Angela Merkel spricht als erste ausländische Regierungschefin in der Knesset. Sie trifft den gebotenen Ton und meidet heikle Themen: Eine Deutschstunde

JERUSALEM. Die letzte Etappe der dreitägigen Israel-Reise muss und will Angela Merkel allein meistern. Ihre Ministerriege ist ohne sie bereits nach Berlin zurückgereist. Die Rede im israelischen Parlament ist der Höhepunkt ihres Besuchs und zugleich die eigentliche Herausforderung - für sie, die Bundeskanzlerin, aber auch für die Israelis als Gastgeber.Im Morgenradio wurde noch diskutiert, ob es einen Eklat geben könnte, wenn Merkel in deutscher Sprache vor der Knesset spricht. Sie ist die erste ausländische Regierungschefin, der diese Ehre zuteil wird. Der nationalrechte Abgeordnete Arieh Eldad hatte angekündigt, das Plenum beim Eintritt der Kanzlerin demonstrativ verlassen zu wollen. Einige aus dem nationalreligiösen Spektrum boykottierten den historischen Auftritt Merkels von vornherein. So bleiben viele der Abgeordnetensessel im Saal während ihrer Rede unbesetzt. Der linke Intellektuelle Tom Segev nennt solche Reste an antideutscher Haltung, die in einigen politischen Lagern Israels noch vorhanden sind, einen "zeremoniellen Anachronismus".Viel gehalten hat sich davon nicht, seit Israels Staatsgründer David Ben-Gurion und der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer vor mehr als vierzig Jahren eine diplomatische Annäherung wagten.Nunmehr ist Angela Merkel Ehrengast der Knesset. Und ihre Rede am Dienstagnachmittag, die sie auf Hebräisch beginnt, provoziert keineswegs einen Eklat. Als sie davon spricht, dass "die Shoah uns Deutsche mit Scham erfüllt", erreicht sie ihr Publikum sofort. Das Parkett der Parlamentarier mag spärlich besetzt sein, doch die Zuhörerränge sind bis zum letzten Platz gefüllt. Knesset-Präsidentin Dalia Itzik hatte darauf geachtet, Verfolgte des Naziregimes ebenso einzuladen, wie Vertreter der nach Gaza und Libanon verschleppten israelischen Soldaten und Leute aus Sederot, die fast täglich dem Beschuss von Kassam-Raketen ausgesetzt sind.Aufmerksam werden hier Angela Merkels Worte des Dankes wahrgenommen, aus Anlass der bevorstehenden Sechzig-Jahrfeier Israels vor dem Auditorium auf Deutsch sprechen zu dürfen. Die Wahl der Sprache hatte bei den Diskussionen um ihre Visite eine große Rolle gespielt. Für viele überraschend, hatte sich auch Shelly Jehimovitz, eine Linke der Arbeitspartei, gegen Angela Merkels deutschsprachige Knesset-Rede gewandt. Sie meinte, dieser Auftritt verletze die Gefühle von Holocaust-Überlebenden.Shlomo Shafir will das gar nicht verstehen. Der Mann, 84 Jahre alt, hat das Ghetto von Kovlo in Litauen überlebt, kam später ins Konzentrationslager und wurde bei Kriegsende in Dachau befreit. Er sagt, dass Jehimovitz' Einwand "billiger Populismus" sei und "verlogen" dazu. Nie habe er "diesen Unsinn mit der deutschen Sprache" akzeptiert, die schließlich nicht die Nazis erfunden hätten. Die eben auch großen jüdischen Denkern gehöre, Theodor Herzl zum Beispiel, dem Visionär des jüdischen Staates. Überhaupt findet Schafir, dass Angela Merkel einen ausgesprochen "guten Eindruck" in Israel mache.Die Mehrheit sieht das genauso. Tatsächlich versteht es die deutsche Bundeskanzlerin, im Umgang mit den Israelis immer und überall den gebotenen Ton anzuschlagen.In der Knesset spannt sie noch einmal einen großen rhetorischen Bogen, um die historische Verantwortung für den Mord an sechs Millionen Juden mit dem Jetzt und der Zukunft zu verknüpfen. Sie erwähnt das sehr spezielle, deutsch-israelische Verhältnis, in dem mittlerweile großer Wert auf eine enge, ja freundschaftliche politische Bindung gelegt wird. Angela Merkel beschwört die gemeinsamen Werte von Freiheit und Demokratie. Sie macht sich Israel geradezu zur Herzensangelegenheit.Dies wird von den einheimischen Zuhörern erkannt und honoriert, insbesondere, da sie großes Verständnis