Berlin-Fragebogen

Anita Vulesica: „Als Berlinerin bin ich schon als Kind in diesen Ost-West-Debatten drin gewesen“

Die Schauspielerin und Regisseurin Anita Vulesica wuchs in zwei Welten auf, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Warum es ihr geholfen hat, eine West-Berliner Göre zu sein.

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Seit mehr als 20 Jahren in Berlin-Mitte zu Hause: Anita Vulesica

Seit mehr als 20 Jahren in Berlin-Mitte zu Hause: Anita Vulesica

© Birgit Kaulfuß

Die BBC-Serie „The Other One“ sorgte vor ein paar Jahren für äußerst wohlwollende Kritiken. Eine Komödie über innerfamiliäre Klassenkonflikte – das geht ja irgendwie immer.

Dachte sich auch das ZDF, das den Stoff adaptierte und nun mit „Plötzlich Schwester“ ins hiesige Fernsehen bringt. In den Hauptrollen spielen „Discounter“-Star Klara Lange, Cosima Henman, Andrea Sawatzki und Anita Vulesica („In aller Freundschaft“).

„Komödie ist die Königsklasse“, findet Vulesica, die für unseren Berlin-Fragebogen auch in ihre Kindheit zurückgereist ist. In die Jahre, in denen sie als Gastarbeiterkind zwischen zwei Welten aufwuchs, in denen West-Berlin sie ebenso prägte wie das sozialistische Jugoslawien.

1. Frau Vulesica, Sie sind 1974 in München zur Welt gekommen. Wann und warum zog es Sie nach Berlin?

Ich wurde in München geboren und als Säugling zu den Großeltern ins heutige Kroatien, damals Jugoslawien, geschickt. Genauer gesagt nach Dalmatien, den schönsten Flecken mediterraner Erde, den es gibt. Das Schicksal, als Gastarbeiterkind in Deutschland geboren zu werden und bei den Großeltern in der Heimat die ersten Lebensjahre zu verbringen, teile ich mit vielen in den Siebzigern geborenen „Ausländerkindern“, wie man uns damals nannte. Mit fünf Jahren haben mich meine Eltern, die inzwischen von München nach Berlin gezogen waren, zu sich geholt.

2. Sie sind dann öfter mal in Dalmatien gewesen, dann wieder hier. Wie war dieser Wechsel für Sie?

Es waren zwei unterschiedliche Welten, die aufeinanderprallten, zumal es damals das sozialistische Jugoslawien war und ich eine kleine West-Berliner Göre. Rückblickend gesehen habe ich durch diese Wechsel eine Menge Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Resilienz und Durchsetzungskraft entwickelt.

3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gelebt?

Angefangen hat alles in Reinickendorf, dann Wedding und Moabit. In Steglitz die erste eigene Wohnung: viel zu teuer, obwohl sie im Hinterhof lag und klein war, mit Blick auf die Autobahn. Meine zweite Wohnung war dann sehr günstig, im damals noch harten Neukölln. Darauf folgte eine tolle Zeit in einer WG in Friedrichshain – die besten Jahre in meinen späten Zwanzigern. Seit 2005 wohne ich nun schon in Berlin-Mitte.

ZUR PERSON
Michael Kötschau/ZDF

ZUR PERSON

Anita Vulesica studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Ihr erstes Engagement hatte sie am Theaterhaus Jena. Von 2010 bis 2018 gehörte sie zum Ensemble des Deutschen Theaters. Sie führt auch Regie und schreibt eigene Texte. Im Fernsehen war Vulesica unter anderem im „Tatort“, „Ein Fall für zwei“ und der Serie „In aller Freundschaft“ zu sehen. „Plötzlich Schwester“ (Foto) läuft am 6. August zur Primetime im ZDF oder jederzeit im Stream.

