Wie viel Erinnerung verträgt der DDR-Volksaufstand am 17. Juni 1953? Die Arbeitsgemeinschaft (Arge) 13. August meint, es gebe trotz der umfassenden Gedenkaktivitäten zum 50. Jahrestag vor einem Jahr noch zu wenig Aufmerksamkeit für die Menschen, die damals gegen die SED-Diktatur aufstanden. Deshalb hatte die Arge im Juni 2003 große Bildtafeln mit Motiven des Aufstands am Gebäude des Bundesfinanzministeriums an der Leipziger/Ecke Wilhelmstraße angebracht - und weigert sich entgegen einer Absprache mit Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD), sie wieder zu entfernen. Eichel hatte das Aufhängen der Bilder nur für zwei Wochen um den 17. Juni 2003 gestattet. Das zuständige Bundesvermögensamt klagt deshalb gegen die Arbeitsgemeinschaft 13. August, Anfang September ist die Verhandlung. Die Vorstandssprecherin der Arge, Alexandra Hildebrandt, räumte gestern ein, dass sie mit ihrem Verhalten gegen rechtliche Regeln verstoße. "Wir erwarten aber, dass die Politik nicht nur an 'runden' Gedenktagen an die Helden und Opfer des Aufstands vom 17. Juni erinnert, sondern dass sie ständig die Erinnerung wach hält." Deshalb blieben die Bilder hängen. Die offizielle Gedenkstätte vor dem Finanzministerium reicht der Arbeitsgemeinschaft nicht aus. Das im Jahr 2000 realisierte Werk des Künstlers Wolfgang Rüppel ist in den Boden eingelassen. Unter einer Glasplatte sind verfremdete Fotos von Demonstranten des 17. Juni zu sehen. "Von der Leipziger Straße aus ist das aber überhaupt nicht zu erkennen," sagte Hildebrandt. "Nur unsere Fotos an der Fassade machen Passanten und Touristen darauf aufmerksam, dass hier ein Brennpunkt des Aufstands war." Das Gebäude, in dem 1953 Ministerien der DDR untergebracht waren, war eines der Hauptziele der Demonstrationen.Die "Politik", die Hildebrandt zum Handeln auffordert, zeigt sich jedoch unwillig. Das klageführende Bundesvermögensamt 2 bleibt hart und beruft sich auf die zeitlich begrenzte Genehmigung, vor allem aber auf den Denkmalschutz. Die für den Denkmalschutz in Mitte zuständige Stadträtin Dorothee Dubrau (Grüne) sagte, dass die Fassade nicht dauerhaft beeinträchtigt werden dürfe. "Schon die befristete Genehmigung zum Aufhängen der Bilder 2003 war eine Ausnahme", sagte sie. Sie sei zum 50. Jahrestag im Einvernehmen mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung getroffen worden. Im Übrigen gebe es die offizielle Gedenkstätte. Wer etwas anderes wolle, müsse das in einem geregelten Verfahren tun, sagte Dubrau. Auch Kultursenator Thomas Flierl (PDS) meinte, der historische Ort sei durch das Rüppel-Mahnmal "klar markiert". Er selbst habe nichts gegen die Bilder der Arge 13. August, "den Streit darum müssen aber das Ministerium und die Arbeitsgemeinschaft klären". Flierl hofft, dass es zu einer außergerichtlichen Einigung kommt, "und dass man einen Kompromiss findet".------------------------------Langjähriger Streit // Die Arbeitsgemeinschaft 13. August wurde von Rainer Hildebrandt gegründet. Als Gegner der SED-Diktatur eröffnete er zum 10. Jahrestag des Aufstands vom 17. Juni 1953 das Museum "Haus am Checkpoint Charlie". Er setzte sich nach der Wende dafür ein, dass am ehemaligen "Haus der Ministerien" der DDR - dem heutigen Bundesfinanzministerium - in Mitte an den Aufstand erinnert wurde. 1994 wurden dort vorübergehend Fotos angebracht.Bei einem Wettbewerb des Senats wurde 1997 der Entwurf des Künstlers Wolfgang Rüppel für ein Mahnmal zum 17. Juni ausgewählt. Mit den in den Boden eingelassenen Fotos des Aufstands reagierte Rüppel auf ein gegenüberliegendes Fries an der Wand des Ministeriums. Darauf hat der DDR-Künstler Max Lingner optimistische Szenen vom "Aufbau der Republik" verewigt.Beteiligte des Aufstands und die Arbeitsgemeinschaft 13. August kritisierten schon während des Wettbewerbs, dass das Mahnmal im Boden von der Straße aus nicht zu sehen sei. Alexandra Hildebrandt, Witwe des im Frühjahr verstorbenen Rainer Hildebrandt und Vorstandssprecherin der Arge 13. August, verglich das Werk mit einem "Fischteich" und einer "Badewanne". Das Bundesvermögensamt, das gegen die Bilder der Arge an der Fassade klagt, beziffert den Streitwert auf 180 000 Euro. Für die Vermietung entsprechender Flächen für Plakatwerbung habe die Behörde "in der Vergangenheit ein monatliches Entgelt von deutlich über 15 000 Euro erzielen können". Das Finanzministerium dementierte jedoch Pläne für kommerzielle Werbung. Die wäre nach Aussage der für den Denkmalschutz zuständigen Bezirksstadträtin Dorothee Dubrau "nicht zulässig".------------------------------Foto: Von der Leipziger Straße aus sind die umstrittenen Bilder zum 17. Juni am Finanzministerium gut zu sehen. Das offizielle Mahnmal, das im Boden vor dem Gebäude eingelassen wurde, ist dagegen nicht zu erkennen.
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