für die Sicherheitsnöte des Landes zeigt. So nennt sie den Iran "eine Gefahr für Frieden und Sicherheit". Sollte das Mullah-Regime in den Besitz der Atombombe kommen, hätte das "verheerende Folgen" für die freie Welt.Allzu konkret wird sie allerdings in der Frage stärkerer Sanktionen nicht. Merkel betont: Nicht die Welt müsse dem Iran etwas nachweisen, sondern der Iran der Welt. "Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will."Die meisten Israelis nehmen ihr solch ein Solidarbekenntnis in Sachen Iran ab. Abgesehen von ganz rechten Kolumnisten wie Caroline Glick, die Merkels Knesset-Auftritt in der "Jerusalem Post" vorab kritisiert hatte und - angesichts des ausgeprägten Wirtschaftsengagements der Deutschen im Iran - der Regierung Olmert vorwarf, "bei dieser Farce" noch mitzuspielen.Es gibt jedoch ein Thema, das vielen Israelis in diesen Tagen noch näher steht, als der Dauerkonflikt mit dem Iran. "Während wir hier sprechen", sagt Merkel, "leben Tausende von Menschen in Angst und Schrecken vor Raketenangriffen und Terror der Hamas."Auf dem schwierigen Feld der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen weiß der Gast aus Deutschland heikle Themen - wie etwa die Siedlungsfrage in den besetzten Gebieten - zu meiden.Kritik formuliert Angela Merkel so, dass es ihren Gastgebern nicht wehtut. Dass es mit dem Friedensprozess nicht vorangehe, liege wohl nicht nur an der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland, sagt Merkel in solchen Fällen. Wer will, kann eine Betonung auf "nicht nur" heraushören.Man möge das Problem mit den palästinensischen Kassam-Raketen aus Gaza nicht aus dem Auge verlieren. In ihrem Bemühen um Balance bleibt freilich unerwähnt, dass der moderate Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas, den sowohl Israel als auch die internationale Gemeinschaft als Partner im Friedensprozess sehen, gar keine Macht über die in Gaza herrschenden Radikalislamisten der Hamas besitzt.Niemand hatte erwarten können, dass Angela Merkel nun ausgerechnet in der Knesset eine schmetternde Rede gegen den jüdischen Siedlungsbau im Ost-Teil Jerusalems halten oder eine Bresche für die arabisch-israelische Minderheit schlagen würde. Was die Bundeskanzlerin sagt, sagt sie aus einem sensiblen Gespür für Befindlichkeiten heraus. Das kommt umso besser an, weil Merkel bei ihrem Besuch in Israel mit ihren Gesprächspartnern gerne auf Augenhöhe redet.Beim Abendempfang im prächtigen Ballsaal des David Intercontinental Hotels in Tel Aviv tauchte die Kanzlerin sogar nach lockerer Podiumsbegrüßung in die Menge ein. Umringt von deutsch sprechenden Israelis, unter ihnen eine ganze Reihe, die vor den Nazis fliehen mussten, suchte sie den Austausch mit Normalbürgern. Sie hörte viele Komplimente. Ein älterer Herr etwa sagte ihr, dass sie in Leibhaftigkeit "noch schöner" ausschaue "als im Fernsehen". Alle in der Runde lächelten. Man genoss es, hier so nah bei der Bundeskanzlerin zu stehen, die die ideale Vermittlerin zwischen der israelischen und der deutschen Gesellschaft abzugeben scheint.Mag sein, dass das auch mit ihrer ostdeutschen Biografie zu tun hat. Merkel selbst kommt vor der Knesset darauf zu sprechen, um ihr persönliches Interesse an Israel verständlich zu machen, das die DDR bis zum Mauerfall nicht diplomatisch anerkannte. Sie habe es "als schreckliches Vakuum empfunden", bekennt sie auch in der israelischen Zeitung "Yediot Achronoth", dass die DDR ihre historische Verantwortung nicht erfüllt habe und den Nationalsozialismus als westdeutsches Problem abgetan habe.Lars Hänsel, Direktor des Konrad-Adenauer-Instituts in Jerusalem und selbst in der DDR aufgewachsen, hat sie einmal darauf angesprochen. Daraus entspann sich eine anregende Unterhaltung über die Frage, ob frühere Ostdeutsche eine besondere Brücke hin zum Staat der Juden bauen könnten. Hänsel denkt, ja. "Zumindest spürt man bei Merkel eine