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Nur eine Woche bevor maskierte Männer mit dem faschistischen Gruß „Za dom spremni“ in Split eine serbische Kulturveranstaltung stürmten, feierte die Stadt mit Kränzen, Hymnen und Reden den 81. Jahrestag ihrer Befreiung vom Faschismus. Im Stadtmuseum, auf dem Friedhof Lovrinac und am Volksplatz gedachten Stadt und Veteranenverband gemeinsam der Partisanen, die 1944 Split von der deutschen Besatzung befreiten. Bürgermeister Tomislav Suta sprach dabei von der „Pflicht, die Werte der Freiheit und Demokratie zu verteidigen“. Und: „Wir alle haben 1991 für die Freiheit gekämpft, für die Republik Kroatien ... Wir müssen eine freie Stadt in einem freien Land bauen.“
Landrat Blazenko Boban betonte, man müsse den Opfern „ohne ideologische Vorzeichen“ gedenken, während der Vizepräsident des Antifaschistenverbands, Tomislav Bogovic, warnte: „Die gewünschte Seite der Geschichte ist nicht jene, die sich selbst so nennt, sondern jene, die im Zweiten Weltkrieg und im Heimatkrieg siegreich war.“ Wenige Tage später wurde dieselbe Stadt Schauplatz eines Übergriffs, der zeigte, wie brüchig diese antifaschistische Fassade ist.
Stadtmuseum in Split
© Simona Donkova/imago
„Wir mussten über unseren Ausgang verhandeln wie Geiseln“
Am Montag, dem 3. November, stürmte eine Gruppe von etwa fünfzig Männern in schwarzen T-Shirts und Sturmhauben das Gemeindezentrum im Stadtteil Blatine, wo das Serbische Kulturzentrum „Prosvjeta“ gerade die Tage der serbischen Kultur eröffnete.
Mit Parolen wie „Za dom spremni“ („Für die Heimat bereit“) unterbrachen die Angreifer die Aufführung, bedrohten Musiker aus Novi Sad und zwangen Besucher, die Veranstaltung zu verlassen.
Ein Ereignis, das keinerlei politischen Charakter hatte – und doch zum Ziel eines politischen Hasses wurde. „Wir mussten buchstäblich über unseren Ausgang verhandeln, wie Geiseln“, berichtete Prosvjeta-Vorsitzender Nikola Vukobratovic. Die Polizei traf erst ein, als die Angreifer verschwunden waren. Niemand wurde festgenommen.
Angreifer fliehen unerkannt
Der Angriff in Split war kein Einzelfall. Bereits im August 2025 stürmte in Benkovac eine Gruppe von rund hundert Männern, unter ihnen Kriegsveteranen und Mitglieder der Fangruppe Torcida Zadar, das alternative Festival „Nosi se“. Unter Rufen von „Za dom spremni“ bedrohten sie Künstler und Besucher – ein weiterer Übergriff, bei dem die Polizei zu spät reagierte. Nur wenige Monate später wiederholt sich dieselbe Szene in Split – mitten in einer europäischen Großstadt. Und während das Land noch über diesen Angriff diskutierte, folgte das nächste Kapitel derselben Geschichte.
In Rijeka versuchten am 7. November mehrere Dutzend Hooligans, ein internationales Kampfsportturnier zu stürmen und dort Athleten aus Serbien anzugreifen. Laut Polizei hätten die Täter „offensichtlich eine körperliche Konfrontation provozieren wollen“.
Die Beamten verhinderten den Angriff im letzten Moment. Die Angreifer flohen – wie so oft – unerkannt. Für viele Beobachter ist auch dieses Ereignis ein weiterer Beleg dafür, dass sich rechtsextreme Gruppen längst nicht mehr zufällig, sondern strategisch serbische Minderheiten, Sportler oder Kulturschaffende als Ziel suchen.
Rijeka
© happywindow/imago
Noch alarmierender waren die Szenen, die sich nur Stunden später in Zagreb abspielten. Im historischen Zentrum jagte die Polizei maskierte Männer, die offenbar ebenfalls Angriffe vorbereiteten. Videos zeigen Vermummte, die durch Seitenstraßen fliehen, während Polizeieinheiten versuchen, sie zu stellen. Die Bilder sind eindeutig: gut organisierte Gruppen, schnelle Mobilisierung, klare Absicht. Und erneut: dieselben Symbole, dieselbe Rhetorik, dieselbe Logik – Einschüchterung durch Präsenz. Zagreb, Split, Rijeka – die Gewalt hat keinen lokalen Charakter mehr. Sie breitet sich im ganzen Land aus.
Die Gesellschaft schaut weg
Der Kontrast könnte kaum größer sein: Während Split sich offiziell als Stadt des Widerstands gegen den Faschismus inszeniert, bleibt es still, wenn Neonationalisten im Jahr 2025 zumeist ungestraft serbische Kinder, Musiker oder Sportler terrorisieren. Die Festnahmen von drei Verdächtigen in Split und neun weiteren in Zagreb tun dabei nichts zur Sache.
In Kroatien hat sich ein Diskurs etabliert, in dem Nationalismus als „Patriotismus“ verkauft und die faschistische Vergangenheit relativiert wird. Der Gruß „Za dom spremni“ ist in der Popkultur längst normalisiert. Politiker und Sportler posieren mit Musikern, die die faschistische und ultranationale Ustasa-Tradition glorifizieren – und niemand zieht Konsequenzen. Ministerpräsident Andrej Plenkovic verurteilte den Angriff in Split scharf und sprach von einer „groben Verletzung der Rechte von Minderheiten“. In Rijeka lobte er die Polizei für ihr „schnelles Eingreifen“. Die Vorfälle in Zagreb bezeichnete er als „inakzeptabel“. Doch viele Kroaten nehmen diese Empörung nicht mehr ernst.
Andrej Plenkovic
© Nicolas Landemard/imago
Nach Benkovac, Sibenik, Split, Rijeka und nun Zagreb wirkt jede neue Erklärung wie ein Textbaustein, der nur die nächste Eskalation überbrückt. Während Kroatien nach außen hin europäische Werte demonstrieren möchte, bröckelt im Inneren der antifaschistische Konsens. Regierungsbeamte posieren unter HOS-Fahnen, rechtsextreme Gruppen agieren zunehmend koordiniert, die Polizei wirkt überfordert – oder unwillig.
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Kroatien feiert seine Befreiung vom Faschismus – und sieht zugleich weg, wenn der Faschismus im Jahr 2025 mitten auf seinen Straßen marschiert. Solange politische Symbole verharmlost, Täter geschützt und historische Verantwortung verdrängt werden, bleibt jeder Kranz auf den Gräbern der Partisanen nur Dekoration. Denn eine Gesellschaft, die montags den Sieg über den Faschismus feiert und eine Woche später schweigt, wenn er wieder vor ihrer Tür steht, hat den Sinn dieses Gedenkens längst verloren.
Erdin Kadunic ist Deutsch-Bosnier und Diplom-Politologe. Er studierte an der Freien Universität Berlin und lebte anschließend acht Jahre lang in Bosnien, wo er unter anderem als Pressereferent an der Deutschen Botschaft in Sarajewo tätig war. Heute lebt er in Düsseldorf und arbeitet als Dolmetscher und Übersetzer für Bosnisch, Kroatisch und Serbisch.
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