So sieht ein Sieger aus: klein und dick, mit Halbglatze und Fusselbart und einer Hornbrille, die noch nie up to date war. Dazu eine Stimme, die einmalig ist und kein Gefühl unberührt lässt. Andreas Kümmert heißt am Donnerstag der Sieger des deutschen Vorentscheids zum diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC).
Die Fernsehzuschauer haben ihn gewählt, der sie nicht einmal anschaute, während er sang. Weil er der Underdog war in diesem Reigen der Schönen und Bunten und Extrovertierten. Weil sie endlich wieder eine Stimme hörten, seitdem hierzulande mit Helene Fischer das Mittelmaß das Maß aller Gesangskünste ist. Weil er aussieht wie einer, der ohne Umwege zu ihnen kam, direkt von der Straße, direkt von nebenan. So einen haben sie gewählt, auf dass er Deutschland im Mai beim ESC in Wien vertrete.
Der Eklat
Und dann sagt Kümmert Nein. Er will kein Sieger sein, nicht hier und nicht heute Abend. „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen“, erklärt der 28-Jährige aus Unterfranken, und dass er nur ein kleiner Sänger sei, dass die Zweitplatzierte die Geeignetere, die Qualifiziertere für den ESC sei. Fassungslosigkeit auf der Bühne, Buhrufe im Saal, Beschimpfungen und Beleidigungen im Netz. Der deutsche Vorentscheid hat seinen Eklat. „Man schreibt über uns, was wollen wir mehr?“, fragt bei der Pressekonferenz die Moderatorin des Abends, Barbara Schöneberger.
Es gibt nicht wenige, die sich nun betrogen fühlen, sie haben ihre Telefongebühren in den Sieg eines Mannes investiert, der ihre Unterstützung schnöde zurückweist. „Ich will mein Geld zurück“, fordern sie auf Twitter und Facebook, und fragen, ob das denn wirklich alles mit rechten Dingen abgelaufen sei. Noch gibt es niemanden, der ihnen widersprechen mag, offenbar ist ein solch spektakulärer Ausgang beim Wettbewerb – weder national noch international – überhaupt vorgesehen. Auch aus der inzwischen 60-jährigen Festivalgeschichte ist kein vergleichbarer Vorfall bekannt geworden, also nichts, woran man sich orientieren könnte.
Was bewegt einen, der angetreten ist, um zu siegen, dann doch dazu, auf diesen Sieg zu verzichten? Der Sänger selbst ist nach der Show verschwunden, will nichts mehr erklären. „Die Lampe ist zu groß, die da angeht“, sagt anschließend Siggi Schuller von Universal Music, Kümmerts Plattenfirma. „Er hat alles gegeben und irgendwann festgestellt, dass er es einfach nicht packt.“ Und weiter: „Dass er sich selbst um den Lohn seiner harten Arbeit bringt, macht uns traurig. Mein Tipp an ihn ist jetzt: ‚Geh zwei Wochen in den Wald und schreib neue Songs.‘“
Auch Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungschef und damit Boss der Veranstaltung, hat für die Presse keine Erklärung parat und ist um Verständnis bemüht. „Wenn jemand sagt ‚Ich kann das nicht‘ und so stark ist zu sagen, dass er nicht mehr weitermachen will, dann muss man es akzeptieren. Druck auszuüben macht da keinen Sinn.“ Dabei war sich Schreiber sicher, dass Kümmert, der schon nach seinem Sieg bei der Casting-Show „The Voice Of Germany“ als eigenwillig galt, wusste, worauf er sich einlässt: „Es war seine Idee, beim ESC dabei zu sein. Künstler treten hier auf, weil sie gewinnen wollen. Ein anderes Konzept haben wir nicht.“
Ganz Profi, hat Barbara Schöneberger die außergewöhnliche Situation auf der Bühne gemeistert, hielt sicher die Fäden in der Hand und zeigt auch anschließend souveränes Mitgefühl: „Ich nehme es Kümmert ab, dass er einfach nicht tiefer in die ESC-Maschinerie eintauchen will. Er hat vermutlich Angst davor. Ich hatte das Gefühl, dass er es wirklich nicht möchte und wollte ihm das Gefühl geben, dass er raus kann.“
Angst? Dabei hatte er noch vor seinem Auftritt in Hannover verkündet, wie sehr er sich freue, vielleicht sogar in Wien seine Songs „Home Is In My Hands“ und „Heart Of Stone“ einem internationalen Publikum zeigen zu können. Und jetzt? Er sei ein richtiger Rockmusiker, sagt sein Plattenmanager, der auf die Bühne gehe, komme, was da wolle. Aber das ganze Drumherum, das sei wirklich nicht sein Ding. Doch was für eine schöne Antwort wäre das aus Deutschland gewesen auf Österreichs Herausforderung vom vergangenen Jahr, einer Frau mit Bart? Ein Mann mit Bart! Nun gut, der wäre nicht modisch gestutzt gewesen, aber immerhin.
Der ESC als Zeitgeistmedium?