authentische Auseinandersetzung mit der Geschichte." Woraus sich bei ihr ein "echtes Interesse" an Israel entwickelt habe, wie er es sagt, weit über politisches Kalkül hinaus.Die neue Qualität im Verhältnis der beiden Staaten ist jedenfalls mit dem Namen der Bundeskanzlerin Merkel verbunden. Abgesprochen sind zweistaatliche Regierungskonsultationen, die von jetzt an jährlich stattfinden sollen. Die Idee dazu hatten Merkel und Olmert. Wie weit sich das mit Inhalt und Leben füllt, wird die Zukunft zeigen.Nach dem Geschmack mancher Israelis dürften die Beziehungen der beiden Länder in Zukunft allerdings ruhig noch ein wenig konkreter werden. "Wir würden auch gerne wissen", meint der Holocaust-Überlebende Schlomo Schafir: "Wann liefert uns Deutschland die nächsten U-Boote?"------------------------------AUS DER REDEHistorische VerantwortungDie Shoah erfüllt uns Deutsche mit Scham. Ich verneige mich vor den Opfern. Ich verneige mich vor den Überlebenden und vor all denen, die ihnen geholfen haben, dass sie überleben konnten. Der Zivilisationsbruch durch die Schoah ist beispiellos. Er hat Wunden bis heute hinterlassen. Er schien die Beziehungen zwischen Israel zunächst geradezu unmöglich zu machen. . Es dauerte über 40 Jahre, bis sich nach der Wiedervereinigung ganz Deutschland sowohl zu seiner historischen Verantwortung als auch zum Staat Israel bekennen konnte . Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen in Deutschland und in Europa nie wieder Fuß fassen.Globale HerausforderungenAngesichts der bahnbrechenden globalen Entwicklung brauchen wir über nationale Grenzen hinweg ein globales, ein gemeinsames Bewusstsein für die zentralen Herausforderungen unserer Welt: den fairen Anteil aller am Wohlstand, den Schutz des Klimas, den Kampf gegen die neuen Bedrohungen durch Terror und Massenvernichtungswaffen. Aber wir brauchen dieses Bewusstsein nicht nur dafür, die Herausforderungen zu erkennen, sondern wir brauchen es, um sie zu meistern. Das geht heute in vielen Bereichen nicht mehr allein, sondern nur noch im Miteinander von Staaten, die als Partner durch Werte und Interessen verbunden sind.Deutsch-israelische BeziehungenFür mich steht außer Frage: Israel und Deutschland, Israel und Europa sind solche Partner . Genau in diesem Bewusstsein haben wir mit den ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen ein neues Kapitel in der Geschichte der Beziehungen unserer beiden Staaten aufgeschlagen.Israel und die PalästinenserWährend wir hier sprechen, leben Tausende von Menschen in Angst und Schrecken vor Raketenangriffen und Terror der Hamas. Ich sage klar und unmissverständlich: Die Kassam-Angriffe der Hamas müssen aufhören. Terrorangriffe sind ein Verbrechen . Deutschland tritt entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein, für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina . Wir wissen, dass es zur Umsetzung der Vision von zwei Staaten Kompromisse bedarf, die von allen Seiten akzeptiert werden. Es bedarf der Kraft auch zu schmerzhaften Zugeständnissen.Bedrohung durch den IranBesonderen Anlass zur Sorge geben ohne Zweifel die Drohungen, die der iranische Präsident gegen Israel und das jüdische Volk richtet . Wenn Iran in den Besitz der Atombombe käme, dann hätte das verheerende Folgen für die Welt. Zuerst und vor allem für die Sicherheit und Existenz Israels . Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass der Iran die Atombombe baut. Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will . Die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar . Deutschland setzt gemeinsam mit seinen Partnern auf eine diplomatische Lösung. Die Bundesregierung wird sich dabei, wenn der Iran nicht einlenkt, weiter entschieden für Sanktionen einsetzen.------------------------------Foto: Vor ihrer historischen Rede im israelischen Parlament hält Angela Merkel eine kurze Ansprache im Chagall-Saal der ...