4. Ihr erstes Theater-Engagement führte Sie nach Jena. Sie haben dann auch am Nationaltheater Weimar, dem Neuen Theater Halle und am Schauspiel Leipzig gespielt. Wie haben diese Stationen Ihren Blick auf den Osten des Landes geprägt – und wie nehmen Sie generell den Stand der Ost-West-Debatten wahr?

Als Berlinerin bin ich schon als Kind und Jugendliche, auch vor dem Fall der Mauer, in diesen Ost-West-Debatten drin gewesen. Das Gefühl von Teilung und die Erzählung von unterschiedlichen Systemen steckt sozusagen in der DNA jeder Berlinerin und jedes Berliners.

Man ist so nah an der Politik und an allen Auf- und Abbrüchen dran, dass man zwangsläufig ein Bewusstsein dafür entwickelt und an einer Haltung zu all dem arbeiten muss. Ich bin auf die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch gegangen, acht Jahre nach dem Mauerfall. Da spürte man in jeder Ritze die Geschichte, die sogenannte Wende, und was das für viele wirklich bedeutete. Über die Biografien der Menschen, die mir dort begegnet sind, verstand ich viel besser, was sie auf der anderen Seite der Mauer geprägt, beschäftigt und geformt hat.

An den Theatern in Thüringen und Sachsen habe ich wunderbare Erfahrungen gemacht. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass etwas nicht ganz zufriedenstellend zu sein schien, dass die Wende für viele Menschen Fragen offenließ oder sogar Leerstellen, die nie diskutiert wurden.

5. Zurück in die Hauptstadt: In den (sozialen) Medien ist Berlin-Bashing zum Volkssport geworden. Wie nehmen Sie den Wandel in einer voller und lauter werdenden Stadt wahr – und denken Sie manchmal darüber nach, Berlin zu verlassen?

Ich habe das Bashing nicht mitbekommen, weil ich die sozialen Medien, soweit es geht, nicht in mein Leben lassen will. Berlin ist Berlin. Eine Stadt, die immer für Aufregung gesorgt hat. Sie wird, wie jede interessante Großstadt auf der Welt, leider gerade „verkauft“ an die, die wirklich Geld haben. Sie wird zuhauf besucht, ist zu laut und teilweise runtergekommen. Sie verändert sich. Aber diese Veränderung wird auch immer Widerstand und somit Subkultur gebären, da bin ich sicher. Und immer, wenn ich denke, ich muss Berlin verlassen, fühle ich mich im Grunde heimatlos.

6. Haben Sie eine persönliche No-Go-Area?

Ich gehe nicht dahin, wo es fremdenfeindlich zugeht.

7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Ich liebe den Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte; lauter Theaterleute sind dort beigesetzt, eine ruhige Oase neben dem Brecht-Haus. Da sitze ich manchmal, esse eine Stulle und denke nach.

8. Wo in Berlin wollten Sie immer schon mal hin, haben es aber noch nie geschafft?

In Rudow soll’s irre Gärten geben, hab ich gehört …

9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?

Ich würde wahrscheinlich etwas in der Torstraße aussuchen.

10. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden glüht Ihre Kreditkarte besonders gern?

Als West-Berlinerin liebe ich Schöneberg, den Akazienkiez, und der Kudamm hat auch immer noch seine Faszination.

11. Der schönste und der schlimmste Stadtteil Berlins?

Wo Menschen aufgeschlossen und nett sind, ist es schön. Wo Menschen verbohrt und fremdenfeindlich sind, ist es schlimm.

12. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?

Dass sie derzeit die Bedeutung von Kultur für ihr eigenes Überleben nicht checkt. Dass kleine Läden, Bars, Clubs und Restaurants aufgeben müssen.

13. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

Joggen in der Hasenheide, guter Kaffee und ein Snack im Café Frau Krüger am Mauerpark. Lange spazieren gehen, am besten durch mehrere Bezirke, und immer wieder an Flohmärkten vorbeikommen. Am Abend ein Stück im Deutschen Theater oder in der Volksbühne. Und schließlich ein Gin Tonic dort, wo die Musik gut ist.

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