Der Eurovision Song Contest ist offensichtlich doch mehr als nur ein europäischer Cocktail voll peinlichem Trash und falschem Glamour, mit schlechter Musik und Ohrwürmern, die man schnell wieder loswerden will. Immer wieder beweist der Wettbewerb, dass es ihm gelingt, neue Bilder hervorzubringen und Althergebrachtes infrage zu stellen. Ein Zeitgeistmedium gewissermaßen. 1966 war es die Niederländerin Milly Scott, die sich als erste schwarze Künstlerin dem Wettbewerb stellte, 1974 setzte die bunte, gemischtgeschlechtliche Vokalgruppe Abba neue Standards im europäischen Musikgeschäft und 1998 zeigte die israelische Transsexuelle Dana International, dass es mehr gibt als nur Mann und Frau. Die Geschlechterfrage vollends auf den Kopf stellte schließlich 2014 Conchita Wurst, ein Mann als Frau mit Bart und der Message, dass jeder so leben könne, wie er mag.
Am Donnerstagabend in Hannover hat schließlich Andreas Kümmert jegliche männliche Siegerpose infrage gestellt. Ohne Drama und ohne Tränen – ein kurzer Zweifel und ein schlichtes Nein haben gereicht, um eine ganze TV-Nation zu verunsichern. Was nicht sein darf, braucht Erklärung: „Der gehört doch in die Psychiatrie“, wird auf Twitter gefordert, und über Kümmerts innere Dämonen spekuliert jemand von seiner Plattenfirma. Die Provokation sitzt: dass da einer ausbricht aus der fest gefügten Männerrolle und das Feld ohne Not und Widerstand einer Frau überlässt.
Diese Frau, Ann Sophie, bleibt bei alledem zurück als Zweitplatzierte, die jetzt Erste sein soll. „Fahre ich jetzt nach Wien?“ Ungläubig blickt sie in die Kamera. Und fragt die weit über 4 000 Zuschauer in der ausverkauften Arena in Hannover: „Wollt ihr das überhaupt?“ Was für eine undankbare Situation für die Newcomerin, die erst zwei Wochen zuvor beim Clubkonzert die sogenannte Wildcard für den Vorentscheid gewonnen hatte. Nun soll sie also gegen 39 Sieger antreten beim ESC, der in diesem Jahr sein 60-jähriges Jubiläum feiert.
Die 24-jährige Hamburgerin versucht, das Beste aus der Situation zu machen, Freude und Zweifel wechseln sich ständig ab in ihrem Gesicht. Sie sei eine Rampensau, hat sie mal über sich gesagt, jetzt muss sie das beweisen. Die in London geborene und in New York zur Schauspielerin und Sängerin ausgebildete Tochter eines Bankers hat allerdings bei ihrem Auftritt schon gezeigt, dass sie das Zeug hat zur ganz großen Show.
Der natürliche Lebensraum für Kümmert sei die Bühne, hat Thomas Schreiber über den Zurückgetretenen gesagt. Das gilt auf ganz andere Weise auch für Ann Sophie. Die große Bühne macht ihr scheinbar überhaupt keine Angst. Mit raumgreifenden Schritten bewegt sie sich hin und her, während sie ihren Titel „Black Smoke“ vorträgt. Sie geht in die Hocke, springt wieder auf und vergisst zu keinem Moment den Flirt mit der Kamera, vor allem Letzteres wäre Kümmert wohl kaum beizubringen gewesen.
Jetzt freut die Sängerin sich auf Wien, will noch viel lernen bis dahin; etwa, wie man mit Journalisten umgeht, sich zurechtfindet im Showgeschäft und sein Leben umplant: „Ich wollte eigentlich im April und Mai ein Praktikum am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg machen. Aber das kann ich wohl absagen.“ Zutiefst dankbar sei sie Andreas Kümmert übrigens bei alledem. „Ich habe großen Respekt vor ihm.“ Auch sie will ihn verstehen: „Manchmal wissen wir einfach nicht, was wir wollen. Wenn sein Herz ihm gesagt hat, dass er das nicht machen kann, dann war es der richtige Schritt. Von diesem Mut kann sich jeder von uns eine Scheibe abschneiden.“
Die Reißleine
Der Mann bleibt also doch ein Mann? Einer, der Mut beweist, weil er seinem Gefühl vertraut? Andreas Kümmert bringt mit seinem Einspruch von Hannover ein Männerbild auf die Tagesordnung, das in dieser Dimension neu erscheint und mitunter Hoffnung gibt und Beispiel dafür, dass es nicht immer der Sieg sein muss, der alleine zählt. Vielmehr gibt er seinen Gefühlen den Raum, den sie benötigen, um sich als Person treuzubleiben.
Die künstlerische Aufgabe, der er sich auf der Bühne stellt, wenn er mit seiner herausragenden Stimme der Verzweiflung den Ton gibt, der Sehnsucht und der Liebe, die macht für ihn jenseits der Bühne nicht Halt. So viel weiß er schon von dem Geschäft, in dem er sich seit einigen Jahren bewegt, dass es ihn auseinandernehmen kann und ihn von den Beinen auf den Kopf stellt, wenn er nicht aufpasst. Lieber hat der Sänger die Reißleine gezogen, auch wenn es nicht für jedermann verständlich und nachvollziehbar ist.
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