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JERUSALEM. Die letzte Etappe der dreitägigen Israel-Reise muss und will Angela Merkel allein meistern. Ihre Ministerriege ist ohne sie bereits nach Berlin zurückgereist. Die Rede im israelischen Parlament ist der Höhepunkt ihres Besuchs und zugleich die eigentliche Herausforderung - für sie, die Bundeskanzlerin, aber auch für die Israelis als Gastgeber.Im Morgenradio wurde noch diskutiert, ob es einen Eklat geben könnte, wenn Merkel in deutscher Sprache vor der Knesset spricht. Sie ist die erste ausländische Regierungschefin, der diese Ehre zuteil wird. Der nationalrechte Abgeordnete Arieh Eldad hatte angekündigt, das Plenum beim Eintritt der Kanzlerin demonstrativ verlassen zu wollen. Einige aus dem nationalreligiösen Spektrum boykottierten den historischen Auftritt Merkels von vornherein. So bleiben viele der Abgeordnetensessel im Saal während ihrer Rede unbesetzt. Der linke Intellektuelle Tom Segev nennt solche Reste an antideutscher Haltung, die in einigen politischen Lagern Israels noch vorhanden sind, einen "zeremoniellen Anachronismus".Viel gehalten hat sich davon nicht, seit Israels Staatsgründer David Ben-Gurion und der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer vor mehr als vierzig Jahren eine diplomatische Annäherung wagten.Nunmehr ist Angela Merkel Ehrengast der Knesset. Und ihre Rede am Dienstagnachmittag, die sie auf Hebräisch beginnt, provoziert keineswegs einen Eklat. Als sie davon spricht, dass "die Shoah uns Deutsche mit Scham erfüllt", erreicht sie ihr Publikum sofort. Das Parkett der Parlamentarier mag spärlich besetzt sein, doch die Zuhörerränge sind bis zum letzten Platz gefüllt. Knesset-Präsidentin Dalia Itzik hatte darauf geachtet, Verfolgte des Naziregimes ebenso einzuladen, wie Vertreter der nach Gaza und Libanon verschleppten israelischen Soldaten und Leute aus Sederot, die fast täglich dem Beschuss von Kassam-Raketen ausgesetzt sind.Aufmerksam werden hier Angela Merkels Worte des Dankes wahrgenommen, aus Anlass der bevorstehenden Sechzig-Jahrfeier Israels vor dem Auditorium auf Deutsch sprechen zu dürfen. Die Wahl der Sprache hatte bei den Diskussionen um ihre Visite eine große Rolle gespielt. Für viele überraschend, hatte sich auch Shelly Jehimovitz, eine Linke der Arbeitspartei, gegen Angela Merkels deutschsprachige Knesset-Rede gewandt. Sie meinte, dieser Auftritt verletze die Gefühle von Holocaust-Überlebenden.Shlomo Shafir will das gar nicht verstehen. Der Mann, 84 Jahre alt, hat das Ghetto von Kovlo in Litauen überlebt, kam später ins Konzentrationslager und wurde bei Kriegsende in Dachau befreit. Er sagt, dass Jehimovitz' Einwand "billiger Populismus" sei und "verlogen" dazu. Nie habe er "diesen Unsinn mit der deutschen Sprache" akzeptiert, die schließlich nicht die Nazis erfunden hätten. Die eben auch großen jüdischen Denkern gehöre, Theodor Herzl zum Beispiel, dem Visionär des jüdischen Staates. Überhaupt findet Schafir, dass Angela Merkel einen ausgesprochen "guten Eindruck" in Israel mache.Die Mehrheit sieht das genauso. Tatsächlich versteht es die deutsche Bundeskanzlerin, im Umgang mit den Israelis immer und überall den gebotenen Ton anzuschlagen.In der Knesset spannt sie noch einmal einen großen rhetorischen Bogen, um die historische Verantwortung für den Mord an sechs Millionen Juden mit dem Jetzt und der Zukunft zu verknüpfen. Sie erwähnt das sehr spezielle, deutsch-israelische Verhältnis, in dem mittlerweile großer Wert auf eine enge, ja freundschaftliche politische Bindung gelegt wird. Angela Merkel beschwört die gemeinsamen Werte von Freiheit und Demokratie. Sie macht sich Israel geradezu zur Herzensangelegenheit.Dies wird von den einheimischen Zuhörern erkannt und honoriert, insbesondere, da sie großes Verständnis für die Sicherheitsnöte des Landes zeigt. So nennt sie den Iran "eine Gefahr für Frieden