In Berlin arbeiten womöglich mehrere niedergelassene Ärzte, die ihre Facharztprüfung nur bestehen konnten, weil ihnen von Chefärzten Gefälligkeitszeugnisse ausgestellt worden sind. Auf diesen Verdacht kamen die Ermittler der Polizei beim Auswerten der Unterlagen, die sie in den DRK-Kliniken beschlagnahmt haben.Demnach haben Assistenzärzte in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) der DRK-Kliniken von ihren Chefs falsche Zeugnisse bekommen. Statt in der Klinik zu arbeiten sollen sie im MVZ Patienten versorgt haben. Dennoch wurde ihnen offenbar eine klinische Tätigkeit mit der für die Facharztprüfung vorgeschriebenen Menge an Untersuchungen bescheinigt.Mit diesen Zeugnissen sollen sich die Assistenzärzte dann zur Prüfung bei der Ärztekammer angemeldet haben. Bei den meisten Verdachtsfällen handelt es sich um Radiologen. Diese müssen, um Facharzt zu werden, Erfahrungen mit verschiedenen Diagnosemethoden vorweisen. "Wir haben den Verdacht, dass Gefälligkeitszeugnisse ausgestellt wurden, weil die erforderliche Bandbreite an Untersuchungen und Behandlungen von den Nachwuchsärzten im MVZ gar nicht erreicht werden konnte ", sagte ein Ermittler der Berliner Zeitung.Für Uwe Kraffel, den stellvertretenden Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), birgt die mangelnde Qualifikation ein erhebliches Risiko. "Das Gefährliche in der Medizin ist nicht, was Ärzte anrichten, sondern was sie übersehen", sagte er. Sie bräuchten Erfahrung, um zu erkennen, dass sich zum Beispiel hinter einem vermeintlichen Durchfall eine Choleraerkrankung verbirgt.Der Verdacht, dass solche Gefälligkeitszeugnisse ausgestellt worden sind, kam bereits im Juni bei einer Razzia in der Radiologie des MVZ der DRK-Kliniken in Wedding auf - wegen vermuteten Abrechnungsbetrugs im großen Stil. Am Donnerstag waren im Rahmen einer Großrazzia erneut die DRK-Kliniken und Privatwohnungen von Ärzten durchsucht worden. Ermittelt wird inzwischen auch gegen die DRK-Schwesternschaft als Trägerin der Kliniken.Nach einer ersten Sichtung der sichergestellten Unterlagen schätzen Ermittler den Schaden für KV und Krankenkassen auf eine zweistellige Millionenhöhe. Einigen Ärzten in den MVZ war offenbar klar, dass sie vorschriftswidrig eingesetzt werden sollten. So sollen die DRK-Kliniken niedergelassene Ärzte, die sich zur Ruhe setzen und ihre kassenärztliche Zulassung verkaufen wollten, zum Schein angestellt haben. Der Verkauf eines Kassensitzes ist zwar legal, aber diese werden ausgeschrieben, weil sie limitiert sind. Dann wären andere Bewerber zum Zuge gekommen. Die DRK-Kliniken sollen daher vorgetäuscht haben, dass die Ärzte in den MVZ arbeiten. In einem solchen Fall wäre die Verlagerung des Kassensitzes nicht zu beanstanden. Die "umziehenden" Ärzte sollen sich vertraglich verpflichtet haben, zehn Stunden pro Woche dort weiter zu arbeiten, damit bei der KV kein Verdacht aufkommt. Tatsächlich sollen sie dort aber gar nicht tätig geworden sein. "In den Anschreiben fanden die Vorgesetzten teilweise deutliche Worte", sagte ein Ermittler. Den Ärzten sei geschrieben worden, der Arbeitsvertrag sei nur "pro forma" und "zur Tarnung" für die KV abgeschlossen worden.Auch die Fach- und Chefärzte aus der Klinik, die offiziell ebenfalls in den MVZ tätig waren, sollen tatsächlich nur auf den Stationen - oder wie im Fall eines Chefarztes in einer Privatklinik - gearbeitet haben. In einer Klausel ihres Arbeitsvertrages sollen sie folglich auf eine Doppelbezahlung verzichtet haben, so ein Ermittler. Stattdessen wurden wohl nicht ausreichend qualifizierte Assistenzärzte in den MVZ eingesetzt. Ihre Arbeit wurde den Ermittlern zufolge zu Facharztpreisen abgerechnet. Wolfgang Albers, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion und selbst Klinikarzt, sagte: "Der Patient hat das Recht, dass er den Arzt kriegt, für den er bezahlt." Wenn an den DRK-Kliniken tatsächlich im großen Stil unsauber abgerechnet wurde, "kann das nur in einer Umgebung geschehen sein, die über Jahre hinweg die Kultur des Wegschauens gepflegt hat".------------------------------ErmittlungenDie DRK-Kliniken Berlin sind ein gemeinnütziger Verbund aus fünf Kliniken, fünf Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) für die ambulante fachärztliche Betreuung sowie einem Pflegeheim. Gesellschafter ist die DRK-Schwesternschaft Berlin e. V. Die Gemeinnützigkeit berechtigt das Unternehmen zu Steuervergünstigungen und Fördermitteln.200 000 Patienten werden nach eigenen Angaben jährlich an den Standorten versorgt, davon 140 000 ambulant und 60 000 stationär. Rund 3 300 Mitarbeiter sind in dem Unternehmen beschäftigt. Der jährliche Umsatz beträgt rund 220 Millionen Euro.Im September 2009 gab es eine erste Durchsuchung in den DRK-Kliniken. Nach einer weiteren Razzia am 9. Juni dieses Jahres in den DRK-Kliniken in Wilmersdorf, Mitte, Charlottenburg und Köpenick wurden die inzwischen haftverschonten beiden Geschäftsführer sowie der Chefarzt der Radiologie festgenommen. Seit 2005 sollen sie nicht qualifizierte Assistenzärzte eingesetzt haben.Das Kommissariat für ärztlichen Abrechnungsbetrug im LKA hat seine Abteilung im März 2010 aufgestockt. Acht Mitarbeiter der Ermittlungsgruppe "Reputatio" (lat. Abrechnung) befassen sich jetzt ausschließlich mit den DRK-Kliniken.Überprüft wird neben dem Schriftverkehr auch die Intranet-Kommunikation der Kliniken.------------------------------Foto: In den DRK-Kliniken sollen Ärzte illegal eingesetzt worden sein.
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