Herrnhuter Weg steht auf dem Straßenschild, das zum Verein „Lesen und Schreiben“, einer Anlaufstelle für Analphabeten führt. Doch Marion Karakelle (44) liest keine Straßenschilder, um sich zurechtzufinden, sie orientiert sich an der Umgebung, so wie sie es jahrelang gemacht hat. „An der Ecke ist dieses große Geschäft, dann weiß ich, dass ich da links abbiegen muss,“ beschreibt sie ihren Weg zum Neuköllner Verein „Lesen und Schreiben“, den sie seit 2012 regelmäßig besucht. Hier stellt sie heute zusammen mit zwölf anderen Autoren das Buch „Tomaten in der Badewanne“ vor. In dem Buch sind fünf Kurzgeschichten von ihr. Noch vor ein paar Jahren war das für sie undenkbar. Bis sie 18 Jahre alt war, konnte sie nicht viel mehr als ihren eigenen Namen schreiben.
Einzelne Sätze kann sie lesen
Marion Karakelle ist funktionale Analphabetin wie die anderen Buchautoren auch. Das heißt, einzelne zusammenhängende Sätze können sie mittlerweile lesen und schreiben. In Berlin leben etwa 320.000 funktionale Analphabeten. „Analphabeten im eigentlichen Sinne können so schlecht schreiben und lesen, dass sie so gut wie gar nicht oder nur eingeschränkt am alltäglichen Leben teilnehmen können,“ erklärt Ingan Küstermann vom Verein „Lesen und Schreiben“. „Wir unterstützen die Leute, die zu uns kommen, auch bei alltäglichen Dingen wie Behördengängen oder bei der Arbeitssuche,“ sagt sie.
Marion Karakelle verschanzte sich viele Jahre in ihrer Wohnung und machte nur die nötigsten Wege. Sie ging einkaufen und brachte ihre beiden Töchter in den Kindergarten. „Wenn ich mal raus ging, habe ich immer darauf geachtet nur den Weg zu gehen, den ich kenne. Aber es ist auch passiert, dass der Bus eine Umleitung fuhr und ich mich nicht mehr zurecht fand.“ Dann bekam sie Panik, wenn sie daran zurückdenkt, rase ihr Herz immer noch, sagt sie. Ob sie dann nicht nach dem Weg fragte? „Nein, es war mir peinlich, nicht lesen zu können.“ Auf ihre Schwäche wurde sie nie angesprochen. Sie sagt: „Ich bin anscheinend eine gute Schauspielerin. Man wird erfinderisch.“
Sollte sie etwas lesen, hatte sie angeblich ihre Brille vergessen. Sollte sie auf dem Amt etwas ausfüllen, trug sie eben eine Gipsschiene. Marion Karakelle wollte Rettungssanitäterin werden, doch eine Chance für ein Praktikum oder gar einen Ausbildungsplatz hat sie nie bekommen. Die sprachlichen Voraussetzungen genügten nicht. Dass sie doch noch Lesen und Schreiben lernte, lag an ihren Kindern. „Ich konnte ihnen nie bei den Hausaufgaben helfen oder etwas vorlesen, das wollte ich ändern.“
Ein Gummibärchenland
Auch heute fällt ihr das Vorlesen noch schwer. Trotzdem versucht sie es, sogar vor Publikum. Am heutigen Freitag will sie eine ihrer eigenen Geschichten vorlesen. Das, was sie aufschreibt, handelt viel von ihrem Leben. Aber ihre Lieblingsgeschichte ist ausgedacht, sie handelt von einem Gummibärchenland für Kinder. Irgendwann, das ist ihr Traum, will sie ein ganzes Kinderbuch schreiben.
In ihren Kurzgeschichten sind noch einzelne Fehler drin, aber verbessern lassen wollte sie nichts: „Man darf ruhig sehen, dass ich nicht perfekt bin.“
Tag der offenen Tür und Buchvorstellung im Verein Lesen und Schreiben, Freitag, 9. 9., 15 Uhr, Herrnhuter Weg 16, Neukölln
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