und Sicherheit". Sollte das Mullah-Regime in den Besitz der Atombombe kommen, hätte das "verheerende Folgen" für die freie Welt.Allzu konkret wird sie allerdings in der Frage stärkerer Sanktionen nicht. Merkel betont: Nicht die Welt müsse dem Iran etwas nachweisen, sondern der Iran der Welt. "Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will."Die meisten Israelis nehmen ihr solch ein Solidarbekenntnis in Sachen Iran ab. Abgesehen von ganz rechten Kolumnisten wie Caroline Glick, die Merkels Knesset-Auftritt in der "Jerusalem Post" vorab kritisiert hatte und - angesichts des ausgeprägten Wirtschaftsengagements der Deutschen im Iran - der Regierung Olmert vorwarf, "bei dieser Farce" noch mitzuspielen.Es gibt jedoch ein Thema, das vielen Israelis in diesen Tagen noch näher steht, als der Dauerkonflikt mit dem Iran. "Während wir hier sprechen", sagt Merkel, "leben Tausende von Menschen in Angst und Schrecken vor Raketenangriffen und Terror der Hamas."Auf dem schwierigen Feld der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen weiß der Gast aus Deutschland heikle Themen - wie etwa die Siedlungsfrage in den besetzten Gebieten - zu meiden.Kritik formuliert Angela Merkel so, dass es ihren Gastgebern nicht wehtut. Dass es mit dem Friedensprozess nicht vorangehe, liege wohl nicht nur an der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland, sagt Merkel in solchen Fällen. Wer will, kann eine Betonung auf "nicht nur" heraushören.Man möge das Problem mit den palästinensischen Kassam-Raketen aus Gaza nicht aus dem Auge verlieren. In ihrem Bemühen um Balance bleibt freilich unerwähnt, dass der moderate Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas, den sowohl Israel als auch die internationale Gemeinschaft als Partner im Friedensprozess sehen, gar keine Macht über die in Gaza herrschenden Radikalislamisten der Hamas besitzt.Niemand hatte erwarten können, dass Angela Merkel nun ausgerechnet in der Knesset eine schmetternde Rede gegen den jüdischen Siedlungsbau im Ost-Teil Jerusalems halten oder eine Bresche für die arabisch-israelische Minderheit schlagen würde. Was die Bundeskanzlerin sagt, sagt sie aus einem sensiblen Gespür für Befindlichkeiten heraus. Das kommt umso besser an, weil Merkel bei ihrem Besuch in Israel mit ihren Gesprächspartnern gerne auf Augenhöhe redet.Beim Abendempfang im prächtigen Ballsaal des David Intercontinental Hotels in Tel Aviv tauchte die Kanzlerin sogar nach lockerer Podiumsbegrüßung in die Menge ein. Umringt von deutsch sprechenden Israelis, unter ihnen eine ganze Reihe, die vor den Nazis fliehen mussten, suchte sie den Austausch mit Normalbürgern. Sie hörte viele Komplimente. Ein älterer Herr etwa sagte ihr, dass sie in Leibhaftigkeit "noch schöner" ausschaue "als im Fernsehen". Alle in der Runde lächelten. Man genoss es, hier so nah bei der Bundeskanzlerin zu stehen, die die ideale Vermittlerin zwischen der israelischen und der deutschen Gesellschaft abzugeben scheint.Mag sein, dass das auch mit ihrer ostdeutschen Biografie zu tun hat. Merkel selbst kommt vor der Knesset darauf zu sprechen, um ihr persönliches Interesse an Israel verständlich zu machen, das die DDR bis zum Mauerfall nicht diplomatisch anerkannte. Sie habe es "als schreckliches Vakuum empfunden", bekennt sie auch in der israelischen Zeitung "Yediot Achronoth", dass die DDR ihre historische Verantwortung nicht erfüllt habe und den Nationalsozialismus als westdeutsches Problem abgetan habe.Lars Hänsel, Direktor des Konrad-Adenauer-Instituts in Jerusalem und selbst in der DDR aufgewachsen, hat sie einmal darauf angesprochen. Daraus entspann sich eine anregende Unterhaltung über die Frage, ob frühere Ostdeutsche eine besondere Brücke hin zum Staat der Juden bauen könnten. Hänsel denkt, ja. "Zumindest spürt man bei Merkel eine authentische Auseinandersetzung mit der Geschichte." Woraus sich bei ihr