie die Grundidee eines schlechten Computer-Ballerspiels klingt, machte S. zur Realität.

Der laut den Ermittlern „exzessiv“ am Computer Egoshooter-Spiele nutzende Deutsch-Iraner zeigte dies besonders zu Beginn seines Amoklaufs. In der Filiale einer Schnellimbisskette beobachtete er am Tattag gute 40 Minuten lang die Gäste. Dann ging er in die Toilette, holte seine Pistole aus dem Rucksack und ging zielstrebig zu einer Sitznische mit sechs Teenagern. Zwei 15 Jahre alte Mädchen, zwei 14 Jahre alte Mädchen und einen 14 Jahre alten Jungen mit dem Aussehen der von ihm verhassten Südosteuropäer tötete er. Nur ein 13-jähriges Kind konnte mit lebensgefährlichen Schussverletzungen fliehen.

Insgesamt 18 Schüsse gab der Amokläufer bei diesem Auftakt seiner Tat ab - es sollten 41 weitere Schüsse folgen, dabei nahm er aber weit weniger zielstrebig die in Panik vor ihm fliehenden Menschen ins Visier. Vier weitere Menschen tötete er, mehrere weitere verletzte er, einige davon schwer. 

Eltern wussten nichts von den Plänen

Was die Ermittler am Freitag in München präsentierten, ist noch einmal das Gesamtbild der Tat, die im vergangenen Jahr München lahm legte. Die Ermittler hatten früh Terroralarm gegeben, die Stadt lag über Stunden unter einem Lärmteppich aus den Martinshörnern zahlreicher Polizeiwagen und Hubschrauber.

Völlig neue Erkenntnisse gibt es nach dem Abschluss der Ermittlungen nicht. Vor allem die lange bezweifelte These, dass solch eine Horrortat von dem Jungen allein vorbereitet und ausgeführt werden konnte, sehen die Ermittler aber nun als erwiesen an. So habe er gegenüber den Eltern „ganz massiv“ seine Planungen für die Tat geschützt. Den Eltern seien die psychischen Probleme ihres Kinds bewusst gewesen - aber das Bevorstehen einer solchen Tat sei nicht erkennbar gewesen.

So zeigte S. auch beim Beschaffen des Gelds für die Tatwaffe im Darknet - immerhin 4000 Euro - kein auffälliges Verhalten. Über Jahre habe er die Summe angespart. Auch Freunde und Lehrer hätten nichts von konkreten Planungen mitbekommen. Und selbst ein eigentlich nicht zu glaubendes Detail halten sie für glaubhaft aufgeklärt: S. hatte Schießübungen gemacht. Insgesamt 107 Schüsse gab er im Keller einer Wohnanlage mitten in München ab. Wie ein akustisches Gutachten ergab, fiel dies niemandem auf, weil der Kellerraum durch die Bauweise des Hauses und die Türen massiv abgedichtet gewesen sei.

Waffenverkäufer droht mehrjährige Haftstrafe

Weil ein weiteres Gutachten zur Computernutzung ergab, dass ein bei S. gefundenes Chatprotokoll tatsächlich ein virtuelles Selbstgespräch war, ergab sich auch hier keine Spur zu einem Mitwisser.

Dennoch dürfte in absehbarer Zeit ein Prozess im Zusammenhang mit dem Münchner Amoklauf beginnen. Angeklagt ist der Mann, der S. die Tatwaffe verkaufte. Ihm drohen mehrere Jahre Haft - er war nach Überzeugung der Ermittler der einzige, der etwas von der bevorstehenden Bluttat ahnen konnte. (afp)

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