3. Oktober

Merkel im ersten TV-Interview seit 2021: „Ein Teil der Menschen war sehr wütend auf mich“

Im ersten Fernsehinterview seit Ende ihrer Amtszeit hat die Ex-Kanzlerin sich zu ihrer DDR-Biografie, der Wut auf sie im Osten und zur AfD geäußert.

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Angela Merkel im Gespräch mit Mitri Sirin für „Am Puls: 33 Jahre vereint. Aber wie erleben Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund ihr Land?“

Angela Merkel im Gespräch mit Mitri Sirin für „Am Puls: 33 Jahre vereint. Aber wie erleben Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund ihr Land?“

© Screenshot ZDF

In ihrem ersten Fernsehinterview seit dem Ende ihrer Kanzlerschaft hat Angela Merkel (CDU) sich im ZDF zu ihrer ostdeutschen Identität geäußert. Auch zu der Frage, wieso sie so selten während ihrer 16-jährigen Amtszeit etwas dazu gesagt habe. „Ich habe mich entkernt gefühlt“, sagte Merkel, als sie auf die Frage zu ihrer Rede zur Deutschen Einheit am 3. Oktober 2021 angesprochen wurde.

Damals hatte sie einen Artikel der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zitiert, in dem ihre DDR-Biografie als Ballast bezeichnet worden war. „Es war wie ein kleiner Schlag in die Magengrube“, als sie das zum ersten Mal las, sagte die Ex-Kanzlerin.

Merkel im Büro von Honecker und Kohl 

Im ehemaligen Büro von Margot Honecker und Helmut Kohl nahe dem Brandenburger Tor, das Merkel heute nutzt, empfing sie Mitri Sirin, den Moderator der Dokumentationsreihe „Am Puls“, deren aktuelle Ausgabe sich mit der Wiedervereinigung beschäftigt. „33 Jahre vereint. Aber wie erleben Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund ihr Land?“ so der Untertitel. Über Tagespolitik wollte Merkel laut Sirin nicht sprechen.

Wieso Merkel sich erst am Ende ihrer Amtszeit zu ihrer ostdeutschen Herkunft geäußert habe, wollte Sirin wissen, sie hätte doch vielen Menschen aus dem Herzen sprechen können. „Vielleicht habe ich mich auch nicht getraut, aus der DDR-Zeit so frank und frei dauernd zu sprechen. Ich habe das dann viel mit mir selber ausgemacht. Ich war dann doch erstaunt, wie viele Leute das dann doch verstanden haben als etwas, das sie auch angeht“, erläuterte die ehemalige Kanzlerin.

Staat und Leben in der DDR waren nicht das gleiche

Für Merkel gibt es bei aller Kritik an der DDR einen Unterschied zwischen dem Staat DDR und dem persönlichen Leben dort. „Die DDR hat es trotz aller Versuche, Jugendliche immer wieder zu beeinflussen, natürlich nicht geschafft, die Familie zu ersetzen. Man hatte Freunde, man hat gefeiert, wir sind mit den Eltern in den Urlaub gefahren. Das waren ja alles Erlebnisse“, sagte sie dem ZDF.

„Und dann gibt es noch die prägenden Erlebnisse durch den Staat. Ich meine, die Anwesenheit von Freiheit formt Menschen, aber die Abwesenheit von Freiheit formt sie ja auch.“ Sie habe immer auch darüber geredet, dass es einen Unterschied gebe „zwischen dem Staat DDR, dessen Überwindung wir natürlich alle begeistert gefeiert haben, und einem persönlichen Leben, das ja in jedem Land mehr ist als nur die staatliche Struktur“.

Merkel: „Ich habe immer meinen Wahlkreis gewonnen“

Sirin sprach Merkel auch auf den Missmut, der Merkel vor allem aus dem Osten in den letzten Jahren ihrer Kanzlerschaft entgegengeschlagen sei, an. Womit erkläre sie sich das? „Es gab einen Teil der Menschen, die sehr wütend auf mich waren. Das hat begonnen, als der Euro in Schwierigkeiten kam, aber dann auch, als sehr viele Flüchtlinge zu uns kamen, da hat sich die Lage polarisiert.“ Sie habe immer darauf hingewiesen, dass sie immer ihren Wahlkreis gewonnen habe.

„Es ist ja nicht so, dass die Mehrzahl der Menschen in den neuen Bundesländern mich angeschrien hätte.“ Es habe immer einen Teil und eine sehr radikale und auch laute und intoleranten Gruppe gegeben, aber sehr viele Menschen hätten es natürlich auch ganz anders gesehen. „Es hat auch etwas Bekümmerliches, dass der Lauteste den letzten Eindruck hinterlässt.“ 

Auf seiner Reise seien Sirin immer wieder ganz normale Leute wie Lehrer und Ingenieure begegnet, die Verständnis für AfD-Sympathien zeigten. Ob Merkel das verstehen könne, fragte er die Ex-Kanzlerin. „Nein, ich möchte dafür kein Verständnis äußern. Ich verstehe, dass man über manches verärgert ist, dass man manches nicht gut findet.“ Aber sie sei nicht bereit, zu akzeptieren, dass man sich auf Kosten von Menschen, die anders aussehen oder eine andere Biografie haben, profiliere.

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