ein "echtes Interesse" an Israel entwickelt habe, wie er es sagt, weit über politisches Kalkül hinaus.Die neue Qualität im Verhältnis der beiden Staaten ist jedenfalls mit dem Namen der Bundeskanzlerin Merkel verbunden. Abgesprochen sind zweistaatliche Regierungskonsultationen, die von jetzt an jährlich stattfinden sollen. Die Idee dazu hatten Merkel und Olmert. Wie weit sich das mit Inhalt und Leben füllt, wird die Zukunft zeigen.Nach dem Geschmack mancher Israelis dürften die Beziehungen der beiden Länder in Zukunft allerdings ruhig noch ein wenig konkreter werden. "Wir würden auch gerne wissen", meint der Holocaust-Überlebende Schlomo Schafir: "Wann liefert uns Deutschland die nächsten U-Boote?"------------------------------AUS DER REDEHistorische VerantwortungDie Shoah erfüllt uns Deutsche mit Scham. Ich verneige mich vor den Opfern. Ich verneige mich vor den Überlebenden und vor all denen, die ihnen geholfen haben, dass sie überleben konnten. Der Zivilisationsbruch durch die Schoah ist beispiellos. Er hat Wunden bis heute hinterlassen. Er schien die Beziehungen zwischen Israel zunächst geradezu unmöglich zu machen. . Es dauerte über 40 Jahre, bis sich nach der Wiedervereinigung ganz Deutschland sowohl zu seiner historischen Verantwortung als auch zum Staat Israel bekennen konnte . Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen in Deutschland und in Europa nie wieder Fuß fassen.Globale HerausforderungenAngesichts der bahnbrechenden globalen Entwicklung brauchen wir über nationale Grenzen hinweg ein globales, ein gemeinsames Bewusstsein für die zentralen Herausforderungen unserer Welt: den fairen Anteil aller am Wohlstand, den Schutz des Klimas, den Kampf gegen die neuen Bedrohungen durch Terror und Massenvernichtungswaffen. Aber wir brauchen dieses Bewusstsein nicht nur dafür, die Herausforderungen zu erkennen, sondern wir brauchen es, um sie zu meistern. Das geht heute in vielen Bereichen nicht mehr allein, sondern nur noch im Miteinander von Staaten, die als Partner durch Werte und Interessen verbunden sind.Deutsch-israelische BeziehungenFür mich steht außer Frage: Israel und Deutschland, Israel und Europa sind solche Partner . Genau in diesem Bewusstsein haben wir mit den ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen ein neues Kapitel in der Geschichte der Beziehungen unserer beiden Staaten aufgeschlagen.Israel und die PalästinenserWährend wir hier sprechen, leben Tausende von Menschen in Angst und Schrecken vor Raketenangriffen und Terror der Hamas. Ich sage klar und unmissverständlich: Die Kassam-Angriffe der Hamas müssen aufhören. Terrorangriffe sind ein Verbrechen . Deutschland tritt entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein, für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina . Wir wissen, dass es zur Umsetzung der Vision von zwei Staaten Kompromisse bedarf, die von allen Seiten akzeptiert werden. Es bedarf der Kraft auch zu schmerzhaften Zugeständnissen.Bedrohung durch den IranBesonderen Anlass zur Sorge geben ohne Zweifel die Drohungen, die der iranische Präsident gegen Israel und das jüdische Volk richtet . Wenn Iran in den Besitz der Atombombe käme, dann hätte das verheerende Folgen für die Welt. Zuerst und vor allem für die Sicherheit und Existenz Israels . Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass der Iran die Atombombe baut. Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will . Die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar . Deutschland setzt gemeinsam mit seinen Partnern auf eine diplomatische Lösung. Die Bundesregierung wird sich dabei, wenn der Iran nicht einlenkt, weiter entschieden für Sanktionen einsetzen.------------------------------Foto: Vor ihrer historischen Rede im israelischen Parlament hält Angela Merkel eine kurze Ansprache im Chagall-Saal der Knesset.

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