An der Charité startet ein neuer Modellstudiengang. Kritik an der Umsetzung

Mehr Praxis für Mediziner

Thorkit Treichel
3 Min

Die Charité stellt ihr Medizinstudium radikal um. Am 18. Oktober wird der sogenannte Modellstudiengang eingeführt. Wurden die Studierenden bislang zunächst vier Semester bis zum Physikum in theoretischen Fächern unterrichtet, bevor sie die Praxis kennen lernten, werden ab dem Wintersemester von Anfang an Grundlagenmedizin wie Anatomie oder Biochemie und klinische Fächer in der Lehre miteinander verknüpft.Für die Charité bedeutet dies einen immensen Organisationsaufwand, da nun gleichzeitig vier Studiengänge angeboten werden: das herkömmliche Medizinstudium, der Reformstudiengang als Vorläufer des Modellstudiums, der neue Studiengang, in dem die rund 300 Erstsemester unterrichtet werden, und die Zahnmedizin. Erst wenn die rund 7000 Studenten der höheren Semester ihr Staatsexamen abgelegt haben, laufen Regel- und Reformstudium aus.Der Start ins neue Semester könnte entsprechend turbulent ausfallen. Nach Angaben von Christoph Berndt, dem Vorsitzenden des Fakultätspersonalrats, fehlen Lehrkräfte, da die Erstsemester in kleineren Gruppen unterrichtet werden sollen. Zudem würden Räume fehlen. "Darüber hinaus steht zurzeit kein Geld für externe Lehrkräfte zur Verfügung. Diese sind aber nicht bereit, auf ihr Honorar zu verzichten", sagt Berndt. Er bemängelt, die Einführung des neuen Medizinstudiums sei von Dekanin Annette Grüters-Kieslich "unzulänglich und überstürzt vorbereitet worden". So habe sie zwar angegeben, mit 300 Räumen sei genügend Platz vorhanden. Dabei habe sie aber übersehen, dass es sich zum Beispiel bei einem Hörsaal, der sich über vier Etagen erstreckt, nicht um vier separate Räume handele. Der Charité-Vorstand wiederum beteuert in einer Mitteilung: Es gebe ausreichend Räume. Die Lehrkräfte müssten auch nicht unentgeltlich arbeiten.Kritik äußern auch Professoren. "Ich verstehe nicht, warum die Fakultät sich nicht ein Jahr mehr zugestanden hat, um den Modellstudiengang vernünftig vorzubereiten", sagt Axel Pries, Direktor des Instituts für Physiologie. "Das ist nicht fair gegenüber den Wissenschaftlern, die an dem Prozess beteiligt sind, und nicht gegenüber den Studierenden, die mehr Qualität erwarten dürfen."So habe es trotz enormer Bereitschaft zu freiwilliger Mehrarbeit zu wenig Zeit für Abstimmungen gegeben. Im Modellstudiengang werde es 40 interdisziplinäre Module geben, etwa das Modul "Herz-Kreislauf". Erkrankungen des Herzens werden hier gemeinsam mit Anatomen, Physiologen und Kardiologen behandelt.Zudem könne die Charité sich den Modellstudiengang offensichtlich nicht leisten. "Ich bin enttäuscht von der Politik", sagt Pries. Der Senat habe bisher lediglich rund 1,6 Millionen Euro zusätzlich bewilligt. Diese Mittel würden aber allein durch Inflation und Tarifsteigerungen wieder aufgefressen. Daher stünde 2011 ein erneuter drastischer Stellenabbau bevor, obwohl auf die Mitarbeiter mit dem neuen Studiengang zusätzliche Aufgaben warteten.Aber auch inhaltlich gibt es Bedenken. Zwar wird die bessere Praxisnähe gelobt. Jedoch würden nach Angaben des Institutsdirektors systematische Einführungen fehlen. "Es besteht die Gefahr, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde", sagt Pries. Auch andere Städte wie Aachen, Köln oder Heidelberg hätten Modellstudiengänge eingeführt, "aber dabei wurde auf ein Gleichgewicht von Grundlagen und Praxis geachtet".Der Charité-Vorstand schätzt die Lage anders ein. Der Modellstudiengang, der "mit vollem Enthusiasmus von der gesamten Fakultät erarbeitet wurde", sei zukunftsweisend. Damit nehme die Charité"wieder eine Vorreiterrolle in Deutschland" ein. Zudem habe das Abgeordnetenhaus den Vorstand ursprünglich aufgefordert, den Modellstudiengang bereits ein Jahr früher anzubieten. Dass es dieses Jahr klappt, dürfte Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) dennoch erstaunt haben. Noch im März war er davon ausgegangen, dass die Einführung erneut verschoben wird.------------------------------"Die Charité nimmt wieder eine Vorreiterrolle in Deutschland ein." Erklärung des Charité-VorstandesFoto: Im Hörsaal des Robert-Koch-Forums soll es bald um neue Inhalte des Medizinstudiums gehen.

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